< Einige Autorinnen und Autoren des afroamerikanischen literarischen Erbes, die selbst längst Statuen verdient hätten, stellen wir hier vor.

 
29.6.2020  -  Eine Auswahl der afroamerikanischen Literatur, in der die Wut, die sich heute entlädt, ihre Sprache findet. Und ein kleiner Kanon, der weit über diesen Juni hinausreicht.
 
Während in vielen Ländern die Statuen stürzen, wird leicht übersehen, dass der globale antirassistische Widerstand auf einem vor allem afroamerikanischen literarischen Erbe fußt, dem längst selbst einige Statuen gebührten. Einige dieser Bücher stellen wir hier vor. Und ja, es ist natürlich nur ein Ausschnitt, es fehlen prägende Autoren wie Toni Morrison, Colson Whitehead und Langston Hughes. Aber es ist ein Anfang.
 
Yaa GyasiYaa Gyasi
 
Effia und Esi sind Schwestern. Sie werden vor 250 Jahren an der Küste Ghanas geboren, zur Hochzeit des Sklavenhandels. Effia wird die Zweitfrau eines Gouverneurs, Esi wird in die amerikanischen Südstaaten verschleppt. Zwei Afrikanerinnen, zwei Leben, ein Abgrund. Yaa Gyasi berührt in ihrem mitreißenden Epos „Heimkehren“(Dumont, 2017) den schmerzhaftesten Punkt afroamerikanischer Geschichte: dass die Versklavung zwar ein weißes Verbrechen war, aber dass es afrikanische Mittäter, afrikanische Profiteure gab. Und doch ist „Heimkehren“ nichts weniger als Abrechnung, nicht einmal Enthüllung. Gyasi, geboren in Ghana, aufgewachsen in Alabama, begleitet Esis und Effias Kinder und Enkel Generation für Generation, durch die amerikanischen Kohleschächte und Jazzclubs, die afrikanischen Kakaofelder und Königspaläste bis zur Gegenwart. Keiner ihrer Figuren entkommt der Geschichte, keine kann man vergessen. Ein gewaltiges Panorama, ein Antidot gegen Klischees, feinste Unterhaltung.
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Octavia E. Butler
 
Octavia E. Butler erhielt 1985 mit dem Hugo-Award und dem Nebula-Award die beiden wichtigsten Preise, die es für Science-Fiction-Literatur gibt, und doch ist die Kalifornierin (1947–2006) fast in Vergessenheit geraten. Sie war nicht stolz darauf, dass ihre Dystopien als prophetisch gefeiert wurden. Sie verstand sie als Warnung. So wie ihre unvollendet gebliebene „Parable“-Serie, in der die schwarze Teenagerin Lauren Olamina ums Überleben kämpft, während die USA unter Klimakollaps, Armut und Rassenhass zerbrechen. Im zweiten Teil „Parable of the Talents“ (1998) will ein demagogischer Präsidentschaftskandidat vom Chaos profitieren. Seine Fans marodieren durch die Straßen, massakrieren Minderheiten – angespornt durch das Wahlversprechen „make America great again“. Zu realistisch? „Im Wettbewerb um die Frage, welcher dystopische Klassiker am ehesten unsere Zeit beschreibt, erscheinen Octavia Butlers ’Parable’-Bücher als ungeschlagen“, schrieb der New Yorker vor drei Jahren. 
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James BaldJames Baldwinwin
 
