Edmond Lavrate (1829 bis 1888) hielt in seiner Zeichnung „Les bains froids des Mesdames“ von 1879 das Badeleben seiner Zeit fest.< Edmond Lavrate (1829 bis 1888) hielt in seiner Zeichnung „Les bains froids des Mesdames“ von 1879 das Badeleben seiner Zeit fest.

1.7.2020  -  Eine Ausstellung in Baden-Baden zeigt, wie im neunzehnten Jahrhundert die Optimierung des Körpers vorangetrieben wurde. An den Folgen tragen wir noch heute.

 
Es stürmt, die beiden Badeflöße – eins für Damen, eins für Herren – tanzen auf den Wellen der breiten Flussmündung in die Nordsee. Trotzdem hat sich ein junges Mädchen zum Schwimmen eingefunden. Als es dann aber in den Wellen unterzugehen droht, wird es von einem jungen Bildhauer gerettet. Beide vermeiden in der seltsamen Situation ängstlich, auch nur den Namen des anderen zu erfahren. Es kommt zu keiner weiteren Begegnung, bis das Mädchen von einer neugeschaffenen Skulptur hört, die den griechischen Mythos der vorm Ertrinken geretteten Königstochter Psyche ausgesprochen naturalistisch darstellt. Im Ausstellungsraum treffen der Bildhauer und sein unfreiwilliges Modell wieder zusammen. „Nun lass ich dich nicht mehr“, sagt der Künstler, „ich gebe dich an keinen Gott heraus.“ „Sage: nie!“, antwortet sie, „sonst muss ich heute noch vor Scham erblinden!“
 
Theodor Storms Novelle „Psyche“ von 1875 ist sicher nicht sein bedeutendstes Werk, aber es erfasst auf wenigen Seiten Aspekte einer gesellschaftlichen Entwicklung seiner Zeit, die bis heute nachwirkt. Denn dass man so selbstverständlich Baden geht, im Meer, im Fluss, im Schwimmbad, dass man seinen Urlaub zu diesem Zweck bucht und dass man sein Ziel mit Blick auf die Bademöglichkeiten aussucht, ist eine historisch betrachtet neuere Erscheinung. Ihre Anfänge wurzeln auch eher im Medizinischen, wie es etwa im vergangenen Jahr eine Ausstellung in Alkersum zum 200. Jubiläum des Seebads Wyk auf Föhr gezeigt hat (F.A.Z. vom 13. Juni 2019) – die heilende Wirkung von Meerwasserkuren wurde festgestellt und angepriesen, und für die bessere Wirkung sollten die strikt getrennt badenden Damen und Herren auf Kleidung verzichten. Zugleich aber wurde das Sujet des Badens – wie in Storms „Psyche“ – unter den bildenden Künstlern beliebt, und besonders in der Malerei finden sich plötzlich zahlreiche nackte Badende dargestellt.
 
Kunst und Medizintechnik
 
Dem Thema widmet sich jetzt im Museum LA8 in Baden-Baden eine von Mirjam Elburn kuratierte kulturhistorische Ausstellung. Die beiden Etagen des in seiner Grundfläche kleinen Hauses erweisen sich dabei als überraschend großzügig bestückt, ohne dass sie überladen wirkten. Es ist die Vielfalt der dem Thema abgewonnenen Aspekte, die den Eindruck von Reichtum vermittelt. Denn die Ausstellung belässt es nicht beim Baden und der allmählichen Durchsetzung der Idee, das Wasser zu suchen, wo immer man es findet, sie fragt nach dem Bild, das jeweils vom menschlichen Körper besteht, nach dem Zugriff der Medizin auf ihn und nach sich wandelnden Ideologien, die einer Optimierung des Körpers das Wort reden, sie geht auf Abwege, schwelgt in Kuriositäten und findet immer wieder zurück. Dies alles unter dem Leitgedanken, dass der Mensch spätestens im 19. Jahrhundert seinen Leib nicht mehr als gottgegeben und wenig veränderbar ansieht, sondern – manchmal zu sehr – als etwas begreift, dass seiner eigenen Verantwortung unterliegt. So dass man dieser Ausstellung auch Hinweise auf die Genese unserer Gegenwart ablesen kann.
 
Ludwig von Hofmann (1861 bisLudwig von Hofmann (1861 bis 1945) malte sein Bild „Brandung“ 1910. 1945) malte sein Bild „Brandung“ 1910. >
 
Anschaulich wird das auf den beiden durch eine schmale Treppe verbundenen Stockwerken anhand von Exponaten aus der Kunst einerseits und der Medizintechnik andererseits. Die Klammer dafür liefern zwei Monitore an beiden Enden der Treppe, die beide den 1910 gedrehten, verloren geglaubten und erst seit neuerem restauriert wieder zugänglichen allerersten „Frankenstein“-Film zeigen. Mary Shelleys Roman von 1816, den der Film knapp hundert Jahre später wiederum künstlerisch adaptiert, überführt Gedankengut seiner Zeit in die Literatur, indem er das Beleben von toter Materie mittels Elektrizität zwar nicht explizit schildert, aber doch als Hintergrund besitzt.
 
