Endlose Grausamkeiten: Eines von sieben Martyrien des Heiligen Georg aus dem Georgsretabel der Kirche St. Nicolai in Kalkar zeigt dessen Pfählung. Der Junge mit Zipfelmütze als Ergänzung des neunzehnten Jahrhunderts zeigt deutlich den Unterschied zwischen Meister Arnts psychischer Aufladung des Scharfrichtergesichts und dem süßlichen Knabengesicht des Restaurators Ferdinand Langenberg. < Endlose Grausamkeiten: Eines von sieben Martyrien des Heiligen Georg aus dem Georgsretabel der Kirche St. Nicolai in Kalkar zeigt dessen Pfählung. Der Junge mit Zipfelmütze als Ergänzung des neunzehnten Jahrhunderts zeigt deutlich den Unterschied zwischen Meister Arnts psychischer Aufladung des Scharfrichtergesichts und dem süßlichen Knabengesicht des Restaurators Ferdinand Langenberg.

29.6.2020  -  Bei ihm vibrieren die Faltengebirge und Stirnrunzeln: Der spätgotische Bildhauer Meister Arnt ist das niederrheinische Pendant zu Tilman Riemenschneider. Eine Kölner Ausstellung zeigt sein ganzes Können.
 
Er war bisher der große Unbekannte der spätmittelalterlichen Bildhauerei - Meister „Arnt, der Beeldesnider“, wie er sich in einer Quelle aus dem Jahr 1460 „myt myn selfs hant ghescreven“ erstmals und leider auch einmalig nennt. Obwohl die Schriftquelle bei einer quittierten Auszahlungssumme von mehr als vier rheinischen Gulden für nur ein geschnitztes Wappen und eine Helmzier mit Schwan und Ochsenkopf einen hohen Preis für einen offensichtlich sehr gefragten Künstler offenbart, gibt es nicht ein von diesem Arnt signiertes Werk.
 
Absatzgebiet von Zwolle bis Köln
 
Bis in die fünfziger Jahre dauerte es, bis die Kunstgeschichte ihm überhaupt eine ernstzunehmende Menge an Großaltären und Skulpturen mittels ihres Zuschreibungsinstruments „Händescheidung“ (in diesem Fall Lippenscheidung, verrät sich ein echter „Arnt“ doch durch die wulstig hervortretende Unterlippe) attestierte. Jetzt aber, mit neuen Ankäufen für das Kölner Museum Schnütgen, ist klar, dass dieser Bildhauer nicht nur künstlerisch in seinen besten Werken mit Tilman Riemenschneider konkurrieren kann, sondern auch eine ausgedehnte Region von seinem Hauptsitz Zwolle in den heutigen Niederlanden bis Köln und darüber hinaus belieferte.
 
Die gut organisierte Werkstatt, die dies ermöglichte, verbreitete Arnts Stil auch nach seinem
 
Tod 1492 weiter, wie im Raum „Gefragte Heilige“ augenfällig wird: Ein annähernd lebensgroßer Antonius, dem berühmten des Isenheimer Altars von Niklaus Hagenauer nicht unähnlich, nur eben eine Generation früher entstanden, war ein Auftragswerk für das Prestigeobjekt der Stadtkirche Sint Petrus in Venray, die mit achtundzwanzig Metern fast Kathedralhöhe besitzt und für die der Antonius als Seuchenheiliger entsprechend größer ausfallen musste. Daneben stehen konfektionierte Heilige in allen denkbaren Größen; eine Sancta Lucia biegt ihren Oberkörper derart stark zurück, als wolle sie Limbo unter einer Stange hindurchtanzen. Der Grund dafür ist banaler: Der Prototyp Arnts konnte im Studio so auch zur vom Erzengel Gabriel überraschten Verkündigungsmaria oder einer elegant geschwungenen heiligen Katharina umgemodelt werden. Der Pestheilige Sebastian daneben drückt ebenso stolz seine in dunkler Eiche schimmernde Brust heraus und damit den heute fehlenden Pfeilen entgegen, wie der bewegte „Christus als Schmerzensmann“ des Bildschneiders muskulös und im Moriskenschritt mit leger überkreuzten Beinen einhertanzt. Beides konnte jedenfalls einem etwaig erkrankten Betrachter Zuversicht einflößen. Die von den Skulpturen geforderte Compassio, das „Mit-Leid“, wird hier zu einem visuellen Energydrink.
 
