30.6.2020  -  Harmonische Gewandtheit braucht keine Theorie: David Yaffe legt ein einnehmendes und detailscharfes Porträt der Musikerin Joni Mitchell vor.

 
Im November 1953, kurz nach ihrem zehnten Geburtstag, wird Joni Mitchell mit Lähmungssymptomen in ein Krankenhaus nach Saskatoon geflogen. Kanada ist gerade von einer Polio-Epidemie heimgesucht worden, ein Impfstoff gegen das Virus wird schließlich erst anderthalb Jahre später erhältlich sein. Die Ärzte verschreiben der Patientin absolute Bettruhe, zu viel Bewegung könnte ein Leben im Rollstuhl bedeuten. Tagsüber, so wird Mitchell es später erzählen, sei der Krankenhausalltag noch erträglich gewesen, „aber nachts hörte man sie, die Eisernen Lungen. Dieses keuchende Atmen (...). Wenn die Krankheit auf die Lunge übergriff, dann kam man in die Eiserne Lunge, denn dann brauchte man diese maschinelle Hilfe. Und wenn man erst mal drin war, dann war es durchaus möglich, dass man nie wieder rauskam.“
 
Mitchell kam raus. Ihre Beine und ihre Lunge blieben vorerst unbeschadet, auch wenn sie Letztere mit vier Schachteln Zigaretten am Tag bald noch genug malträtieren sollte. Zuvor hatte sie jedoch mehrere Monate stationärer Isolation durchzustehen, in denen ihre Eltern sie kaum besuchten. David Yaffe, Literaturwissenschaftler an der Universität von Syracuse, sieht in dieser Erfahrung den Ursprung von Mitchells einzelgängerischer Resilienz, einer lebenslangen Widerstandsfähigkeit gegen Autoritätspersonen, dominante Liebhaber oder Leute im Musikgeschäft.
 
Als 1968 ihr Debütalbum „Song to a Seagull“ erschien, hatte Mitchell eine desaströse Ehe hinter sich, aus der sie nur einen Nachnamen mitnahm, sowie die Geburt einer Tochter aus einer früheren Beziehung – das zweite ihr Leben prägende Ereignis, wie in Liedern wie „Little Green“ und „Chinese Café/Unchained Melody“ zu hören ist. Mittellose Kunsthochschulabbrecherin, die sie war, hatte Mitchell das Kind zur Adoption freigegeben. Auf den Adoptionspapieren notierte man: „Mutter hat Kanada verlassen, um in den USA einer Karriere als Folksängerin nachzugehen.“ Sie wurde eine, aber sie wurde auch viel mehr: Malerin, Jazzmusikerin und Vorreiterin einer ganzen Popdekade.
 
Wer braucht schon eine Tonika?
 
„Ich habe ein perverses Bedürfnis nach Originalität“, sagt Mitchell, „Nachahmer interessieren mich überhaupt nicht. Ich bin kein Traditionalist.“ Und auch wenn die ersten Alben noch genau das waren, angelsächsisch befestigte Folktradition, folgten in den siebziger Jahren Klanglandschaften in Jazz-Farben mit Charles Mingus, Herbie Hancock und Jaco Pastorius, dessen Bass in „Refuge of the Roads“ und „Hejira“ Walstimmen gleich mitsingt.
 
Yaffe erzählt Mitchells Leben als Paradebeispiel inspirierter Autodidaktik. „Von den Anfängen ihres Schreibens an“, so formuliert es James Taylor, „hat sie auf einer Leinwand gemalt, die sie selbst aufgezogen hat.“ Verblüfft liest man, dass Mitchell bis zu ihrem Album „The Hissing of Summer Lawns“ (1975), mit dem sie vollends den Folk-Sound hinter sich ließ, nicht recht wusste, was ein Grundton, was eine Tonika ist. Dabei war ihre harmonische Gewandtheit längst offenbar, man höre nur den rätselvollen Schlussakkord von „Case of You“ – ein Musik gewordener Gedankenstrich.
 
