Ida Haendel Geigerin tot03.07.2020  -  Ida Haendel, eine der größten Geigerinnen des 20. Jahrhunderts, ist tot: Mit tiefem Ernst und Temperament versenkte sie sich in Meisterwerke wie Virtuosenstücke.

 
Was für ein Moment: Da stand 2011 im wunderbar klingenden Musiksaal des Palastes von Norwegens Geigenkönig Ole Bull auf der Insel Lysöen die Violinkönigin Ida Haendel und bot Pablo de Sarasates "Zigeunerweisen" auf ihrer Stradivari von 1696 mit so prickelnder rhythmischer Präzision, so technischer Akkuratesse und so unsentimentalem Schmelz im Melodischen, dass auf Staunen helle Begeisterung folgte.
 
Es war wie der violinistische Gruß einer der größten Geigerinnen des 20. Jahrhunderts an einen der größten Geiger des 19. Jahrhunderts in dessen Haus. Oder man denke an den so warmherzigen wie gebieterischen Charme, mit dem sie 2009 die Jury des ARD-Wettbewerbs beeindruckte. Oder an die strenge Konzentration 2006, als sie vor Benedikt VXI. in Auschwitz spielte.
 
Diese außerordentliche, immer energiegeladene, dabei als Erscheinung zierliche Musikerin hatte etwas Furchtloses, manchmal Herrisches an sich: "Ich bin nicht dazu da, dem Publikum gefällig zu sein, ich bin kein Entertainer, ich bin dazu da, dem Komponisten zu dienen. Ich möchte, dass die Menschen zuhören."
 
So hat sie Benjamin Brittens Violinkonzert von 1938/ 39 weltweit durchgesetzt. Oder den schwedischen Komponisten Allan Pettersson zu seinem 2. Violinkonzert inspiriert, das er ihr widmete. Es ist der eine Dreiviertelstunde andauernde Kampf zwischen Solovioline und aufbrandenden Orchesterfluten, das konnte man 1989 in der Musica viva des BR miterleben, als Ida Haendel Petterssons Konzert erstmals in Deutschland aufführte. Für sie war der Schwede "der interessanteste Komponist, dem ich je begegnet bin". Sie hat sich für Max Regers zerklüftetes Violinkonzert genauso ins Zeug gelegt wie für Luigi Dallapiccolas "Tartiniana seconda", die sie 1957 in Turin uraufführte. Und doch hat sie auch das klassisch-romantische Repertoire nie vernachlässigt.
 
Ihr Ton reichte vom gehauchten Irisieren bis zur beißenden Attacke
 
Wer sie je erlebt hat, diese kleine Person auf gefährlich hohen Absätzen balancierend, mochte sich wundern, weil sie die Geige nicht hoch, sondern eher entspannt ein wenig nach unten geneigt hielt. So ähnlich ist es aber auch vom Geiger aller Geiger, Niccolò Paganini, überliefert. Ihren kristallin durchsichtigen, weit tragenden Ton konnte sie verändern vom gehauchten Irisieren bis zur beißenden Attacke, von dunklem Glühen bis zu gleißend hellen Spitzentönen. Immer ging es ihr dabei um die unmissverständliche Charakterisierung der jeweiligen Musik.
 
 "Ich möchte, dass die Menschen zuhören." - Ida Haendel 1958 in Prag >
 
Geboren wurde sie 1928 im polnischen Chelm bei Lublin. Auch das Geburtsjahr 1923 war lange im Gespräch. Schon bei der Dreijährigen zeigte sich die Begabung. Der Vater, ein Kunstmaler, fragte unter anderem den großen Bronislaw Huberman, zu wem er Ida schicken solle. Der riet zu Carl Flesch, bei dem sie nach ein paar Zwischenstationen auch landete. Flesch, dessen Lehrmethode Ida einmal als chirurgisch beschrieben hat, war so tief beeindruckt, dass er ihr sogar kostenlosen Unterricht anbot. 1935 nahm sie als Jüngste am Wieniawski-Wettbewerb in Warschau teil, den die 16-jährige Ginette Neveu vor dem 27-jährigen David Oistrach gewann. Furore machte auch die kleine Ida, die bis ins Finale kam und dann zum Tee beim polnischen Staatspräsidenten eingeladen wurde. 1937, die Familie zog auf Fleschs Rat nach England, kam der Durchbruch in London. Haendel nahm noch Stunden beim Geiger, Pianisten, Komponisten George Enescu in Paris, was Flesch missfiel.
 
1939 wurde sie britische Staatsbürgerin. Während des Krieges spielte sie für Soldaten und in Fabriken. Nach 1945 begann die Weltkarriere, die in der Nacht zum Dienstag, dem 30. Juni, in Miami, wo sie seit Jahren lebte, nach 91 Jahren für immer endete.
 
Ida Haendel gebot zeitlebens über disziplinierteste Teufelsgeigerei bei den Virtuosenstücken etwa von Henri Wieniawski, Sarasate oder Fritz Kreisler. Genauso aber verfügte sie bei Bach, Beethoven, Tschaikowsky und besonders bei Brahms und Sibelius über Ernst, vitale Leidenschaft und imponierende Versenkungskraft. Ihre Vielseitigkeit und Makellosigkeit, auch ihre Strenge wurden von den Kollegen bewundert, sie war bei aller Begeisterung des Publikums immer auch eine Musikerin für Musiker.
 
So ließ ihr zwischen Hitze und Kälte magisch changierender Ton die Düsternis und die Grübeleien im Brahms-Konzert erglühen, für dessen denkwürdige Aufnahme sie 1953 den erklärten Schallplattenfeind Sergiu Celibidache noch einmal ins Studio lockte. Davon hat sie in ihrer lesenswerten Autobiografie "Woman with Violin" (1970) spannend erzählt. Mit Ida Haendel, von der CDs, Live-Mitschnitte und Film-Dokumentationen über sie existieren, ist eine der absoluten Herrscherinnen im Reich der Violine dahingegangen.