Dem Gemälde „Eva“ von Chaim Soutine hat die Schauspielerin Julia Schewtschuk einen rotlackierten Protestfinger hinzugefügt. Das Bild gehört zu der Kunstsammlung des Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko, die konfisziert wurde.29.62020  -  Vorige Woche wurde der aussichtsreichste Herausforderer Lukaschenkas bei den kommenden Präsidentschaftswahlen in Belarus verhaftet und die von ihm aufgebaute Kunstsammlung konfisziert. Jetzt wird ein Gemälde zum Symbol der Proteste in Minsk.

 
In Belarus wurde eine öffentlich zugängliche Kunstsammlung Geisel im Präsidentschaftswahlkampf. Viktor Babariko, langjähriger Direktor der Belgasprombank, einer Tochter des russischen Gasprom-Konzerns, hat seit neun Jahren auf internationalen Auktionen Werke von Künstlern mit weißrussischen Wurzeln gekauft, die in ihrer Urheimat nicht vertreten sind. Der Schwerpunkt der hundertfünfzig Arbeiten starken Sammlung liegt auf der „Pariser Schule“ jüdischer Künstler, die in Belarus geboren wurden – wie Marc Chagall, Chaim Soutine, Ossip Zadkine, Pinchus Kremegne. Hinzu kommen solche, die nach Russland gingen, wie Leon Bakst oder Nikodim Silivanowitsch. Da bis zum Zweiten Weltkrieg Teile von Belarus zu Polen gehörten, sind aber auch polnische Porträtisten des neunzehnten Jahrhunderts wie Józef Oleszkiewicz und Valenti Vankowitsch vertreten.
 
Babariko, der den Bankvorsitz im Mai niederlegte, will bei den Präsidentschaftswahlen am 9. August gegen den Langzeitpräsidenten Alexander Lukaschenka antreten; er gilt als dessen aussichtsreichster Konkurrent. Vorige Woche wurde er verhaftet, die im Minsker Palast der Künste ausgestellte Belgasprombank-Sammlung wurde konfisziert. Lukaschenka behauptet, Babariko habe Geld und Kunstwerke ins Ausland bringen wollen. Der Status der Sammlung sei derzeit unklar, sagt ihr Kurator Alexander Zimenko. Die Beamten, die die Werke abtransportierten, hätten ihm keinerlei Bescheinigung ausgestellt.
 
Die Galerie bleibt allerdings virtuell geöffnet, an den Wänden hängen statt der Gemälde leere Rahmen mit Scan-Codes, welche die Bilder für die Besucher sichtbar machen. Ein Spitzenwerk ist das 1928 entstandene Frauenporträt „Eva“ von Chaim Soutine, der als zehntes Kind eines bitterarmen Flickschneiders im Schtetl Smilowitschi bei Minsk aufwuchs, wo er fürs Zeichnen geschlagen wurde. Über Vilna ging er nach Paris und entwickelte einen eigenen Expressionismus, der die Gewalterfahrung der Kreatur in den Mittelpunkt rückt.
 
„Eva“, von der Belgasprombank für knapp zwei Millionen Dollar bei Sotheby’s erworben, ist das teuerste Bild in Belarus und gehört zum nationalen Erbe, das nicht ins Ausland verkauft werden darf. Nun ist „Eva“ eine Ikone des Protests gegen das Regime Lukaschenkas geworden: Insbesondere eine Reproduktion, der die Schauspielerin des Belarus Free Theatre Julia Schewtschuk einen rotlackierten Stinkefinger verpasste, ziert T-Shirts, mit denen junge Minsker ihre Unterstützung für Babariko und mehr Rechtsstaatlichkeit zum Ausdruck bringen. Unter dem Hashtag „Evaljuzia“ verteidigen oppositionelle Weißrussen ihr Recht auf Kunst, die „Männer in Schulterklappen“ ihnen weggenommen hätten. In den sozialen Netzwerken erscheint Eva in gestreifter Sträflingskluft, hinter Gittern oder mit Fingern, die ein Herz formen, dem Erkennungszeichen der Babariko-Anhänger. Eine breite Allianz von Kulturschaffenden fordert, das Verfahren gegen Babariko, der viele Sparten der belorussischen Kultur fördert, einzustellen. Zimenko befürchtet, dass Lukaschenka plant, die Kunstsammlung unter den staatlichen Museen aufzuteilen.
--