Wortgewitter angesichts der Verheerungen in Vietnam: Corita Kents Siebdruck „American Sampler“, 196925.6.2060  -  Sunkist-Sonnen treffen auf Camus: Eine Ausstellung in Innsbruck zeigt Werke von Corita Kent, der „Lieblingsnonne“ Andy Warhols.

 
Kaum ein besserer Beleg für die Aktualität guter Kunst lässt sich denken als dieser: Eine Besucherin fragt bei der Ausstellungseröffnung angesichts der gezeigten Werke mit antirassistischen Inhalten, ob man die Künstlerin nach ihrer Meinung zu den Rassenunruhen in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, etwas fragen dürfe – doch die Künstlerin, Corita Kent, ist seit vierunddreißig Jahren tot, und das Bild, auf das sich die Frage bezog, stammt aus dem Jahr 1968. In der Western-Typographie alter „Wanted“-Fahndungsplakate und in den Freiheitsfarben der amerikanischen Flagge Rot-Weiß-Blau setzt Kent dort Wortketten hintereinander, aus denen das Auge Sinneinheiten wie „ASSASSINATION“, aber auch „SIN“ und „NATION“ und immer wieder „I“ und „AMI“ herausschneidet.
 
Indem die Wortcollage als Bild überzeugt, vermag der Betrachter die Worte zusätzlich noch in einzelne kleinere „Wort-Bilder“ zu zerlegen und zu lesen sowie sie mit völlig neuer Bedeutung vor dem inneren Auge aufzurufen. Genau genommen müsste man hier also von der „Zeitlosigkeit guter Kunst“ sprechen, offenbart die Frage der Besucherin doch indirekt auch den traurigen Umstand, dass sich im vergangenen halben Jahrhundert in dieser Angelegenheit wenig zum Positiven gewendet hat.>
 
Ihre Bilder prangen auf Gastanks und Briefmarken1967 wurde die Ordensschwester Mary Corita auch auf dem Cover der Newsweek als Moderne gefeiert – „The Nun: Going Modern“.
 
1967 wurde die Ordensschwester Mary Corita auch auf dem Cover der Newsweek als Moderne gefeiert – „The Nun: Going Modern“. >
 
Dies ist aber mutmaßlich zugleich eines der Geheimnisse der anhaltenden Faszination von Andy Warhols „Lieblingsnonne“ Corita Kent in Amerika. Nun ist ihr in Europa im barocken Taxispalais in Innsbruck nach einer Ausstellung 2007 im Kölner Museum Ludwig erst die zweite große Retrospektive gewidmet. Während in den Vereinigten Staaten jedes Kind „Sister Mary Corita“ kennt, etwa von ihren stadtbildprägenden monumentalen Bostoner „Gas Tanks“ in Regenbogenfarben, und ihr sogar eine Briefmarke gewidmet wurde, ist sie in den deutschsprachigen Ländern noch wenig im Bildgedächtnis verankert.
 
Innsbruck zeigt sie klug entschlackt von jeder religiösen Folklore, allein als Künstlerin – als die sich die Professorin für Kunst am Ordens-College auch immer fühlte. Treffend titelte die „Los Angeles Times“ am 12. Januar 1969 über Kent: „Einst Nonne, immer Künstlerin.“ Fokussiert auf ihre künstlerisch besten Jahre 1962 bis 1968, als sie aus dem Orden des „Immaculate Heart of Mary“ in Los Angeles austrat, zeigt sich dennoch ein dritter Weg der Kunst, der vor die Säkularisierung der Malerei zurückgeht, dabei eine entschieden spirituell-kämpferische Haltung demonstriert.
 
Die Ausstellung, die sich auf zwei große Säle mit Siebdrucken und kontextualisierenden Zeitdokumente sowie zwei Filmsäle zu Leben und Werk Corita Kents konzentriert, beginnt bewusst unchronologisch mit dem viel zu selten gezeigten „Circus Alphabet“. In dieser Serie von sechsundzwanzig quadratischen Siebdrucken kombiniert sie jeweils einen formatfüllend groß gedruckten Buchstaben des Alphabets mit einem mehr oder weniger frei assoziierten Bild aus einem Zirkusbuch des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und einem literarischen Text ihrer Zeit. Was sich dabei an Wahlverwandtschaften und Doppelbödigkeiten zwischen den so unterschiedlichen Ebenen Text und Bild auftut, ist enorm. Corita Kents Glaube an die Macht des Wortes, das Berge versetzen oder im Fall des von ihr bewunderten und mehrfach in den Bildern zitierten Martin Luther King Menschen emanzipieren kann, war noch ungebrochen. Beim Buchstaben E etwa, gedruckt in einer von ihr häufig benutzten Western-Type, legt sich ein wach geöffnetes Auge mit leicht skeptisch hochgezogenen Augenbrauen über die Letter. Darunter ist in energischer Handschrift ein Satz von Albert Camus gesetzt: „Should like to be able to love my country and still love justice“.
 Die heilige Künstlerdreifaltigkeit aus Farbe, Komposition und neuem Kontext, dazu topaktuell: Corita Kents „E“ aus ihrem „Circus Alphabet“ von 1968
Die Macht des Wortes im Bild
 
