27.6.2020  -  Die Ausstellung „Subjekt und Objekt“ in Düsseldorf präsentiert im Rundumschlag Fotokünstler zwischen Rhein und Ruhr. Dabei gestattet sie sich alle Freiheiten zwischen Sammelsurium und Fundgrube.

 
Ein riesiges Smartphone empfängt den Besucher der Ausstellung „Subjekt und Objekt“, Johannes Post hat es als Folie auf die Fensterscheibe der Kunsthalle Düsseldorf geklebt und präsentiert damit beispielhaft den meistbenutzten Fotoapparat der Gegenwart. Das Schutzglas ist gesplittert und sieht so gar nicht nach Warenfetisch aus, vielmehr fragt man sich, welches gelebte Leben in den Händen von Jugendlichen, vielleicht aber auch auf einer langen, erzwungenen Reiseroute dieses Handy wohl ramponiert haben mag. Und was darüber so alles kommuniziert wurde. Zu solchen Assoziationen lässt der 1983 in Neuss geborene Künstler weitere flüchtige Bilder hinzutreten. Außen spiegelt man sich auf dem menschengroßen Display, von innen schaut man hindurch auf den Grabbeplatz und sieht die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in jener malerischen Unschärfe, in der sie Gerhard Richter einmal auf die Leinwand gebracht hat.
 
Bilder über Bilder, diesmal echte, exakt 512 aluminiumgerahmte Fotografien, hortet Jörg Sasse ebenfalls gleich eingangs in seinem „Speicher II“ von 2010. Das akkurate Archiv strahlt die kühle Brillanz eines minimalistischen Objekts aus und nimmt denkbar unterschiedlichste Motivgruppen in sich auf. Einige davon hängen an der Wand wie die Miniserien „Feiertags“ und „Fassaden“: Ausdruck einer betont lakonischen Bemächtigung der Welt durch serielle Fotografie, wie sie in der „Düsseldorfer Schule“ von Bernd und Hilla Becher gelehrt wurde, hier indessen versehen mit trockener Ironie.
 
So richtig kommt die Ausstellung nicht in der Gegenwart an
 
Hunderte von Bildern wiederum versammelt die Gruppenschau über die Geschichte der Fotografie an Rhein und Ruhr, seit Otto Steinert 1959 an der Essener Folkwangschule die erste Fotoklasse an einer Hochschule in der Bundesrepublik übernommen hatte. Der Vorlauf der Ausstellung reicht hinter die aktuelle Debatte zurück, wo ein neues Institut für das Genre angesiedelt werden soll – in Essen oder in Düsseldorf? Als Plädoyer für einen Standort kann sie ebenso wenig gelesen werden wie als Nabelschau der Fotostadt Düsseldorf, wie ihn vor knapp zwanzig Jahren der Überblick „von heute bis jetzt“ aufbereitet hatte. Wofür aber dann?
 
Für die Pluralität von Positionen in „Gemeinsamkeiten und Unterschieden“ und „teils eindeutig nachvollziehbaren wie andererseits losen Verflechtungen“ in der Region, so das Vorwort von Dana Bergmann, Ralph Goertz und Gregor Jansen. Auf „stringente Zuordnungen“ von Schulen, Orten, Chronologien wollten die Kuratoren verzichten und setzen vielmehr auf „assoziatives Zusammenspiel“. Damit gestatten sie sich alle Freiheiten zwischen Sammelsurium und Fundgrube. Man ahnt, wie die Künstlerliste in der Vorbereitung wuchs und wuchs, bis sie bei 107 Fotografinnen und Fotografen geschlossen wurde.
 
Deren weit mehr als sechshundert Bilder und Werkgruppen bringt die Schau in einem flotten Ausstellungsdisplay aus kargen Stellagen zusammen, kurzweilig mischt sie – eher wenige – große mit kleinen Formaten sowie die Einzelbilder und Serien. Namedropping möchte man der Ausstellung nicht vorwerfen; dass sie sich sonderlich bemühte, ihren Besuchern etwas über Künstler, Werke, Beweggründe zu erzählen, welche die Schau nicht sichtbar machen kann, leider auch nicht.
 
