Die Tänzerin Anouk van der Wejide hält sich in Corona-Zeiten auf einem Stuttgarter Balkon in Form.04.07.2020  -  Ballett ist das Gegenteil von Abstand: Zur prekären Lage einer Kunstform.

 
Vor Spielzeitende stehen in den Kalendern von Tanzcompagnien und Ballettensembles wichtige Termine. Ausscheidende Solisten geben ihre Abschiedsvorstellungen, Vortanztermine für die nächste Saison werden angesetzt. Große Premieren finden auch oft kurz vor Spielzeitferienbeginn statt, denn nach einigen Aufführungen vor der Sommerpause sitzt das Stück sehr gut. Aber längst nicht alle Zuschauer haben es sehen können, und somit bildet es einen guten Auftakt für die neue Saison. Entweder so – oder es finden intensive Proben für ein neues Ballett statt, so dass kurz nach Beginn der neuen Spielzeit bereits die erste Premiere gegeben werden kann.
 
Der Ausklang von 2019/2020 sieht dramatisch anders aus. Fast alles fällt aus. Die meisten Proben für neue Produktionen sind verschoben. Alle warten, auf den Herbst und den Beginn der neuen Spielzeit, auf den Impfstoff, auf Medikamente, auf weltweite Gesundung. Viele Tänzer und Tanzstudenten sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Das deutsche Stadttheater, und das gilt insbesondere für Oper und Tanz, ist eine internationale Angelegenheit. Nicht selten tanzen in einem Ensemble wie Mainz oder Cottbus mehr als zwanzig Nationalitäten zusammen. Für die freien Regisseure und Choreographen, deren Inszenierungen häufig als Koproduktionen verschiedener Festivals und Theater in mehreren Ländern entstehen, ist die Lage noch ernster.
 
Ballettstangen und Spitzenschuhe
 
An den Stadttheatern fließt immerhin weiter das Gehalt aus den Verträgen, aber verschobene freie Produktionen bedeuten auch aufgeschobene Zahlungen. Es bedeutet, zur Schreibtischarbeit, zur Einsamkeit verurteilt zu sein, während eigentlich Proben stattfinden sollten. Der belgische Regisseur und Choreograph Michael Laub („Rolling“), der in diesem Semester die „Valeska-Gert-Gastprofessur“ an der Freien Universität Berlin innehat, hält zwar seine Vorlesung als Videokonferenz ab. Proben kann auch er nicht. „Manchmal wäre ich derzeit gern ein Maler oder Schriftsteller“, sagt er. Damit er die Arbeit an seiner neuen Inszenierung beginnen könnte, müssten vier Kontinente ihre Reisebeschränkungen beenden. Tänzerinnen aus New York und Australien würden sich mit den europäischen Darstellern in Moçambique treffen. „Meine Arbeit ist sehr vom Kino beeinflusst. Im Augenblick verfolgt mich dieses Bild – die Vorstellung, wie die Kameras weltweit stillstehen. Noch nie seit der Erfindung des Films sind sämtliche Dreharbeiten zum Erliegen gekommen.“
Als sich abzeichnete, dass der Lockdown nicht nach drei Wochen aufgehoben werden würde, haben Tanzstudenten und professionelle Tänzer in ihren Wohnzimmern, Küchen und Fluren vier Quadratmeter Tanzteppich ausgelegt. Man hat ihnen transportable Ballettstangen nach Hause gebracht und neue Spitzenschuhe zugeschickt, wenn es nötig war. Wo das Aufstellen der Barre nicht möglich war, lernten wir – als ihre Verfolger auf Instagram, Facebook, Zoom und anderem – die Treppengeländer im oberen Stockwerk und die Küchentheken kennen, denn natürlich kann man sich an vielerlei festhalten, um das Exercice an der Stange zu absolvieren.
 
Es war lustig, es war traurig
 
Festhalten soll man sich schließlich sowieso nicht, sondern nur die Hand auflegen. Es waren viele von ihnen, die solche Trainings geteilt und live gestreamt haben. Auf dem Sofa zu sitzen und Gummibärchen zu essen, scheint für die vielleicht diszipliniertesten Körper der Kunst- und Theaterwelt keine Option. Es war eine schöne, lustige Erfahrung in den letzten Monaten, mitunter auch eine traurige. Die großartigen Gaga People des israelischen Choreographen Ohad Naharin luden zu Online-Klassen ein, die alle in diese besondere, wilde, gemeinschaftlich idiosynkratische und mitreißende Form des Tanzens einführten. Tänzerinnen, die noch zu Lebzeiten des Choreographen Mitglieder der „Merce Cunningham Dance Company“ waren, studierten mit uns zu Hause ein Solo des 2009 verstorbenen Theaterrevolutionärs ein, Phrase für Phrase, in mehreren Lektionen. Jennifer Goggans, die viele Warm-up-Classes gibt, sagt mit einem stoischen Lächeln zu Beginn: „Let’s start doing what we do best – dancing!“
 