Das könnte illustrativer Kitsch sein, aber wie hier drei Ebenen zwischen dem Blick des Augen-Bilds, dem sich wuchtig nach vorne drängenden „E“ und dem gleichsam unter das Auge in die Bildhaut eintätowierten Camus-Zitat oszillieren, als sei eine Gewaltenteilung zwischen Ratio, der nüchtern zu erblickenden Realität und der Forderung des Satzes auf eine gültige Formel gebracht, ist im Wortsinn eindrücklich.
 
Auf einem anderen Bild von 1967, mitten im Vietnam-Krieg, laufen über einen weißen und signalroten Streifen nach rechts unten und gewellt die Worte „Stop the Bombing“, als stünden sie auf einer transparenten Flagge, die vom Wind zersaust wird. Derlei Botschaften könnten leicht in billigen Agitprop abgleiten. Kent aber erzeugt mit ihren Siebdrucklayouts zeitlose Bilder, indem sie starke Zeitungsüberschriften zerknüllt und abfotografiert. In „It can be said of them“ von 1969 hält dem hölzernen Kopf eines mexikanischen Schmerzensmanns mit spätgotischen Wurzeln – überronnen von Schweiß, Blut, Tränen und sichtlich ausgemergelt – auf der gegenüberliegenden Seite unten ein Dreiviertelporträt Robert Kennedys die Waage.
 
Das Gesicht Martin Luther Kings hingegen hat seinen Konterpart in dem auf der anderen Seite der Diagonale nachdenklich seinen Kopf aufstützenden John F. Kennedy kurz vor seiner Ermordung. Während alle vier Köpfe in unterschiedliche Rottöne getaucht sind, changiert der Textbalken in der Mitte mit einem betont „faktischen“ Zitat aus dem „New Yorker“ in seiner Farbskala zwischen diesen vier Bluttönen der alten und neuen „Schmerzensmänner“, wie um zu zeigen, dass es bei allen Unterschieden doch auch Gemeinsamkeiten zwischen den gezeigten Ermordeten gibt.
 
Derartige Kompilationen erinnern nicht von ungefähr an die Gestaltung mittelalterlicher Buchseiten. Dort waren etwa einem theologischen Text eine Auslegung mit ausufernden Assoziationen zur Seite gestellt, gerahmt von Miniaturen, die ohne Bezug zum Text und selbst in Bibeln oft anzüglicher Natur waren. Schwester Corita sah sich in der Tradition dieser Tausende meist namenloser Künstlerinnen und Künstler in mittelalterlichen Skriptorien und „auf halbem Wege zwischen Landschafts- und Zeichenmalerin“.
 
Schmerzensmänner verschiedener Zeiten: Corita Kents Siebdruck „It can be said of them“, 1969 >
 
Eine Landschaftsmalerei der Zeichen
 
Das verblüfft, denn Landschaften sind in keinem ihrer Bilder zu erkennen. Was sie mit dieser Selbstcharakterisierung meinte, erschließt sich aber in der filmischen Dokumentation ihrer Kunst- und Kunstgeschichtslehre im letzten Raum der Innsbrucker Ausstellung: Den Menschen umgebe eine Welt aus Zeichen, eine gemachte Landschaft aus Tankstellenschildern, Werbung für extra weiches Toastbrot – oder Sunkist, die in pyramidalen Orangensaft-Trinkkistchen eingefangene Sonne, die in Form quietschbunter Blüten häufig bei Kent erscheint. Schilder weisen bei ihr oft in mehrere Richtungen, die Bilder stellen so die Frage, welches der moralisch richtige Weg wäre. Kunst hat in Kents Augen die Aufgabe, diese künstliche Schöpfung zu feiern, um Gottes Kinder gerade auf das aufmerksam zu machen, was zum – wohlgemerkt irdischen – Glück noch fehlt. Kunst also als eminente Lebensbereicherung, die mit wohlfeiler Esoterik oder gar christlicher Missionierungsabsicht nichts zu tun hat.
 
Corita Kent – Joyful Revolutionary. Im Taxispalais Kunsthalle Tirol, Innsbruck; bis zum 11. Oktober. Die Broschüre zur Ausstellung mit Transkriptionen aller Texte ist kostenlos.