Der Jazz-Pianist Ahmad Jamal wird an diesem Donnerstag neunzig Jahre alt.04.07.2020  -  Er galt als Wunderkind und spielte später eine der meistverkauften Platten der Jazzgeschichte ein. Dem Pianisten Ahmad Jamal, der das Understatement pflegt, zum neunzigsten Geburtstag.

 
Es war wohl eine der skurrilsten künstlerischen Demonstrationen, die New York erlebt hat: Am 7. Juli 1973, als sich eine wie stets illustre Gesellschaft zur Carnegie Hall aufmachte, um einem Stelldichein der größten lebenden Jazzpianisten – von Eubie Blake bis Bill Evans – beizuwohnen, hielt an der Ecke 57. Straße, 7. Avenue ein einsamer Mann ein Pappschild in die Höhe, auf dem das ganze Ausmaß des künstlerischen Skandals zusammengefasst war: „Eine Nacht des Klaviers ohne Ahmad Jamal? Das Watergate der Musik!“
 
Ob der Protestler viele Gleichgesinnte unter den Konzertbesuchern rekrutieren konnte, ist nicht überliefert. Immerhin hat seine Aktion Eingang in die Anekdotenschatzkammer des Jazz gefunden. Der seinerzeit so schnöde übergangene Jamal reagierte fast vier Jahrzehnte später ausgesprochen souverän und nur mit Achselzucken: „Ich habe so oft in der Carnegie Hall gespielt, das erste Mal 1952 gemeinsam mit Duke Ellington und Louis Armstrong, dann mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Stan Getz. Im nächsten Jahr gibt es dort ein Programm mit McCoy Tyner, Dave Brubeck und mir.“
 
Das war 2008 und nicht das letzte Mal, dass Ahmad Jamal in der heiligen Halle des amerikanischen Musiklebens auftrat. Aber dass er zu den Größten in der Geschichte des Jazzpianos gehört und dennoch geflissentlich übersehen oder, sagen wir besser: unterschätzt wird, begleitet sein Leben bis heute.
 
Wer weiß, vielleicht wäre er noch länger ein Ondit hinter vorgehaltener Hand geblieben, hätte Miles Davis nicht stets wie eine der drei Nornen von dem größten Pianisten hinter den Bergen bei Pittsburgh geraunt, der ihn als einer von wenigen beeindrucken konnte. Beeindrucken, nicht beeinflussen! Miles den Großen konnte niemand beeinflussen. Aber Ahmad Jamal hat ihn dazu gebracht, sich wieder auf seine Musik zu konzentrieren: „Er führte mich zu mir selbst zurück.“
Schon mit zehn spielte er an seinem geliebten Steinway
Ahmad Jamal war ein Wunderkind und ein Genie, das schon professionell den von ihm so geliebten Steinway traktierte, als es zehn Jahre alt war. Mit neunzehn machte er seine erste Aufnahme, ein Jahr später gründete er ein Trio unter seinem Namen, das zu den einflussreichsten kleinen Formationen des Jazz werden sollte. Und mit nicht einmal fünfundzwanzig brachte er eine Langspielplatte heraus, deren Titel so schlicht wie arrogant klang und die heute immer noch wie ein kristallklarer Quell der Jazzinspiration wirkt.
 
„Chamber Music of the New Jazz“ ist ein rares Juwel unter den Jazzaufnahmen, das einen Pianisten zeigt, wie man ihn bis dahin nicht kannte und auch später nicht zu hören bekam: mit einem Anschlag, bei dem die Obertöne nicht aufblühten, sondern sich wie überempfindliche Mimosen zusammenzogen, um das Klanggeheimnis jedes Tons für sich zu behalten; mit Akkordballungen dann wieder, die ein ganzes Sinfonieorchester ersetzen sollten; mit motivischen Überraschungen, die den Gitarristen Ray Crawford und dem Bassisten Israel Crosby zu permanentem Hochleistungshören zwangen. Schließlich mit einer asketischen Selbstsicherheit im Vermeiden virtuosen Schnickschnacks, die jeden zweiten Jazzpianisten wie einen künstlerischen Hochstapler erscheinen ließ.
 
MUSIKVIDEO: „Marseille“ von Ahmad Jamal >
 
Drei Jahre danach kam „At the Pershing“, aufgenommen im gleichnamigen Hotel in Chicago, wo das Trio mit Israel Crosby und dem Schlagzeuger Vernel Fournier ein Jahr lang jede Nacht fünf Sets gespielt hatte. Die Platte war auf Anhieb kommerziell so erfolgreich, dass Ahmad Jamal seinen eigenen Jazzclub aufmachen konnte. Hätte er aber geahnt, dass die Aufnahme mit der unverwüstlichen Schnulze „Poinciana“ als Zugnummer zu einer der meistverkauften Schallplatten der Jazzgeschichte werden sollte, er hätte wohl unter all die Standards ein paar eigene Kompositionen geschmuggelt. Sie hätten ihm ein komfortables Tantiemenpolster für den Rest seiner musikalischen Karriere bescheren können.
 
„At the Pershing“ war für Jamal Segen und Fluch zugleich. Spätestens damit galt er auch vielen Barpianisten als Vorbild. Zu Recht, wenn man seinen lakonischen Improvisationsstil und sein pianistisches Understatement zugrundelegt, zu Unrecht, wenn man ein Verdikt daraus ableitet.
 
Selbst in den sparsamsten Arrangements ist sein Stil differenziert, Raum lassend, frei atmend und swingend, dabei von unvergleichlicher Phrasierungskunst. Man höre sich nur „The Tube“ oder „The Aftermath“, zwei Jamal-Kompositionen auf „Live in Paris 92“ mit dem unglaublichen Bassgitarristen James Cammach und dem Schlagzeuger David Bowler, an: Das ist die höchste Stufe des vibrierend-ekstatischen Jazz-Grooves und moderner Jazzfunk, der fast alles in den Schatten stellt, was in dieser Zeit herausgebracht wurde.
 
Jamal, der noch im vorigen Herbst eine Aufnahme mit Balladen herausbrachte, ist so vital geblieben. Der französische Journalist Francis Marmande hat es auf den Punkt gebracht: Manche Jazzmusiker spielten, als wäre es ihr letztes Konzert und morgen müssten sie sterben – Ahmad Jamal spielt so, als werde er stets neu geboren. 
 
Geboren am * 2. Juli 1930 in Pittsburgh, Pennsylvania als Frederick Russell Jones feierte er  am Donnerstag seinen neunzigsten Geburtstag.