So flaniert man ohne Begleitheft und nähere Informationen, die über nackte biographische Daten hinausgingen, an den Beitragshäppchen entlang und lässt die Stile, Genres, Haltungen auf sich wirken, die da gelegentlich in Dialog treten oder aufeinanderprallen: Dokumentation, Reportage und Reklame, Stillleben, Porträt und Performance. So im „Kinosaal“ etwa die jüngeren, surreal-multiperspektivischen Gartenlandschaften von Beate Gütschow und das atmosphärisch dichte „Sex-Theater“ mit Darstellern aus St. Pauli von André Gelpke aus den siebziger Jahren – aufgenommen in einem Geist, für den der Kurator Klaus Honnef damals den Begriff „Autorenfotografie“ prägte.
 Martin Rosswogs „Haus Stumm, Küche“
Martin Rosswogs „Haus Stumm, Küche“ >
 
Man entdeckt frühe Living Sculptures des jungen Thomas Ruff neben den ganz und gar unspektakulären und doch fesselnden Einblicken in oberösterreichische Gehöfte von Bernhard Fuchs, die sich einer außergewöhnlich differenzierten Wahrnehmung verdanken; oder die Landschaften von Knut Wolfgang Maron im Stil des Piktorialismus gegenüber den abstrakt-expressiven „Gletschern“ des 1937 geborenen Detlef Orlopp. Letzterer, Fotograf aus der Steinert-Schule, steuert an anderer Stelle einige Porträts von bestechendem Realismus aus den Sechzigern bei – die Passage von Porträt- und Aktfotografie mit Werken von Arno Jansen, Rudolf Bonvie, Annette Frick, Sabine Dusend und Sebastian Riemer zählt zu den gelungenen, weniger flatterhaften Partien der Ausstellung.
 
In ihrer Fülle der Fotografinnen und Fotografen, die jeweils nur mit wenigen Bildern vorgestellt werden, kann die Ausstellung jeweils nur antippen, was deren Werke insgesamt auch auszeichnen sollte: das Erfassen und Durchdringen von Realität in eigener Perspektive und Erzählung, eine Menschenkenntnis und Orientierung darüber, wo und in welcher Zeit man lebt, wofür Wilhelm Schürmann oder Jitka Hanzlová beredte Beispiele liefern. Was bedeutet Zeitgenossenschaft?
 
Candida Höfers „Liverpool XV 1968“< Candida Höfers „Liverpool XV 1968“ 
 
Bei den jüngeren Werken dieses Panoramas entsteht der Eindruck, all die brennenden Themen von Migration, Populismus, sozialer Spaltung seien kaum von Interesse und die Fotografie in der Region Rhein-Ruhr beschäftige sich lieber mit wohlfeilen Abstraktionen und rechtschaffenen Stillleben, ihren technischen Voraussetzungen und dem Kunstwollen der Fotografie. So richtig kommt die Ausstellung nicht in der Gegenwart an. Zu den Ausnahmen zählt die Reihe „Pithead“ des 1976 im türkischen Bursa geborenen Fatih Kurceren über den sozialen Umbruch im Ruhrgebiet – einen Strukturwandel, der in den Hinterhöfen des einstigen Kohlenpotts nur bedingt zu spüren ist.
 
Da war die frühere, in der Ausstellung repräsentierte Generation häufig näher am Puls. So zum Beispiel Angela Neuke mit ihrer Serie „Frauenkongress, Februar 1975“: Der Zeitgeist der siebziger Jahre spricht daraus so deutlich wie eine Aktualität, die sich erhalten hat. In formaler Hinsicht sticht Volker Heinzes Bilder-Arrangement in seiner Serie „Der Schein des Vertrauten“ aus den Achtzigern hervor.
 
Auf dem Fußboden steht ein Porträt von William Eggleston, der diese Reihe inspiriert haben dürfte, im Cluster verteilen sich die häuslichen Impressionen des Alltags locker auf der Wand: Lebenszeichen, beiläufig eingesammelt als „Reste des Authentischen“, wie Ute Eskildsen 1986 eine einflussreiche Fotoschau in Essen genannt hatte. Gut zu wissen, dass sich demnächst in der Region ein Institut mit der Kunst befassen wird, die hier eine Tradition und eine Heimat hat.
 
Subjekt und Objekt. Foto Rhein Ruhr, Kunsthalle Düsseldorf; bis 16. August. Der Katalog, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, kostet 30 Euro.