In der Mitte des 20. Jahrhunderts, 1953, erschien James Baldwins erster Roman unter dem biblisch-prophetischen Titel "Go Tell It on the Mountain" ("Gehe hin und verkünde es vom Berge", in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow "Von dieser Welt"). Das Buch war ein Donnerschlag, dessen Schallwellen bis heute nicht abebben. Zwei Sprachquellen fließen hier zusammen, die King-James-Bibel - das englische Pendant zu Luthers Übersetzung - und der Slang der Afroamerikaner, wie ihn zur gleichen Zeit William Faulkner aufgriff. In psalmodierenden Monologen und naturalistischen Szenen erzählt das Buch die Geschichte eines jugendlichen Schwarzen in Harlem, des Sohns eine baptistischen Predigers. Armut und Sünde, erhitzte Religiosität, Sexualität und Schuld grundieren das Bild einer bedrückenden sozialen Lage, in der die Hautfarbe das Schicksal bestimmt. Die Erlösungsbedürftigkeit, die hier artikuliert wird, ist nicht nur religiös, sie hat mit irdischem Unrecht zu tun. Das ist groß und ergreifend bis heute.
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W.E.B. Du Boi
 
Es gibt kein Werk, auf das sich afro-amerikanische Denker, Autoren und Aktivisten in den letzten 100 Jahren öfter bezogen haben, als W.E.B. Du Bois’ „The Souls of Black Folk“. Dubois, 1868, kurz nach dem Ende der Sklaverei geboren, war seiner Zeit in jeder Hinsicht voraus. Er stammte aus Massachusetts, studierte in Berlin und Harvard, wo er als erster Schwarzer promovierte, und wurde Professor in Atlanta. Während viele Schwarze dem Rassismus der Südstaaten entflohen, ging Du Bois also den umgekehrten Weg. In den Essays, die der Band versammelt, beschäftigt er sich mit schwarzer Musik und Religion, fordert gleiche Bildung, Wahlrecht und Zugang zu Wohlstand für die Schwarzen. Besonders einflussreich waren aber zwei Konzepte, die sein ganzes Werk durchziehen: Das des „Schleiers“, den alle Schwarzen tragen, und das des „doppelten Bewusstseins“, der ständigen Selbstbeobachtung durch die Augen der – weißen – anderen. In den Fünfzigern und Sechzigern wurde Du Bois zum Vordenker der afrikanischen Unabhängigkeitskämpfe und des Panafrikanismus. Er starb 1963.
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Ross GayRoss Gay
 
Ross Gay hat eines der schönsten und wichtigsten Gedichte der Black Lives Matter Bewegung verfasst. Es heißt „A Small Needful Fact“ und handelt von Eric Garner, der 2014 durch Polizeigewalt ums Leben kam. In behutsamer, tastender Sprache erzählt Gay davon, wie Eric Garner für das Amt für Grünflächen arbeitete. Wo er „mit seinen sehr großen Händen“ Stechlinge einpflanzte, von denen „einige noch immer wachsen / noch immer / tun, was solche Pflanzen eben tun, wie etwa kleine, / wichtige Geschöpfe zu nähren und beherbergen, / wie etwa angenehm zu riechen und anzufühlen sein, / wie etwa Sonnenlicht in Nahrung / zu verwandeln, wie etwa uns / das Atmen zu erleichtern.“ Der Text ist zugleich tieftraurig und hoffnungsvoll – denn „Breath“ ist im englischen Original das letzte Wort in Ross Gays Gedicht, und Breath ist das letzte Wort, das Garner sprach, bevor er starb, im Würgegriff der Polizei erstickt. In seinem Gedichtband „Catalog of Unabashed Gratitude“ (University of Pittsburgh Press, 2015), der noch nicht auf Deutsch erhältlich ist, findet sich die gleiche treffsichere Zartheit, in der Gay aus alltäglichen Momenten einmalige, zugängliche Sprachgebilde baut, die man vorsichtig und voller Begeisterung für die Wunder dieser Welt durchschreitet. 
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Ta-Nehisi CoatesTa-Nehisi Coates
 
