Denise M96;Baye singt und spricht von Sternen25.6.2060  -  The Wow must go on: Im Innenhof des Hannoveraner Theaters spielen sie kosmische Klänge unter freiem Himmel und lassen dabei fremde Welten auferstehen.

 
In Hannover sein. Unter Sternen sitzen. Im Hof, neben Kastanien, an kleinen runden Tischen. Die Augen schließen. Hinter einem liegt das Theater im künstlichen Koma. Links und rechts auf den Ästen gurren die Tauben. „In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist ein Irrsinn für sich“ steht – als Zitat aus Voltaires „Candide“ kenntlich gemacht – auf einer Kellertür. Ein Irrsinn ist das gerade für uns alle. Aber für manche eben noch ein kleines bisschen mehr. Zum Beispiel für die Schauspielerinnen und Schauspieler des neuen Ensembles am Hannoveraner Theater. Sie waren gerade erst in die Stadt gezogen, als der Lockdown kam und die neue Intendantin Sonja Anders ihre erste Spielzeit unterbrechen musste.
 
Seit Mitte März saßen sie in ihren Wohnungen und schickten sich digitale Rauchzeichen. Seit dem 11. Juni spielen sie wieder – „mit Abstand und Leidenschaft gegen die Corona-Pandemie“, wie es in der Ankündigung ihres eigenhändig schnell kuratierten Freiluft-Programms „The Wow must go on“ heißt. Sie spielen vor etwa siebzig Besucherinnen und Besuchern, und zwar vor backsteinerner Fassade im wunderschönen Innenhof des Theaters – „Ulrich Khuon Innenhof“ heißt der etwas alberner Weise. Der Name des amtierenden Bühnenverein-Chefs verleiht dem Ort etwas Hochoffizielles, sendet in jedem Fall das Versprechen aus, dass hier wirklich alles mit rechten Dingen zugeht, sämtliche Hygieneregeln und Vorschriften eingehalten werden.
 
Schall massiert Trommelfell
 
An diesem Abend geht es um den Klang der Sterne. Der Sounddesigner Malte Lahrmann präsentiert eine eindrucksvolle Collage aus akustisch wahrnehmbar gemachten Weltraumbeobachtungen, die er im digital zugänglichen Audioarchiv der Nasa gefunden und musikalisch miteinander in schwingende Beziehung gebracht hat. Ein junger Wissenschaftler vom örtlichen Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik erklärt in einer Art Lecture Performance, was zu hören ist, beziehungsweise „welcher Schall gerade unser Trommelfell massiert“: zum Beispiel das vertonte Magnetfeld eines Kometen oder der Vibrationslärm der Sonne, die Radiowellen des Saturns oder das Geräusch zweier zusammenstoßender Neutronensterne. Wenn in Milliarden Kilometer Entfernung irgendwo ein Stern explodiert, dann hörte man hier auf der Erde als akustische Übersetzung nur ein leises „Plopp“ – ein bisschen klingt das so, wie wenn eine Flasche Flensburger Pils geöffnet wird. Die aus Hollywoodfilmen bekannten wuchtigen Explosionsgeräusche entsprechen der kosmischen Klangwirklichkeit nicht im Entferntesten.
 
Die Geräusche des Theremin mögen ihr da schon näher kommen. Carolina Eyck beeinflusst die Schwingungen dieses artifiziellen elektronischen Musikinstruments durch die Position ihrer Hände: Je näher diese den zwei Antennen kommen, zwischen denen sich das elektromagnetische Feld aufbaut, desto höher beziehungsweise leiser werden die Töne. Vor hundert Jahren vom russischen Physiker und Cellisten Leon Theremin erfunden, bringt es eine quengelnd-zirpende Lautmalerei zustande, die auf Erden ihresgleichen sucht. Nur Major Tom kann dazu tanzen, hoch oben in einer menschenleeren Raumstation.
 
Sie glauben an Höheres
 
Die Schauspielerin Denise M’Baye führt mit anmutigem Staunen durch diese Neumond-Nacht und liest Texte der italienischen Astronautin Samantha Cristoforetti über die Wunder des Weltalls. Und einmal, bei irgendeiner der vielen geheimnisvollen Unvorstellbarkeiten, die sie vorliest, hält sie inne, wendet sich zum Publikum und bittet spontan um „Einmal Applaus für das unglaubliche Universum“. Kurz gibt es Irritationen und Gemurmel, aber dann, erst langsam und leise, schließlich immer schneller und lauter wird Beifall geklatscht, jubeln die siebzig Besucher den Sternen zu. Und zeigen damit an, dass sie im Theater sind, das heißt: an Höheres glauben.