Kreise; Mozartfest Würzburg< Lichtkreise leiten die Konzertbesucher auf ihre Plätze

29.6.2020  -  Das Mozartfest Würzburg findet neue Möglichkeiten des Zusammenspiels
 
Die momentanen Bedingungen für klassische Konzerte in Bayern können einen wahnsinnig machen - oder kreativ. Beim Mozartfest Würzburg lässt das "Orchester im Treppenhaus" jeden Besucher am Eingang einzeln von einem Lichtkreis abholen und auf seine Position im Raum bringen. Manchmal treibt die Regie auch noch während des Konzerts Schabernack und parkt die Besucher um, wenn die ebenfalls in Lichtkreisen wandelnden Musiker Platz beziehungsweise Abstand brauchen. "Circles" heißt das Spiel, das sich das auf innovative Konzertformate spezialisierte Ensemble ausgedacht hat und das einer raffinierten Klangdramaturgie folgt. Von einer Hymne der byzantinischen Komponistin Kassia aus dem 9. Jahrhundert steigert sich das Tempo über Sätze von Prokofjew und Bach bis zum "Concert Piece for Drums and String Orchestra" des zeitgenössischen Komponisten Stefan Solyom.
 
Immer wilder irren dabei auch die vier Streicher und der Schlagzeuger durch den Raum, als würden sie wahnsinnig in der Isolation, auf der Suche nach ihren Spielpartnern und ihrem Publikum. Bis am Ende alle Lichtkreise sich auflösen und zum langsamen Satz aus Beethovens letztem Streichquartett op. 135 zu einem utopischen Moment der Freiheit verschmelzen. Das ist so unmittelbar sinnfällig gedacht, so ernst wie verspielt gleichermaßen, dass man darüber sogar die scheußliche Architektur des Vogel Convention Center im Würzburger Industriegebiet vergisst.
 
Schließlich verfügt das Mozartfest Würzburg mit der prächtigen Residenz in normalen Jahren über ganz andere Spielorte. Doch Evelyn Meining, die Intendantin des Mozartfests, wollte nicht einfach aufgeben und absagen wie viele andere. 17 000 bereits verkaufte Karten hat sie mit dem kleinen Team in den letzten Wochen rückabgewickelt, was ein Wahnsinn ist, wenn man zu fünfzig Prozent von Karteneinnahmen lebt - und gleichzeitig "ein komplett neues Festival aus dem Boden gestampft".
 
Meining hat Konzerte für den Stream und fürs Radio veranstaltet, mit dem "Blauen Eumel" einen Musik-LKW in die Stadt geschickt und im "Mozartlabor" junge Stipendiaten mit Musikern und Wissenschaftlern ins Gespräch gebracht. "Widerstand. Wachsen. Weitergehen", das lang geplante Motto des diesjährigen Mozartfests, hat darüber einen ganz neuen Sinn gewonnen, als Widerstand auch gegen die Regeln des Freistaats für Konzerte, die "nicht besonders logisch sind", wie die Intendantin sagt. Während sich in den lauen Wochenendnächten die Menschen am Main geradezu drängelten, durften etwa an den drei Konzerten der Kammerakademie Potsdam im riesigen Vogel Convention Center jeweils höchstens einhundert Besucher teilnehmen. Dass sie stattfinden konnten, ist dennoch ein Triumph für Meining, die ohne jede Planungssicherheit an einigen Konzerten mit Publikum für die letzten Tage des Mozartfests festgehalten hat.
 
Mit nur 28 Musikern führt nun Hartmut Haenchen vor, wie man Beethovens Vierte Symphonie mit der "Klangrede" der historischen Aufführungspraxis zum Sprechen bringt: Der Dirigent stülpt den Sätzen keine geschlossene Atmosphäre und kein durchgehendes Metrum über, sondern entwickelt sie aus einem lebendigen Spiel von Frage und Antwort, von Solisten und Gruppen.
 
Bläser und Pauker gewinnen auf historischen Instrumenten einen ganz anderen Raum als in vielen Aufführungen. Und für Mozarts Oboenkonzert kommt mit Ramón Ortega Quero ein Solist hinzu, der sich in dieses Spiel einbinden lässt und es gleichzeitig anführt. Wie Lockrufe eines Vogels an die Kammerakademie klingen seine Phrasen, denen er durch kluge Gestaltung der Dynamik immer neue Farben abgewinnt. So geht es hier letztlich um dasselbe, was auf experimentelle Weise auch das "Orchester im Treppenhaus" formuliert: um die Bedeutung, die das gemeinsame Spiel in der Musik hat. Im kommenden Jahr wird das Mozartfest seinen hundertsten Geburtstag dann hoffentlich mit Konzerten feiern können, bei denen das kein Problem ist.