Die Video-Installation changiert, Sylvain Cambreling dirigiert: Die Übertragungen laufen täglich um 19 Uhr.27.6.2020  -  Bröckelnde Grabmäler: Die Symphoniker Hamburg erproben Videokunst an der Musik Gustav Mahlers. Dabei wird leider mit veralteten Kategorien gearbeitet.

Wenn es um neue Wege der medialen Vermittlung von Musik geht, fällt regelmäßig der Name Gustav Mahler. Bereits an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts stehend, verkörperte er noch einmal das romantische Bild des Komponisten, der die Verbindung von Kunst und Leben bedingungslos, wenn nicht selbstzerstörerisch praktizierte. Seine Musik bildet diese Kämpfe ab – ein Künstlerschicksal wie aus dem Bilderbuch. Als geeignetes Medium zu dessen Darstellung erwies sich schon immer der Film. Die Serie der Annäherungen an die Künstlerfigur Mahler beginnt 1974 mit der bildersatten Arbeit von Ken Russell. Ein bemerkenswerter Neuansatz folgt 2011 mit dem Dokumentarfilm „Of Love, Death and Beyond“ des amerikanischen Filmemachers Jason Starr, in dem Mahlers Leben mit der Entstehungsgeschichte der Zweiten Sinfonie verknüpft wird.

 
Bei den gegenwärtigen Versuchen, die Schließungen der Konzertsäle online wettzumachen, stehen nun Mahlers Musik und Gedankenwelt wieder im Zentrum. Vor einem Monat hat das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam eine in Darstellungsform und Reflexionstiefe beispielhafte Netzversion ihres lange geplanten Mahler-Festivals präsentiert, in dessen Zusammenhang auch Starrs 2014 gedrehter Film „Everywhere and Forever“ über Mahlers „Lied von der Erde“ gezeigt wurde.
 
Das Larghetto aus einem boenkonzert von Cimarosa
 
Dieses Spätwerk für zwei Gesangssolisten und Orchester über altchinesische, von Hans Bethge ins Deutsche übertragene Gedichte steht momentan auch im Zentrum einer siebentägigen Folge von Netzpräsentationen der Symphoniker Hamburg unter ihrem Chef Sylvain Cambreling. Die Übertragungen finden täglich um 19 Uhr statt und enden am kommenden Sonntag mit einer Gesamtwiedergabe des Werks; dabei wird umständehalber anstelle der originalen Orchesterbesetzung die Ensembleversion von Arnold Schönberg und Rainer Riehn für sechzehn Musiker gespielt. An bisher zwei Abenden konnte man einen Einblick in das für ein Sinfonieorchester noch recht ungewöhnliche Projekt erhalten. Sein Titel „Die liebe Erde allüberall“ deutet, ähnlich wie derjenige des Films von Starr, auf das Weltumfassende, Transzendente in Mahlers musikalischer Vision hin.
 
Angekündigt war ein einmaliges Experiment. Neue Bildwelten sollten dabei entstehen, die bisher angeblich weder in der Kultur- noch in der Bildtheorie begrifflich hinlänglich erfasst worden sind. Eine so tiefgreifende Auseinandersetzung mit diesen Möglichkeiten in Verbindung mit klassischer Musik finde hier vermutlich weltweit zum ersten Mal statt, hieß es unter Nennung des Stichworts „Künstliche Intelligenz“. Das sind hohe Ambitionen.
 
Doch der erste Eindruck hinterlässt leider gemischte Gefühle. Was die technisch-performative Seite angeht, bewegte sich die Präsentation generell unterhalb der heute geltenden Standards. Bis unmittelbar vor Beginn der Übertragung erklang aus dem Off zur Einstimmung noch Dvořáks Neunte, dann folgte, nur kurz durch eine Texttafel angekündigt, das erste Stück des Programms, das Larghetto aus einem Oboenkonzert von Cimarosa. Im weiteren Verlauf fügte ein anonymer Apparat Musikstück hinter Musikstück. Eine solche Datenbankmechanik wie bei den nächtlichen Fernsehserien mit pausenlos aneinandergefügten Dutzendkrimis lädt nicht gerade zu einer gemeinsamen künstlerischen Reflexion ein.
 
Nicht mit veralteten Kategorien arbeiten
 
Inhaltlich kreisten die ausgewählten Werke und Werkbestandteile um das „Trinklied vom Jammer der Erde“, den ersten Satz aus Mahlers Lied von der Erde. Musikalisch herrschte ein ernster Tonfall vor, ständiger Begleiter im Programm war das Memento mori. Die optische Begleitung bei der Wiedergabe der düsteren „Sechs Stücke für Orchester“ von Anton Webern, der Trauermusik von Paul Hindemith und von Maurice Ravels „La Valse“ in der Fassung für zwei Klaviere bestand in der Darstellung von Zerfallsprozessen. Der Videokünstler Aron Kitzig hatte dazu in Zeitlupe bewegte Bilder geschaffen: bröckelnde Grabmäler und menschenähnliche Gestalten, die durch Morphing ihre Gestalt verändern und sich langsam auflösen, lauter schönste Corona-Phantasien.
 
Mit der technisch anspruchsvollen Realisierung dieser Miniaturen kontrastierte das Bildformat. Links die Musiker auf der Bühne, rechts das begleitende Video und zur Abwechslung auch mal umgekehrt, eine Anordnung wie in Omas Bilderbuch, aber nicht auf der Höhe der heutigen technischen Möglichkeiten. Wie Musik und künstlich erzeugtes Bildmaterial auf innovative Weise miteinander in Beziehung gebracht werden können, hat in der vordigitalen Ära schon Iannis Xenakis mit den spektakulären Rauminstallationen seiner „Diatope“-Serie vorgemacht. Aber die siebziger Jahre gelten im Internetzeitalter offenbar schon als Vorgeschichte.
 
Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich Institutionen klassischer Musik über ihre Präsenz im Netz und über neue Darstellungsformen Gedanken machen. Nur sollte digitale Kreativität bei den heutigen Standards ansetzen und nicht mit veralteten Kategorien arbeiten. Dann lieber nur das traditionelle Abfilmen eines Konzerts. Da weiß man wenigstens, woran man ist.