Oktober 2016, große Party auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Noch ist Donald Trump nicht gewählt, alle Welt geht davon aus, dass auf Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA, Hillary Clinton als die erste Präsidentin folgen wird. Naomi Campbell ist da, Dave Chapelle macht Witze und Obama tanzt. Mittendrin, Ta-Nehisi Coates der später im Atlantic die Stimmung nachträglich trübte, als er schrieb: „Das würde nicht mehr passieren, und jeder wusste es.“ Denn was, wenn diese Präsidentschaft nicht der Anfang vom Ende des Rassismus, sondern einfach alles war, was erreicht werden konnte? Coates hat eine Biografie geschrieben, Comics, einen Brief an seinen Sohn – „Zwischen mir und der Welt“ –, der ein Bestseller wurde, und gerade seinen ersten Roman veröffentlicht. In dem Essayband „We were Eight Years in Power“ sind acht seiner journalistischen Texte aus acht Jahren der Präsidentschaft Obamas gesammelt, alle mit einem neuen selbstkritischen Kommentar versehen. Er hat Bill Cosby und Michelle Obama porträtiert, Barack Obama getroffen, und schwarzen Konservatismus erklärt. Über den inzwischen historischen Texten und ihren Einordnungen steht immer die Frage, wie, in Coates Worten, auf den ersten schwarzen Präsidenten der USA der erste dezidiert weiße Präsident folgen konnte.
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Paul BeattyPaul Beatty
 
In Paul Beattys Roman „Der Verräter“ entstanden während der Obama-Zeit, steht der Ich-Erzähler als Angeklagter vor dem höchsten Gericht der USA, raucht einen Joint nach dem anderen, und versucht, seine eigene Ungeheuerlichkeit zu erklären. Der erste Satz des Romans: „Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut.“ Sein Verbrechen: Weil die Freiheit letztlich nur Unglück bringt, führt er in seinem Viertel die Rassentrennung wieder ein. Der Roman reißt jedes Tabu auf, das USA derzeit zu bieten haben, ein fürchterliches Gemetzel, getragen von der bodenlosen Verzweiflung, zu der nur echte Humanisten imstande sind. Die amerikanische Kritik erklärte den Roman erschrocken zur Satire und schon jetzt zu einem der wichtigsten Romane des 21. Jahrhunderts. 2016 bekam er den Man Booker Prize. Die Anschuldigung, er sei Satiriker, weist beatty bis heute entschieden zurück.  
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Eldridge Cleaver
 
1968 war ein finsteres Jahr für Amerika. Attentäter hatten Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy erschossen. Unruhen erfassten die Städte. In dieser Stimmung löste Eldridge Cleavers autobiografische Essay-Sammlung „Seele auf Eis“ literarische Schockwellen aus. Hier war ein Knastbruder, Vergewaltiger und Mitbegründer der Black Panther Party, der in den härtesten Gefängnissen des Landes seinen Intellekt und sein politisches Bewusstsein entdeckt hatte. Er schrieb mit einer Kraft und einer Tiefe von der Erfahrung des Afroamerikaners, wie es nur große Literaten können, doch eben aus der Perspektive der ewigen Versklavung im Strafvollzug. Vor allem seine Sexualisierung der Unterdrückung und des Befreiungskampfes war harter Stoff. Da war nichts Versöhnliches, kein Utopia am Horizont. „Ich dürste nach Blut“, sagt eine seiner Parabelfiguren. „Das Blut des weißen Mannes. Und wenn ich trinke, dann will ich das in tiefen Schlucken, denn ich muss einen tiefen Durst stillen.“
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Teju ColeTeju Cole
 
Julius, Psychiater, Einzelgänger, Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen, bricht jeden Tag nach der Arbeit im New Yorker Presbyterian Hospital zu Nachtwanderungen durch Manhattan auf – um den Stress abzuschütteln, um im architektonischen, multikulturellen, kulturgeschichtlichen Labyrinth Manhattans verloren zu gehen, um fremde Biografien zu sammeln und, wie man nach und nach merkt, auch um vor sich selbst und seiner dunklen Vergangenheit davonzulaufen. Teju Cole schuf mit diesem New Yorker Flaneur einen so melancholischen wie hochbelesenen Verwandten der Sebaldschen Charaktere. Für identitätspolitisches Engagement ist Julius viel zu skeptisch, solipsistisch, beobachtend – und doch geht es in diesem tagebuchartigen Selbstgespräch immer um die Frage nach Herkunft und Identität und darum, auf der je eigenen Andersartigkeit unbedingt zu bestehen.
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Chimamande Ngozi AdichieChimamande Ngozi Adichie
 
