Marie-Claire Bär-Le Corre (links) tanzt, Katharina Bäuml spielt dazu die Schalmei.< Marie-Claire Bär-Le Corre (links) tanzt, Katharina Bäuml spielt dazu die Schalmei.

04.07.2020  -  Die Sehnsucht nach Nähe ist in Zeiten der Distanz groß. Die Internationale Orgelwoche Nürnberg antwortet darauf mit geistlicher Musik.

 
So wie Mozart alle Geheimnisse der Verführung kannte, wusste Johannes Brahms um jene des Trostes. Trösten heißt: Gemeinschaft herstellen im Verlust – und Sicherheit schenken, wo eine Welt zusammengebrochen ist. Seine Variationen für Klavier in D-Dur op. 21 Nr. 1 leuchten mit einem Licht, das die Vernunft nicht fasst. Die ihnen eigene Wärme hat etwas Wehrhaftes nach außen und etwas Bergendes nach innen. Markus Becker setzt sie frei an diesem Sommerabend in der Sebalduskirche zu Nürnberg, durch ein Spiel, in dem Kraft und Zartheit untrennbar sind.
 
Brahms verankert den Trost in der Geschichte: Die weise Welt-Akzeptanz des späten Beethoven spricht aus dieser Musik ebenso wie die beglückende Kosmologie Johann Sebastian Bachs. Und die Gnaden-Coda am Ende, mit ihrem Orgelpunkt und der Quintfallsequenz, ist eine Einladung, sich fallen zu lassen wie in die Hand Gottes. Nicht ohne Grund steht diese Musik von Brahms an diesem vierstündigen Konzertabend am Ende der Einsamkeitsgesänge, kurz vor den Trostgesängen. Denn sie ist beides zugleich.
 
„Nah bei dir“ hat Moritz Puschke diesen Eröffnungsabend der 69. Internationalen Orgelwoche Nürnberg (ION) genannt. Das Programm ist eine Art Playlist in Zeiten der Isolation. Und sie verfährt im Großen wie Brahms im Kleinen: Trost durch Verankerung aktueller Erfahrung in der Tiefe der Geschichte. Viola Blache singt Johann Philipp Kriegers frühbarockes Lied „Einsamkeit, du Qual der Herzen“; die Schalmei-Virtuosin Katharina Bäuml biegt mit der Capella de la Torre die Klänge der „Pavane de Spaigne“ von Michael Praetorius so anmutig wie Marie-Claire Bär-Le Corre ihre Füße beim gleichzeitigen Tanz. Schließlich stimmt das meisterhaft singende Ensemble Continuum Auszüge aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ an, durch deren Chor „Sei nun wieder zufrieden“ sich einer der ganz großen, durch den Dreißigjährigen Krieg seelisch vernarbten Choräle zieht: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.
 
Es ist ein Aufatmen, dass hier gesungen wird: für viele der erste Auftritt nach vier Monaten Zwangspause. Und dieses Programm ist nur Ersatz, weil das ursprüngliche sich nicht verwirklichen ließ. Das Konzert wird als Live-Stream in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt. Lediglich ein paar Beobachter sind zugelassen.
 
Festivalleiter Moritz PuschkeFestivalleiter Moritz Puschke >
 
Moritz Puschke leitet die ION seit zwei Jahren. „Ich bin ein Mann der Kirche“, sagt er, „mein Vater ist Pfarrer. Ich hab ein Interesse daran, Menschen zusammenzubringen, und schrecke überhaupt nicht zurück vor den großen Oratorien.“ Aber ihm liegt auch viel daran, bei jedem Einzelnen durch Musik – die geistliche zumal – eine Lebensnähe herzustellen, wie sie viele nur mit dem Pop verbinden. Gerade deshalb gehört der Song „Close to you“ – nah bei dir – von den Carpenters zum Programm.
 