Die eigene Disziplin aufrechtzuerhalten schien die eine Aufgabe zu sein, das andere Problem die Furcht vor dem Unsichtbarwerden. Es gibt unterschiedliche Hochrechnungen, wie viele Menschen in fünfzig Jahren noch in Opernhäuser gehen, um dort live Musik zu hören oder Tanz anzuschauen. Die Daten werden in Diskussionen über Neubauten von Theatern als Argument verwendet. Die Frage, wie lange und wie häufig es in Zukunft vielleicht Phasen geben wird, in denen es geboten ist, Zuschauerzahlen zu begrenzen oder öffentliche Veranstaltungen ganz auszusetzen, beeinflusst die Überlegungen womöglich auch. Das macht Theaterleuten Angst. Der Tanz hat medial am meisten zu verlieren. Die Möglichkeiten und die technische Verfügbarkeit von „Virtual Reality“-Aufführungen sind noch begrenzt – was auch ein guter Versuch des Staatstheaters Augsburg bewies, das seinem Publikum auf Wunsch VR-Brillen nach Hause lieferte. Verfolgte man das choreographische Geschehen durch dieses Gerät, empfand man sich als Teil der Inszenierung und plaziert inmitten der Tänzer.
 
Der Historiker im Zuschauer
 
Das ist interessant, Tanz und Technologie gehen seit der Erfindung der Kamera immer wieder enge Verbindungen ein. Ein Ersatz für die besondere Aufregung, die während einer Live-Performance in der Luft liegt, für die besondere Spannung, die das Wagnis des Ereignisses bei den Tänzern und ihrem Publikum erzeugt, ist es nicht.
 
Unterdessen hat der Lockdown des Tanzes in allen Zuschauern den Tanzhistoriker geweckt. Die Repertoire-Goldschätze, die mit den Streaming-Angeboten der Theater und Fernsehsender gehoben werden können, stellen den unglaublichen Reichtum der internationalen Tanzwelt aus. Es sollte Formate geben, in denen sich die Zuschauer mit den Tänzern in der neuen Saison darüber austauschen können, was sie im Shutdown gesehen und gelernt haben.
 
https://img.youtube.com/vi/UCH4LeK8iY4/mqdefault.jpgTanz ist das Gegenteil von Abstand. Weshalb die Einschätzung der weiterhin ernsten Lage durch die New Yorker Gesundheitsbehörden vor wenigen Tagen eine der traurigsten künstlerischen Konsequenzen nach sich gezogen hat. Das „New York City Ballet“, George Balanchines 1948 gegründetes und seither die Ballettwelt überstrahlendes Wunder-Ensemble, hat die kommende Saison komplett abgesagt und bekanntgegeben, dass auch ihre zu den New Yorker Ritualen der Weihnachtszeit unverzichtbar gehörenden Vorstellungen von Tschaikowskys „Nussknacker“ ausfallen.
 
Ein einsamer Mäusekönig
 
Die Folgen mag man sich noch gar nicht ausmalen. Mehr als 75 Prozent des Etats solcher Compagnien in den Vereinigten Staaten oder Kanada sind eigengeneriert. Von den 35 Millionen Dollar an Einnahmen des New York City Ballet im vergangenen Jahr entfielen 15,3 Millionen Dollar auf den „Nussknacker“. Wenn Wirtschaftseinbußen von dreißig Prozent die Folge der Pandemie sind, dann kann man sich vorstellen, wie viele Sponsoren und Mäzene ihre Förderungen verringern oder einstellen.
 
Der „Nussknacker“ ist ein Symbol, eine ungebrochene Tradition seit 1954. Ungezählte Kinder sind mit Balanchines Version des klugen und träumerischen Balletts über das Erwachsenwerden eines kleinen Mädchens zu Anhängern der Tanzkunst geworden und es geblieben. Dieses Jahr sitzt der Mäusekönig allein in seiner Garderobe und denkt nach, wie er die acht Millionen Einbuße seiner Compagnie ausgleichen soll, wenn das Reich der Süßigkeiten geschlossen bleibt.