Ausschnitt aus Mika Rottenbergs zwanzigminütigem Video „Squeeze“27.6.2020  -  Gemeint, gemacht, gemahnt: Die Leipziger Ausstellung „Zero Waste“ geht unserem Konsumverhalten auf den Grund.

 
In der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte um Ressourcenverbrauch reden alle über den individuellen „Fußabdruck“, aber was der so alles auslösen kann, ist selten deutlicher gemacht worden als jetzt im Leipziger Museum der bildenden Künste. Dort hat der niederländische Künstler Dani Ploeger ein „Labor fürs Elektro-Altern“ installiert, dessen Hauptbestandteil, ein meterlanger Hohlzylinder, rund um eine Achse mechanisch derart in Drehung versetzt werden kann, dass in seinem Inneren ein handelsüblicher Elektroartikel mit lautem Geschepper immer wieder aufs Neue herabstürzt. Zum heutigen Beginn der Ausstellung „Zero Waste“ wird ein Rasierapparat diesem Belastungstest unterworfen, und ausgelöst wird dessen Malträtierung eben durch einen Fußabdruck: Die Besucher selbst starten den Vorgang durch den Tritt auf ein Pedal. Es kostet nicht viel Vorstellungskraft, um dem Rasierer keinen sehr langen Produktlebenszyklus unter diesen Laborbedingungen zu prognostizieren.
 
Genau dieser Nachweis ist natürlich Ploegers Absicht: Vom vorherigen Einsatz seines erkennbar handgebastelten Ungetüms ist ein Tütchen mit zersplitterten Einzelteilen eines solchen Rasierers übrig geblieben – „die würden dann ihren Weg nach Ghana finden“, sagt der Künstler. Oder in ein anderes wirtschaftlich weniger entwickeltes Land, das seine Handels- und Ressourcenbilanzen durch den Import westlichen Wohlstandsmülls aufzubessern gedenkt. „Zero Waste“ will uns die Augen öffnen über die Kurzsichtigkeit des eigenen Konsumverhaltens und die Langzeitwirkung der daraus resultierenden Umweltschäden.
 
So macht man Dinge kaputt: Dani Ploegers Apparatur setzt Elektrogeräte einem wiederholten Absturz aus.So macht man Dinge kaputt: Dani Ploegers Apparatur setzt Elektrogeräte einem wiederholten Absturz aus >
 
Dabei hat das Leipziger Museum einen ebenso kompetenten wie solventen Partner als eigentlichen Ausrichter der Schau zur Seite: das in Berlin angesiedelte Umweltbundesamt, in dem seit den siebziger Jahren die Programmreihe „Kunst und Umwelt“ organisiert wird. Diesmal ermöglicht das Amt eine Zusammenstellung von fast zwanzig künstlerischen Positionen aus der ganzen Welt, die sehr eindeutig selbst Position beziehen. Hier werden bürokratische Monsterfloskeln wie „Ökosystemrichtlinie“, „Abfallkreislaufwirtschaft“, „Energieeffizienzmerkmale“ oder „Einwegkunststoffrichtlinie“ ästhetisch anschaulich gemacht – wobei die Ausstellung leider am zuverlässigsten an Kunst erinnert, wenn eben das Wort „Kunststoff“ fällt. In Leipzig ist alles sehr gut gemeint, manches auch ganz gut gemacht, aber es wird vor allem pausenlos gemahnt. Und Mahnmale haben mit Kunst nicht notwendig etwas zu tun.
 
So denn auch nicht häufig im Leipziger Museum, wo die in ihrer Gestaltung möglichst ökologisch verträglich konzipierte Ausstellung – zum Beispiel dank wiederverwertbarer Materialien, des Verzichts auf Aktualisierung bereits älterer Installationen und der Kompensation unvermeidlichen Ressourcenverbrauchs durch Anpflanzung von Bäumen in der Stadt – den Besuchern in den klinisch weißen Sälen des Untergeschosses die Anmutung einer Edelmüllkippe bietet. Kein Wunder, ist doch ein Großteil der gezeigten Arbeiten found garbage, wie man in Anlehnung ans Dokumentarfilmprinzip des found footage sagen könnte.
 
Die deutsche Künstlerin Swaantje Güntzel etwa, neben ihrem Landsmann Wolf von Kries am prominentesten in der Schau vertreten, hat in den Mägen verendeter Albatrosse gefundene Plastikspielzeugteile, die den Tieren den Tod brachten, insofern recycelt, als man sie nun in einem Automaten präsentiert bekommt, aus dem man sie für jeweils zwei Euro erwerben könnte (wenn nicht der Münzeinwurfschlitz deaktiviert wäre). Eine gesetzlich vorgeschriebene Aufschrift warnt, dass der Inhalt „nicht geeignet für Kinder im Alter bis zu 36 Monaten“ sei, weil er „kleine Teile“ beinhalte, die bei Verschlucken schaden könnten. Bedauerlich, dass Vögel nicht lesen können.
 
Plastikmüll macht nicht glücklich: Swaantje Güntzels Selbstporträt „Microplastics II“ mit Gesichtsapplikationen aus gesammeltem Abfall.< Plastikmüll macht nicht glücklich: Swaantje Güntzels Selbstporträt „Microplastics II“ mit Gesichtsapplikationen aus gesammeltem Abfall.
 
Die Präsentation solch ungewollter Relikte unseres modernen Wohllebens ist der Cantus firmus von „Zero Waste“. Nur selten wird es dabei jedoch derart geistreich wie bei einer Tube mit der Farbe „Neckartorschwarz“, die der Stuttgarter Künstler Erik Sturm mittels den Bindemitteln Leim und Wasser aus von ihm gesammelten Staubablagerungen an einer verkehrsreichen Straße seiner Heimatstadt hergestellt hat. Würden mehr Kraftfahrzeuge so angetrieben wie jene Buick-Limousine, die der Amerikaner Michel de Broin 2007 von Motor- auf Pedalantrieb umrüstete und dann bei einer Tour mit vier Tretautopassagieren durch New York City filmte, hätte Sturm wohl lediglich Neckartorgrau erzeugen können.
 
Die meisten vertretenen ausländischen Künstler blieben der gestrigen Eröffnung der Ausstellung fern, um deren Ökobilanz nicht zu verschlechtern – immerhin hat der fürs Anpflanzprogramm verantwortliche Andreas Greiner errechnet, dass zwei Flugtickets über den Atlantik mit einem sechzigjährigen Baumleben gerade kompensiert werden müssten. Dass man allerdings zum Anreiseverzicht der argentinisch-israelischen Künstlerin Mika Rottenberg mehr zu lesen bekommt als zu deren rätselhaft-surrealer Videoinstallation „Squeeze“, ist unerfreulich. Zugleich aber nur konsequent angesichts einer Ausstellung, die man auch ganz hätte absagen können, um damit ein künstlerisches Plädoyer für schonenden Ressourceneinsatz zu liefern. Gewundert hätte es wohl niemanden, vermisst hätten wir wohl wenig. Höchstens Dani Ploegers Pro-Aging-Apparatur.