Das Theater im Wohnzimmer: Friederike und Oliver Nedelmann, Betreiber des Theater Nedelmann30.6.2020  -  Auch das „Theater & Nedelmann“ in Rödermark muss angesichts der Corona-Vorgaben finanzielle Einbußen hinnehmen. Aber die beiden Betreiber spielen einfach dagegen an.

 
Die erste Krise liegt zehn Jahre zurück. Beim „Theater & Nedelmann“ fiel Friederike Nedelmann plötzlich krankheitsbedingt aus. Bei einer großen Schauspielgruppe hätte ein anderes Mitglied einspringen können. Nicht so bei dem Wohnzimmertheater im Rödermarker Stadtteil Urberach. Die ärztliche Diagnose bedeutete, dass das halbe Ensemble nicht mehr auf der Bühne stehen durfte. Das „Theater & Nedelmann“ wird nämlich von zwei Personen gemacht: dem Schaupieler-Ehepaar Friederike und Oliver Nedelmann. Die Zahl der Solostücke, die man in einem solchen Fall ersatzweise aufführen könne, „war auch begrenzt“, erinnert sich Oliver Nedelmann.
 
Die Krise ging vorüber. Schneller, als die beiden Akteure erwartet hatten, konnte Friederike Nedelmann wieder ihren Part bei den Vorstellungen übernehmen. Auch Krise Nummer zwei hofft das Theater-Duo ohne größere Blessuren zu überstehen: Am 12. März fiel im Wohnzimmer der Nedelmanns, wo zwischen dicht gefüllten Bücherregalen die kleine Bühne aufgebaut ist, sinnbildlich der letzte Vorhang. Wegen des Coronavirus gingen im „Theater & Nedelmann“ die Lichter aus.
 
Nicht an Abstandsregeln halten
 
Fast drei Monate dauerte die Zwangspause. Seit Anfang Juni darf wieder gespielt werden – allerdings unter erschwerten Bedingungen. Statt der üblichen rund 40 Besucher, die sich zu den Vorstellungen einfinden, sind nur noch 20 Anwesende mit Abstand erlaubt, die beteiligten Künstler eingeschlossen. Bei sommerlichem Wetter weichen Friederike und Oliver Nedelmann auf eine kleine Bühne aus, die sie direkt neben ihrem Domizil aufgebaut haben, und spielen im Freien. Da dürfen dann immerhin 23 Besucher kommen. Etwas Gutes können die beiden der Sache aber doch abgewinnen: Als Ehepaar müssen sie sich bei den Auftritten nicht an Abstandsregeln halten.
 
Mobiles Spieltheater: Das Ehepaar beim Aufbau der Außenbühne für „Don Camille und Peppone“.Mobiles Spieltheater: Das Ehepaar beim Aufbau der Außenbühne für „Don Camille und Peppone“. >
 
Bis 1993 waren beide am Landestheater Eisenach und anschließend elf Jahre an dem von ihnen mit gegründeten „Freien Eisenacher Burgtheater“ tätig. 2004 riefen sie das „Theater & Nedelmann“ in Rödermark ins Leben. Der Wechsel nach Hessen bedeutete für den heute 56 Jahre alten Oliver Nedelmann die Rückkehr auf bekanntes Terrain: Er wuchs in Rödermark auf. Als Spielstätte bezog das Ehepaar Räume in einer Villa an der Ober-Rodener Straße, in der früher die Geschäftsleitung des benachbarten Werks der Firma Telefonbau & Normalzeit residierte. Mit bis zu 1300 Beschäftigten war T & N lange Zeit größter Arbeitgeber am Ort. 1996 wurde das Werk geschlossen. Auf dem Gelände entstanden ein Kaufland und weitere Einkaufsmärkte samt großem Parkplatz. Das „Theater & Nedelmann“ spielt mit seinem Namen auf die Geschichte des „T & N“ an.
 
Mann für alle Fälle
 
Mit seiner Bühnenaktivität machte das Schauspieler-Ehepaar Rödermark zur Theaterstadt. Besucher aus der gesamten Region wissen die familiäre Atmosphäre der Aufführungen im umfunktionierten Wohnzimmer zu schätzen. Die beliebten Gespräche in der Küche, mit denen die Vorstellungen üblicherweise ausklingen, fallen derzeit allerdings aus. Als Mann für alle Fälle legt Oliver Nedelmann Hand an, wo es nötig ist: Er stellt nicht nur das Programm zusammen und schreibt, wenn es ihm in den Sinn kommt, auch gleich die passenden Stücke, sondern verkauft abends, ausgestattet mit Visier und Maske, eigenhändig die Karten, ehe er die Bühne betritt.
 