Detailschärfe und Facettenreichtum
 
Viel ist an Joni Mitchell herumgezerrt worden. Manche wollten sie als Jeanne d’Arc verstehen, als Don Juan, Sirene, Muse oder „one of the lads“, wie Graham Nash – dessen Heiratsantrag Mitchell ausschlug – sie in seiner Autobiographie „Wild Tales“ (2013) genannt hat. Oft wurde Mitchell zum Objekt typisch männlicher Projektionen oder patriarchalisch-kitschiger Stereotype. So auch bei Jochen Distelmeyer auf dem Buchumschlag: „Die Liste ihrer Rivalinnen ist Legende, die Namen ihrer Liebhaber sind Legion.“
 
Yaffe entzieht sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen („wie eine nordische Göttin“), dieser Perspektive. Er kommt Mitchell auch deshalb so nahe, weil er sie ausführlich in ihren eigenen Worten abbildet. Seine Interviews mit ihr erlauben Detailschärfe, und im Wechsel mit Gesprächen mit Weggefährten wie Judy Collins, Leonard Cohen oder Larry Klein bilden sie ein facettenreiches Porträt. Yaffe hat sogar mit Dick Cavett gesprochen, dessen Sendung 1969 dafür sorgte, dass Mitchell Woodstock verpasste und sie unfreiwillig dazu bewegte, ihre gleichnamige Hippie-Hymne zu schreiben.
 
„So bescheiden wie Mussolini“
 
Im Gegensatz zu CSNY oder Bob Dylan war Mitchell nie eine Aktivistin; „die Politik des Rock and Rolls“, erklärt sie, „war so teenagerhaft, so Baby-anarchistisch“. Sie wollte innere Gefühle beschreiben, keine politischen Ereignisse, was nicht zuletzt von einer gewissen Mittelschicht-Ästhetik zeugt – Mitchells Hasswort, wie Yaffe feststellt, als er in einem Artikel ihre Inneneinrichtung als „middle-class“ beschreibt und sich daraufhin von ihr beschimpfen lassen muss; Mitchell sah sich weiter oben. Ihr Kunstbewusstsein war jedenfalls stets eher bürgerlich denn hillbilly. Als Teenager noch „antiintellektuell bis zum Abwinken“, schulte sie sich bald an Edith Piaf, Beethoven und Debussy.
 
Als Gesprächspartnerin ist Mitchell einerseits esoterisch; sie glaubt an Astrologie und daran, dass Elektrizität krebserregend sei, und auch ihr fragwürdiges Verhältnis zum Blackfacing, etwa auf dem Cover von „Don Juan’s Reckless Daughter“ (1977), kritisiert Yaffe zu Recht. Wenn sie aber über Kunst redet, ist Mitchell angenehm klarsichtig: „Entweder klaut man beim Leben, oder man klaut aus Büchern. Beim Leben gibt es kein Copyright, bei Büchern schon.“ Sich selbst sieht Mitchell – David Crosby zufolge „so bescheiden wie Mussolini“ – in einer Reihe mit Künstlern wie Miles Davis, Van Gogh und Picasso.David Yaffe: „Joni Mitchell“. Ein Porträt. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 583 S., geb., 28,– €.
 
In der deutschen Ausgabe sind zwar abenteuerliche Fehler durchs Lektorat gerutscht: „Virginia Wolfe“, „Elizabeth Cotton“, „Glen Gould“, „Langton Hughes“, „Lionel Ritchie“, „Berkely School of Music“, selbst „Song for Sharon“ heißt einmal „Song for Susan“. Das nimmt Yaffes Biographie aber nicht ihren Sog. Vor allem ist sie eine Einladung: Man solle, sagt Joni Mitchell an einer Stelle, nicht „Blue“ hören und dabei an sie denken „wie ein Gaffer bei einem Autounfall“. Sondern an sich selbst, den Zuhörer. „I see something of myself in everyone / Just at this moment of the world“, singt Mitchell in „Hejira“. Wer nach innen gewandt ihre Alben hört, zum zehnten oder zum ersten Mal, und dabei dieses Buch liest, kommt nicht umhin, etwas von sich in Joni Mitchell zu finden.
 
David Yaffe: „Joni Mitchell“. Ein Porträt. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Mit einem Nachwort von Thomas Steinfeld. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 583 S., geb., 28,– €. >