Im Rahmen einer Liebesgeschichte verhandelt Chimamanda Ngozi Adichie in „Americanah“ Rassismus, Feminismus, Migration. Protagonistin Ifemelu und ihr Freund Obinze leben in den Neunzigerjahren als Teenager in der nigerianischen Hauptstadt Lagos und entschließen sich, vor der Militärdiktatur zu fliehen. Sie geht nach Amerika und studiert in Princeton, er zieht nach Großbritannien und versucht sich dort mit falschen Papieren durchzuschlagen. Geografisch und bildungspolitisch mögen sie unterschiedliche Wege einschlagen. Die Erfahrungen, die beide als schwarze Menschen im weiß geprägten Ausland machen (müssen), sind jedoch universell. Angelehnt an ihre eigene Biografie schildert Adichie Alltagsrassismus (allein die Haar-Frage: Zöpfe, Afro oder glatt?!) ebenso wie die große Suche nach der eigenen Identität. Und ihre Figuren verdeutlichen außerdem, dass blackness nicht gleich blackness ist. 
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Bell Hooks
 
Bevor es das Wort „Intersektionalität“ gab, schrieb die Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks schon über die Blicke, die zwischen Weißen, Schwarzen, Männern, Frauen, Reichen und Armen hin und her gehen. Besonders in den Jahrzehnten um die Jahrtausendwende, als sich progressive Weiße in der Illusion wogen, Rassismus hätte sich erledigt, erinnerte sie daran, dass das ein altes Muster der Sklavenhaltermentalität ist: Zu behaupten, man wisse, wie andere Menschen die Welt sehen. In „Representing Whiteness in the Black Imagination“, einem Essay, der ein guter Einstieg in ihr Werk ist, zeigt sie, wie furchtbar sich Weiße oft über ihr Fremdbild in den Geschichten afroamerikanischer Autoren aufregen, weil sie sich da selber als die übergriffigen Terroristen, Ausbeuter, die ständige Bedrohung verstehen müssen, die sie für Schwarze über Jahrhunderte darstellten. Zu sehen, wie sich auch in der „schönen“ und scheinbar so universellen Literatur Rassismus und Segregation in der Figurenzeichnung, aber auch in der Symbolik, in winzigen sprachlichen Wendungen niederschlagen, ist ein entscheidender Lektüreschlüssel. Gerade für Leser, die nicht in der US-amerikanischen Kultur sozialisiert worden sind.
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Maya AngelouMaya Angelou
 
Als die Zahnschmerzen so schlimm werden, dass Maya nur noch wimmern kann, geht die Großmutter mit ihr zum Zahnarzt. Der für die Schwarzen ist 25 Meilen entfernt, aber ein Arzt ganz in der Nähe schuldet „Momma“ noch einen Gefallen. Doch: „Ich würde meine Hand eher in das Maul eines Hundes stecken als in das eines Niggers“, sagt der Arzt. In „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ erzählt Maya Angelou die Geschichte ihrer Kindheit, erlebt und durchlitten in den Südstaaten der dreißiger Jahre, als die Rassentrennung noch Gesetz war und die schwarze Landbevölkerung für einen Hungerlohn auf den Baumwollfeldern schuftete. Sie erlebt Rassismus, aber auch den Zusammenhalt der schwarzen Gemeinde und die Trost spendende Kraft der Literatur. Ihre Erinnerungen, 1969 erschienen, haben auch 50 Jahre später nichts von ihrer Wahrhaftigkeit verloren.