Förderung: Ankabuta hat das Moering-Stipendium erhalten.27.6.2020  -  Ausdauer ebenso wie spontaner Witz kennzeichnen das künstlerische Werk der Moering-Stipendiatin Ankabuta. Das Stipendium wird seit 2009 von der Stadt Wiesbaden vergeben.

 
Ankabuta ist kein lauter Mensch. Schon, dass sie all die kleinen und kleinsten Teile, die sie zu umso großflächigeren Installationen verarbeitet, mit den eigenen Händen herstellt, lässt auf ein konzentriertes und in sich ruhendes Wesen schließen. So hat sie vor einigen Jahren aus Frischhaltefolie, Acrylfarbe und Draht Tausende von Ameisen geformt, die dann erst durch das Museum Künstlerkolonie in Darmstadt und später das Museum Wiesbaden krabbelten. Mit der gleichen Hingabe und Fingerfertigkeit widmet sich die 1980 in Korea geborene Künstlerin inzwischen ihren „Drahtzeichnungen“, die die von ihr bevorzugte Technik der Bleistiftzeichnung in die dritte Dimension überführen. Auf diese Weise hat sie unter anderem einem Strom von Assoziationen zum Thema Heimat Gestalt gegeben: Ungezählte Miniaturen von Stadtansichten, Baudenkmälern, Menschen, Tieren und Dingen bedecken seit 2014 eine 24 Meter breite und vier Meter hohe Wand im Foyer des Darmstädter Energieversorgers Entega. Diese Objektchen wirken wie gezeichnet und scheinen doch über dem weißen Untergrund zu schweben.
 
Indes empfängt Ankabuta ihren Besuch jetzt besonders leise. Denn ihre Wohnung im Wiesbadener Westend, in der sie mit ihrem Mann, einem niederländischen Architekten, seit acht Jahren lebt und die sie zugleich als Atelier und Depot nutzt, hat inzwischen auch ein Kinderzimmer. Dort schläft gerade ihr Sohn Roah, der vor achtzehn Monaten auf die Welt kam. Zeit ist für sie seither etwas noch Kostbareres. Zumal sie gerade ein großes Projekt in Angriff genommen hat: Soeben wurde ihr das Christa-Moering-Stipendium zuerkannt, das die Stadt Wiesbaden seit 2009 vergibt und neben einer Förderung in Höhe von 10.000 Euro mit einer Ausstellung nächstes Jahr in der städtischen Kunsthalle verbunden ist.
 
Nachwuchs als neue kreative Quelle
 
Die naheliegende Frage, wie sie die Herausforderungen als freie Künstlerin und als Mutter vereinbart, scheint bei ihr nicht angebracht. Denn die Geburt ihres Sohnes bedeutet für sie nicht, dass sie unterschiedliche Aufgaben irgendwie unter einen Hut kriegen muss. Vielmehr wird der Einfluss, den dies auf ihr Leben hat, zu einer neuen kreativen Quelle für ihre Kunst.
 
Welche Rolle dem Nachwuchs dabei zukommt, verraten die Titel der Bleistiftstudien, die das schlummernde Kind zeigen: „Chef“ steht dort oft neben dem Entstehungstag. Die Blätter erweitern Ankabutas Spektrum als Porträtistin, die sich zuvor vor allem mit großformatigen, ebenfalls mit Bleistift zu Papier oder in geradezu altmeisterlicher Technik in Öl auf Leinwand gebrachten Bildnissen fremder Menschen hervorgetan hat. Während andere Eltern die Entwicklung ihres Nachwuchses fotografisch oder mit Tagebucheinträgen dokumentieren, reiht Ankabuta Zeichnungen zu einer Chronik ausgiebiger Beobachtung. Nur eine comichafte Umrisszeichnung eines auf dem Rücken liegenden Babys, aus dem fontänengleich ein Urinstrahl ins eigene Gesicht schießt, unterbricht den Ernst dieser Blätter, deren Manier an die Meister der italienischen Renaissance denken lässt. Einen ähnlich spontanen Witz lassen kleine Porträt-Skulpturen erkennen: Ein kleiner modellierter Kopf auf einer Bierflasche etwa zeigt „Hr. Nijdam“, während man es bei einem Tonkügelchen mit Gesicht, das in einer Wäscheklammer steckt, mit „einem Mann“ zu tun hat.
 
Ausstellung wird das Thema „Dekor“ haben
 
Ankabuta heißt bürgerlich Songie Seuk und hat sich nach dem arabischen Wort für weibliche Spinne benannt. 2004, nach ersten Studienjahren in Seoul, kam sie nach Deutschland und wurde in Kassel von so renommierten Lehrern wie Urs Lüthi und Dorothee von Windheim ausgebildet. In den Genuss gutdotierter Förderung kommt sie nicht zum ersten Mal. Trotzdem habe sie inzwischen ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt, nicht mehr nur für sich allein verantwortlich zu sein, erzählt sie. Deswegen lebe sie jetzt nicht nur gesünder und sei „echt nett geworden“, sondern beteilige sich auch an Ausschreibungen für Kunst am Bau, bei denen nicht nur der siegreiche Entwurf honoriert wird und dies insofern eine gewisse Sicherheit verspricht. Beim Berliner Humboldt-Forum erreichte sie sogar das Finale.
 
Das Thema des Moering-Stipendiums lautet diesmal „Dekor“. In Ankabutas Skizzenbuch finden sich bereits einige Motive, die direkt auf diese Vorgabe reagieren. Eine Kartusche beispielsweise, wie man sie an den Wiesbadener historistischen Gebäudefassaden findet. Samt den drei Lilien aus dem Stadtwappen. Dass sie nun im eigentlichen Sinne Dekoratives hervorbringt, darf man von ihr aber kaum erwarten. Im Moment denkt sie über den Begriff im Sinne von Muster nach, was auch Lebensmuster bedeuten kann und damit, zumindest in Ankabutas Fall, Veränderung.