Der geistlichen Musik hat sich die ION seit 1951 verschrieben, und Puschke traut ihr viel zu: „Obwohl so viele Menschen – coronabedingt noch mehr – aus der Kirche austreten, gibt es eine Sehnsucht nach Einkehr, nach Ruhe, nach sinnstiftenden Gemeinschaftserlebnissen. Ich habe manchmal meine Zweifel an Gott und an der Kirche, aber der Kirchenraum bleibt ein Ort der Einkehr, der Tröstung, der Zuversicht und der Hoffnung. Von dort etwas mit herausnehmen zu können, was mich trägt, das ist in unserer Gesellschaft der Vereinzelung hoch relevant.“
 
In Nürnberg, das unter dem Motto „Past Forward“ an seiner Bewerbung für die Europäische Kulturhauptstadt 2025 arbeitet, schätzt man Puschkes Arbeit sehr. Die Kulturbürgermeisterin Julia Lehner, zugleich Beraterin von Markus Söder in München, sieht Puschkes Leistungen beim „audience development und community development“, wie sie es mit heutigem Managervokabular ausdrückt: „Mir hat es imponiert, wie Moritz Puschke die Musik auf die Straße gebracht hat: zu den Menschen hin.“ Tatsächlich rief er im vergangenen Jahr zum Singen, abends um elf auf dem Hauptmarkt, auf und war von der Resonanz überrascht: „Ich dachte, da kommen zweihundertfünfzig Leute, aber es kamen fünftausend.“
 
In diesem Jahr sind keine Massen zugelassen. Für die Künstler, die kommen, um Musik des Trostes zu spielen, ist die ION selbst ein Trost. Katharina Bäuml erzählt, dass die Capella de la Torre nur für vier von dreißig abgesagten Konzerten ein Ausfallhonorar erhielt. Sie wolle trotzdem nicht aufgeben, sondern neue Formen der Musikvermittlung – mit Darbietung, Kommentar und Bezahlpflicht – im Internet erarbeiten. Der Tenor Benedikt Kristjánsson, der vielen durch die diesjährige Johannespassion in der Leipziger Thomaskirche ein Begriff geworden sein dürfte, hat allein fünfzehn Konzerte in der Passionszeit verloren, dazu noch eine Tournee durch die Vereinigten Staaten und mehrere Konzerte mit Jordi Savall und Beethovens neunter Symphonie. Er will demnächst mehrere hundert Volkslieder seiner Heimat Island für eine Internetdatenbank aufnehmen und sich mit den Liedern Wilhelm Furtwänglers befassen. Ein Projekt mit Mozarts „Così fan tutte“ in Berlin hat der dortige Kultursenator Klaus Lederer mit seinem kategorischen Singverbot gerade zunichtegemacht.
 
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist nicht allein dankbar, dass es Puschke gelungen ist, ein Ersatzprogramm aufzustellen, sondern auch, dass die Künstler einen echten Auftrag bekommen haben und in Lohn und Brot stehen. Wie unbefriedigend die Situation für die Veranstalter ist, wie wenig praktikabel, ja ökonomisch sinnlos die Sicherheitsregeln sind, weiß er auch. Und sosehr man sich darüber ärgern mag, dass Gastronomie und Verkehr lange Zeit großzügiger agieren durften als die Konzertveranstalter, so wenig kann man Politikern wie Herrmann Kulturferne unterstellen. Er engagiert sich seit Jahren als Stiftungspräsident für die ION, eher still, aber mit effektivem Ernst: „Ich bin kein Musiker. Ich kann ein bisschen Klavier spielen, aber das ist nicht der Rede wert. Ich bin allerdings der Kirchen- und Orgelmusik sehr zugetan. Beim Hören im Wortsinn über Gott und die Welt nachzudenken ist etwas Wunderbares“, sagt er am Abend vor der Kirche. Am nächsten Morgen singt er im Gottesdienst alle Choräle mit. Moritz Puschke, der vor ihm sitzt, sagt hinterher: „Ein phantastischer Bariton vor dem Herrn, super Stimmsitz!“ Den Live-Stream haben, hungernd nach Nähe, am Ende achtunddreißigtausend Menschen in der Ferne verfolgt.