Frankensteins Laboratorium
 
Was das in einer Wirklichkeit bedeutet, die nach dem optimierten Körper fragt, ist neben dem „Frankenstein“-Monitor der oberen Etage zu sehen. Dort ist eine Reihe von Geräten ausgestellt, die etwa zur selben Zeit wie der Film entstanden sind, den Gedanken von Elektrizität als Vitalisator aber ganz wörtlich nehmen – wer wollte, konnte damals am Bahnhof eine Münze in einen „Elektrisier-Apparat“ werfen, um bestimmte Muskeln stimulieren zu lassen. „Elektrizität sollte Verspannungen lösen, Nervenleiden lindern oder auch gegen Rheuma helfen“, heißt es im Ausstellungskatalog: „Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte man die sogenannten ,Kriegszitterer‘, die von den Fronterlebnissen traumatisiert waren, mit Hilfe von Elektrizität zu kurieren.“
 
Einige Jahre zuvor hatte der Arzt Karl Emil Schnée eine Vorrichtung entwickelt, die schwachen Strom in insgesamt vier verschiedene Wasserbehälter leitete. In der Ausstellung findet sich nicht nur eine Abbildung des sogenannten „Vierzellenbades“ (aus dem auch sonst viel genutzten Werk „Das neue Naturheilverfahren“ des Friedrich Eduard Bilz von 1910), sondern auch ein erhaltenes Exemplar aus dem Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt – bekanntlich stand hier Frankensteins Laboratorium. Eingebettet ist es in eine Reihe anderer, unterschiedlich geformter Badewannen aus Stahl oder Keramik, und es ist eine hübsche Idee, mit einer Balkenkonstruktion, die einen Teil der Fläche luftig abtrennt, an die Erfindung des Badezimmers und seine Verbreitung im 19. Jahrhundert zu erinnern – dass ein eigener Raum für Hygiene auch bürgerlichen Familien zur Verfügung steht, von Arbeitern zu schweigen, ist eine vergleichsweise junge Errungenschaft. Hier wird dies mit einem Wasserklosett und synthetisch hergestellter Seife symbolisiert.
 
Dass es bei der Leibesertüchtigung und -optimierung nicht nur ums Baden geht, zeigt sich hier ebenfalls anhand von Gerätschaften wie Hanteln, einem Medizinball oder einem Exemplar des von Gustav Zander (1835 bis 1920) entwickelten „Rumpfdrehstuhls“, dessen Funktionsweise kaum gewandelt in modernen Fitnessstudios zu finden ist. Der Einfluss auf den eigenen Körper aber reicht schon im 19. Jahrhundert weiter, abzulesen etwa an einem „Handbuch der plastischen Chirurgie“ von 1838, dessen ausgeklappte Tafel im Detail eine Nasenkorrektur zeigt. Ein Seitenblick gilt Ernährungsratgebern und der berüchtigten „reinen Kokosdiät“ des August Engelhardt, die nach den Worten ihres Erfinders „unsterblich“ macht und ihren Benutzer „mit Gott vereinigt“.
 
Aufbruch oder Skepsis?
 
Es ist kein Wunder, dass bereits frühere massenhaft verbreitete Methoden der Ertüchtigung auch den Spott der Zeitgenossen auf sich zogen. Im Museum LA8 wird dafür gern aus dem Werk Honoré Daumiers (1808 bis 1879) zitiert. Der Blick auf das Baden fördert bei ihm Karikaturen-Serien hervor, etwa „Les Baigneurs“. Man sieht tapfere Menschen, die sich, dem Zeitgeist gehorchend, ins übervölkerte Wasser werfen und Schwimmmanöver versuchen, denen sie nicht gewachsen sind. Es begegnen sich Menschen beinahe im Adamskostüm, die sich nun wirklich nicht begegnen wollen, auch wenn sie davon nicht so erschüttert sind wie die Protagonisten in Storms „Psyche“. Und Konflikte, die im Alltag latent sind, werden hier, in der Blöße der Badeanstalt, auf einmal offenkundig.
 
Wenn das Baden zur Mode wird, haben Schwimmlehrer gute Karten: Zeichnung von Honoré Daumier.< Wenn das Baden zur Mode wird, haben Schwimmlehrer gute Karten: Zeichnung von Honoré Daumier.
 
Tatsächlich ist dies ein Herzstück der Ausstellung, weil diese Karikaturen eine Ahnung davon ermöglichen, mit welcher Irritation diejenigen, die diese Bädermode nicht mitmachen wollten, auf ihre begeisterten Mitbürger blickten. Zugleich stehen die Zeichnungen von Daumier (und anderer, hier etwa vertreten durch Phiz und auch Theodor Hosemann) neben den übermächtigen Bildern von Künstlern wie Ludwig von Hofmann, die den nackten badenden Körper ohne alle Ironie feiern. Aufbruch oder Skepsis? Wie beides hier zusammengeht, macht die Ausstellung einleuchtend klar.
 
Baden in Schönheit. Die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert. Im LA8, Baden-Baden; bis 28. Februar 2021. Der Katalog kostet 24,– Euro.