Friederike Nedelmann steht ihm in nichts nach: Tisch und Stühle, die für das aktuelle Programm „Don Camillo & Peppone“ als Requisiten dienen, hat sie ebenso selbst gebaut wie die Plexiglasabtrennungen, die derzeit bei den Vorstellungen im Wohnzimmer dafür sorgen, dass Zuschauer aus verschiedenen Haushalten sich nicht in die Quere kommen. Jeweils zwei Besucher verfolgen das Bühnengeschehen vom Schlafzimmer, vom Requisitenraum und vom Arbeitszimmer aus; so lassen sich die Abstandsregeln genau einhalten. „Theater lebt vom Moment und vom Live-Geschehen“, sagt Friederike Nedelmann. Die Unmittelbarkeit sei für das Theater lebenswichtig. Das könne auch keine Internetübertragung ersetzen.
 
Vortrag im Playback-Verfahren
 
Gespielt wird freitags und samstags, manchmal auch sonntags und donnerstags. Für die von ihm geschriebene Komödie „Don Camillo & Peppone“ hat Oliver Nedelmann die beiden Protagonisten ins Gefängnis gebracht. Das Stück „Wir packen das“, das im Juli und August auf dem Spielplan steht, erweist auf vergnügliche Weise der Ortsgeschichte der heutigen Stadtteile Ober-Roden und Urberach in den vergangenen 100 Jahren Reverenz.
 
Von September an werden im Wohnzimmertheater „Die Zweigroschenoper“ und die romantische Komödie „Love Love Love“ nach einem Hollywoodklassiker aufgeführt. Ursprünglich war die Premiere der „Zweigroschenoper“ Anfang April vorgesehen. Weil auf der Bühne nicht gesungen werden darf, nahmen die beiden Schauspieler die Musikstücke auf und tragen sie im Playback-Verfahren vor.
 
Man sei nicht reich geworden
 
Dass es von Anfang an mit dem „Theater & Nedelmann“ so gut funktioniert habe, darüber sei sie selbst „platt“ gewesen, sagt die 62 Jahre alte Friederike Nedelmann. Subventionen bekam das Schauspieler-Ehepaar für seine private Spielstätte nicht. Man sei nicht reich geworden, habe aber „so viel verdient, dass wir etwas für die Rente einzahlen, den Kühlschrank füllen, die Miete bezahlen und auch einmal in den Urlaub fahren konnten“, fügt Oliver Nedelmann hinzu.
 
Obwohl die Einschränkungen für Veranstaltungen wegen der Pandemie sie finanziell stark trafen, halten Friederike und Oliver Nedelmann die Regelungen für richtig. Den Protesten anderer Künstler wollen sie sich nicht anschließen. Zwar sei es wichtig und notwendig, „dass auch ein Veranstaltungstechniker über die Runden kommen muss“. Oliver Nedelmann hielte es in der aktuellen Situation aber „nicht für sinnvoll, ein Konzert für 10.000 Leute im Waldstadion zu veranstalten“. Die Corona-Zeit möchten die Nedelmanns jedenfalls „in keinem anderen Land der Welt erleben“.
 
Dass momentan weniger Zuschauer kommen dürfen, „müssen wir ausgleichen, indem wir mehr spielen“. Das tun beide in Corona-Zeiten auch in fremden Gärten: Privatleute, die mit ein paar Freunden im Freien zusammenkommen, können bei Friederike und Oliver Nedelmann für 200 Euro eine Privatvorstellung der Zwanzig-Minuten-Szenenfolge „Das Sommerfest“ buchen. Mehrere Stücke des aktuellen Programms sind bis 6. September außerdem an jeweils einem Sonntag im Monat, immer um 17 Uhr, in der Hofreite Dinjerhof, Pfarrgasse 7-9, in Rödermark zu sehen. „Wir werden uns dieses Jahr irgendwie durchwursteln“, sagt Oliver Nedelmann. Die Frage sei: „Wann ist Corona vorbei?“