Ein Mann vor einem Flickenteppich, ein Flickenteppich von einem Mann: War Neil Young um 1974 nun in seiner dunkelsten Phase oder ganz im Gegenteil?25.6.2020  -  Neil Young bringt seine 45 Jahre lang unter Verschluss gehaltene Platte „Homegrown“ heraus. Die Anmutung des Kaputt-Derangierten entsprach seiner damaligen Lebensphase – und schadete der Kunst nicht.

 
Nach „Harvest“ (1972) vollzog Neil Young die wohl spektakulärste Bremsung in seiner Karriere – nicht indem er die Produktion gedrosselt hätte, sondern indem er statt der blankgewienerten Töne jener Überplatte plötzlich ganz andere, rauhe, unfertige, fast schon hässliche anschlug. Das war weniger eine Frage des Stils (der war damals durchweg und zuweilen heftig countryfiziert) als vielmehr der Mühe, die er sich gab beziehungsweise nicht mehr gab, und mündete in die doom trilogy: das Live-Album „Time Fades Away“ (1973) sowie die Studioalben „On The Beach“ (1974), das eines seiner ganz großen ist, und „Tonight’s The Night“ (1973 aufgenommen, 1975 veröffentlicht).
 
Über die Gründe für diesen Sinneswandel wurde viel gemutmaßt. Wahrscheinlich hatte Neil Young die „Harvest“-Kritik von John Mendelssohn im „Rolling Stone“ gelesen – „Er ist einfach zu irgendeinem weiteren, beliebigen, nett singenden Solo-Superstar herabgesunken“ – und wollte sich so etwas nicht zweimal sagen lassen. Über „Heart of Gold“, sein berühmtestes Lied, schrieb er dann in der Werkschau „Decade“ (1976): „This song put me in the middle of the road. Traveling there soon became a bore so I headed for the ditch. A rougher ride but I met more interesting people there.“
 
Die Anmutung des Kaputt-Derangierten in der Phase nach „Harvest“ ergab sich zum einen aus den damals bekannten Lebensumständen: Young trauerte um seinen Gitarristen Danny Whitten und seinen Roadie Bruce Berry. Es handelte sich aber auch um die Konsequenz aus einer künstlerischen Überzeugung, zu der Neil Young damals fand und die er, zum Verdruss manches Anhängers, der seinen Output dann doch für übertrieben hält – Neil Young dürfte inzwischen der Rockmusiker mit den meisten Platten sein –, nicht wieder aufgegeben hat: dass das Publikum einen Musiker in jeder beliebigen Verfassung erleben dürfe, ja müsse. Dass das Ergebnis dieser Wurschtigkeit dann oft genug auch danach ist, scheint ihn selbst nicht zu kümmern.
 
Es gibt eine Menge Aufnahmen, die Neil Young uns noch schuldig ist. Die auf die schöne Akustiksammlung „Hitchhiker“ (1976; 2017) nun folgende Lieferung ist wiederum Teil der als gewaltige Mogelpackung gestarteten Archiv-Serie und genauso ein lost album, dessen Legendenstatus sich schon aus seiner Verschollenheit ergibt und durch langes Zurückhalten noch gesteigert wurde. Offenbar ist die Zeit nun auch dafür reif. Neil Young gibt zu bedenken, dass ihm das seinerzeit zu intim gewesen wäre, es gehe da nämlich auch um „the sad side of a love affair“, nämlich um das Ende seiner Beziehung zu der mittlerweile verstorbenen Schauspielerin Carrie Snodgress, deren Anfang er mit „A Man Needs a Maid“ von „Harvest“ so schön besungen hatte. Rick Danko, Bassist von The Band, hatte ihm damals auch geraten, lieber erst „Tonight’s The Night“ herauszubringen.
 
Dem Unglück noch etwas Positives abgewinnen
 
Die hier versammelten, zwischen Juni 1974 und Januar 1975 in Los Angeles, auf Youngs Ranch in Nordkalifornien, in Nashville und in England eingespielten zwölf Lieder, von denen fünf in teilweise anderer Gestalt schon bekannt waren, ergeben ein integrales Album, dessen Titel schon damals feststand. Obwohl sich der Produzent Elliot Mazer, der bei „Harvest“ eine so goldene Hand hatte, unlängst skeptisch über das Songmaterial äußerte, handelt es sich bei „Homegrown“ doch um eine der triftigsten, werkbiographisch aussagekräftigsten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre.
 
Es beginnt fast beiläufig und als klimpere man bis zum Band-läuft-Signal noch einen Moment herum, mit „Seperate Ways“, das dem Unglück doch noch etwas Positives abgewinnt: „Though we go our seperate ways / Lookin’ for better days / Sharin’ our little boy / Who grew from joy back then.“ Man merkt, wie bündig Neil Young die lyrics handhabt, seine goldgelbe „Harvest“-Stimme hat schon einen Zug ins Verquält-Angewiderte, wie man es von „On The Beach“ kennt. Ben Keith spielt dazu die Pedal Steel Guitar und Tim Drummond den Bass, als wäre man noch mit „Harvest“ beschäftigt, so weich, so locker und so harmonisch. „Try“ handelt von der Schwiegermutter, die das Paar mit ihren Selbstmorddrohungen in Atem gehalten und die letzte dann doch wahr gemacht hatte: „Shit, Mary, I can’t dance.“ „Florida“ ist gesprochener Irrsinn, wie man ihn von den Bühnenansagen aus jener für Young so schmerzlichen Zeit kennt. Bemerkenswert der Barpianoblues „We Don’t Smoke It“, der so lange vor sich hin rumpelt, dass man ihn schon für ein Instrumentalstück hält. Und es gibt ein Wiederhören mit der jungen, damals noch fast unbekannten Emmylou Harris, die Young für den Backgroundgesang von „Star of Bethlehem“ verpflichtet hatte.
Höhepunkte sind der schon überlieferte, sparsame Folk „Love Is a Rose“, der Midtempo-Rocker „Vacancy“ und das Titelstück, das man in einer deftigeren, primitiveren, im Grunde besseren Fassung schon von der unterschätzten Resteverwertung „American Stars ’n Bars“ (1977) kannte. Aber auf diesem Dutzend geben ja nicht Crazy Horse den dreckigen Ton an, sondern die gebirgsbachklar und mit Bedacht musizierenden Stray Gators beziehungsweise das, was davon noch verfügbar war, zuzüglich Levon Helm von The Band und Karl Himmel, jeweils am Schlagzeug.
 Neil Young announces release date for 'Homegrown' + four others albums
Insgesamt bewegt sich diese anspielungsreiche Musik zwischen der bleichen Introspektion von „On The Beach“ und der nächtlich-trunkenen, todessehnsüchtigen, eigentlich schon unzurechnungsfähigen Bloßstellung von „Tonight’s The Night“. Eine Kritik notierte: „Young’s Chinatown moment“. Wirklich verbirgt sich unter der makellosen Oberfläche viel von der Noir-Stimmung, die Polanskis Film aus demselben Jahr hat. Neil Young hat es jedenfalls spät, aber nicht zu spät fertiggebracht, seiner doom oder, wenn einem die Straßengrabenmetapher besser gefällt, ditch trilogy ein viertes Geschwisterchen zu schenken, die Quadratur keines Kreises – dass es rundläuft, darauf legt er keinen Wert.