Das Pferd mit der Menschenfrisur schaut ängstlich auf das knorpelige Wesen, vom fein ziselierten Schwert läuft schon das Blut herab: „Georg besiegt den Drachen“ aus dem Georgsretabel der St. Nicolaikirche Kalkar, durch Meister Arnt von Zwolle und Werkstatt 1483–1487 geschaffen.Das Pferd mit der Menschenfrisur schaut ängstlich auf das knorpelige Wesen, vom fein ziselierten Schwert läuft schon das Blut herab: „Georg besiegt den Drachen“ aus dem Georgsretabel der St. Nicolaikirche Kalkar, durch Meister Arnt von Zwolle und Werkstatt 1483–1487 geschaffen. >
 
Papierdünne Falten aus baltischen Eichen
 
Arnts originale Namensquittung wie auch nahezu alle ihm zuzuschreibenden Skulpturen sind jetzt in acht großzügig Corona-abständig bestückten Räumen im Museum Schnütgen ausgestellt. Der zuerst arg verschmockt klingende Untertitel „Meister der beseelten Skulpturen“ wird so mit Sinn gefüllt: Steht man doch schon technisch staunend vor den fast durchgängig aus härtester Eiche geschnitzten Figuren und wundert sich über einen völlig aufgelösten Johannes, der dicke Tränen in das hauchdünne Tuch in seinen Händen weint. Oder über Faltengrate, die nach oben hin papierdünn enden, ohne auszubrechen. Arnts Pendant aus Franken hatte es da einfacher - Riemenschneider verwendete überwiegend das butterweiche Lindenholz.
 
Vom niederrheinischen Sturschädel hingegen ist überliefert, dass er eine Lieferung Eichenstämme des Herzogs von Kleve ablehnte, weil diese nicht seinen Qualitätsansprüchen genügten: Er bestand auf steinharter und damit anders als die Hölzer der Kollegen aus dem Süden fast schädlingsresistenter Baltischer Eiche, die ihm über den Hafen von Amsterdam in die Werkstatt geliefert wurde. Einen Trick gab es doch, in der Feinheit der Details mit den Weichholzschnitzern mitzuhalten: Das Eichenholz wurde gekocht und dadurch geschmeidiger, bis es nach dem Auskühlen wieder zur ursprünglichen Härte, aber auch enormen Elastizität zurückkehrte.
 
Ein Altar als Wimmelbild
 
So steht man in der Schau vor dem Wunder des Georgsaltars aus der Kalkarer Nicolaikirche, der mit seinen fast hundert Figuren einem geschnitzten Wimmelbild gleicht. Das eigentliche Thema, Georgs Überwindung des Drachen, muss man aus dem Bildgestöber erst einmal herausfischen. Es findet sich in der Mitte links eingebettet in einer bis ins letzte Detail phantasiereich und mit scharfem Blick auserzählten Weltlandschaft. In dieser ist der legendarische spätantike Drachenkämpfer zum zeitgenössischen Ritter in goldener Wehr mutiert. Rings umher um seine einzige „Tat“ schildert Arnt aus seiner eigenen Zeit heraus, was Menschen ihren Mitmenschen antun: Georg wird auf sieben verschiedene Arten gemartert: ihm werden die Arme abgehackt, er wird in siedendem Öl gekocht, gerädert, mit Holzpflöcken gepfählt, mit üblen Tränken vergiftet - der Giftmischer braut aus zwei verschiedenfarbigen Flüssigkeiten den letalen Cocktail zusammen, wobei selbst ihn Ekel überkommt, den Arnt ihm genial ins Gesicht dübelt. Den giftgelben und einst grünen Strahl der toxischen Flüssigkeiten aus zwei Violen, die wie beim großen „Vorbild“ Johannes Evangelista in einen Kelch fließen, feilt der Bildhauer millimeterdünn aus. 
 
Selbst in diesem Gewusel leuchtet die signalrote Tasche des Dieners rechts unten heraus: Gesamtansicht der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Meister Arnt von Zwolle und Werkstatt, 1480–1490.< Selbst in diesem Gewusel leuchtet die signalrote Tasche des Dieners rechts unten heraus: Gesamtansicht der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Meister Arnt von Zwolle und Werkstatt, 1480–1490.
 
Dieser sorgfältig inszenierte Actionfilm in 3D und in Holz vergisst auch das Happyend nicht: Die schöne Prinzessin geht mit ihrem Retter Georg und dem doch noch lebenden Drachen am Halsband Gassi in den Sonnenuntergang, vor ihr im Hohlweg sind nur ein Zentimeter hohe Hufabdrücke von Georgs Pferd eingeschnitten, ein ebenso kleines und rasch im Bau verschwindendes Karnickel darunter zeigt den weißen Hintern.
 
Skeptischer Blick, obwohl aus dem Rucksack ein Goldpokal zum Vorschein kommt: Figur des knienden Dieners aus dem Relief mit der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Meister Arnt von Kalkar und Zwolle, entstanden zwischen 1480–1490.Skeptischer Blick, obwohl aus dem Rucksack ein Goldpokal zum Vorschein kommt: Figur des knienden Dieners aus dem Relief mit der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Meister Arnt von Kalkar und Zwolle, entstanden zwischen 1480–1490. >
 
Wuchernde Schwertgriffe und reliefierte Königsgewänder
 
Das dritte Hauptwerk neben dem für einen Kartäuserstifter geschnitzten stupenden „Kreuzabnahme-Altar“ nach Rogier van der Weyden aus dem Pariser Cluny-Museum ist das Dreikönigsrelief: Erst vor kurzem konnte es vom Schnütgen um seinen wahrscheinlich in den Franzosenkriegen verlorenen rechten Rand ergänzt werden. Das war entscheidend, zeigt sich doch auf dieser rechten Tafel das genuine Talent Arnts: Eine „Anbetung der Könige“ konnte weiland jeder Künstler fertigen, auch wenn bei Arnts fünfundzwanzig gut komponierten Figuren etwa der Schwertgriff des ältesten Königs aus ungeheuer plastischem Astwerk besteht und der Goldbrokat auf dem Gewand des Mohrenkönigs aufwendigst als Hochrelief geschnitzt ist.
 
Nur bei ihm aber findet man eine Idee wie den Diener auf der nun hinzugekommenen Seite, der hinter seinem schon das Kind anbetenden „mittleren“ König offenbar verspätet den Rucksack öffnet und hineingreift. Durch die spaltbreite Öffnung blitzt gerade eben das Gold des prächtigen Pokals durch, den er seinem Herrn im nächsten Moment zureichen wird. In seinem Gesicht aber zeigen sich unübersehbare Zweifel, ob Gold diesem nackten Gottessohn im ruinösen Stall gerecht wird.
Nur echt mit hervortretender Unterlippe und Adern sowie gestählten Muskeln: Arnt Beeldesnider lässt seinen „Christus als Schmerzensmann“ aus der Kirche St. Maria Geburt Ostrum im modischen Moreskenschritt daherkommen. 
< Nur echt mit hervortretender Unterlippe und Adern sowie gestählten Muskeln: Arnt Beeldesnider lässt seinen „Christus als Schmerzensmann“ aus der Kirche St. Maria Geburt Ostrum im modischen Moreskenschritt daherkommen.
 
Genauso wenig zu übersehen aber war dieser kleinfigurige Knecht am Rande, bleibt doch sein Rucksack neben einer Satteldecke und einigen Mantelinnenfuttern das einzig ausschließlich signalrote Textil im Altar. Mit den winzigen Stirnrunzeln des Dieners „beseelt“ Arnt die Eiche tatsächlich pygmalionhaft und erreicht uns heute noch. Vor derart belebten Altären wurde den Kirchgängern einst auch während der schleppendsten Predigt - damals noch in Latein - nicht langweilig. Heutigen Betrachtern geht es nicht anders.
 
 
Arnt der Bilderschneider – Meister der beseelten Skulpturen. Im Museum Schnütgen, Köln; bis zum 20. September. Der Katalog kostet 35 Euro.