Einem Bild von Hieronymus Bosch entsprungen: Der russische Regisseur Alexej German verfilmte das Werk der Strugatzki-Brüder. <  Einem Bild von Hieronymus Bosch entsprungen: Der russische Regisseur Alexej German verfilmte das Werk der Strugatzki-Brüder.

04.07.2020  -  Die Menschheit tut sich schwer, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Umso mehr, wenn diese in einer fernen Zukunft einen Planeten besucht, auf dem ein mittelalterliches Spiegelbild ihrer selbst sich zu zerfleischen droht.

 
Diktatur, Fanatismus, Terror: Lernen wir Menschen je aus Fehlern unserer blutigen Vergangenheit? Diese Frage stellen auch die russischen Schriftsteller Arkadi und Boris Strugazki. In ihrem dystopischen Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ kommen die Brüder zu einem zynischen Ergebnis. In einer fernen Zukunft hat die Menschheit erst ihre eigene brutale Natur überwunden und wenig später auch die Grenzen des Sonnensystems.
 
Als interstellare Entdecker stoßen sie auf einen erdähnlichen Planeten. Dessen Bewohner, uns so ähnlich, befinden sich gesellschaftlich und technologisch auf dem Stand des Mittelalters. Die Erdenbürger kommen inkognito in die neue alte Welt und lenken deren Geschicke in eine mutmaßlich bessere Zukunft. Doch die grausamen Regime auf dem Planeten drohen das zu verhindern. Der junge Historiker Anton, in der Rolle des draufgängerischen Adligen Don Rumata, wird mit der Aufgabe betraut, Gelehrte im Königreich von Arkanar in Sicherheit zu bringen. Denn der machthungrige Sicherheitsminister, Don Reba, hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe eines organisierten militärischen Terrors das Land in einen faschistischen Staat zu verwandeln. Jeder, der mit einem Funken von Intelligenz sich aus der grauen Mitte der Gesellschaft hervorhebt, droht Opfer seiner bestialischen Säuberungswelle zu werden. Trotz bester psychischer und physischer Vorbereitung fällt es Anton zunehmend schwerer, die gewalttätigen Exzesse tatenlos mit anzusehen. Die Brutalität auf dem Planeten erreicht schließlich ein Maß, an dem Anton zerbricht und den Glauben an die pazifistischen Ideale seiner Heimat verliert. Der Beobachter droht zum Teil seiner menschenfeindlichen Umwelt zu werden – ausgestattet mit einer gottähnlichen technologischen Macht.
 
„Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ gilt nicht nur als bittere Abrechnung mit dem Totalitarismus – insbesondere dem Stalinismus. Mit beißendem Spott lotet der Roman zudem die Sollbruchstelle humanistischer Grundwerte aus. Der Protagonist Anton ist immer wieder hin und her gerissen zwischen seiner gewaltlosen Identität als Erdenbürger oder der Blutrünstigkeit seiner Rolle als Don Rumata, bis er nicht mehr zwischen den beiden Seiten unterscheiden kann. Der moderne Historiker verliert sich im Schmutz der archaischen Welt, die er eigentlich kennen und beobachten sollte, wird Teil von ihr.
 
Mit dem immensen Wissen eines hochentwickelten Zukunftsmenschen, der glaubt, das Patentrezept zu Rettung der Bewohner dieser unterentwickelten Welt zu haben, scheitert Anton/Rumata an der Realität, dass der Mensch so ist, wie er nun mal ist. Der  Protagonist muss erkennen, dass er letztlich trotz seiner technologischen Macht kein Messias ist, sondern ebenfalls nur ein Mensch – mit all dessen Makeln. Man muss also auch nicht weit in die Zukunft blicken, um zu sehen, dass diese Kritik an unserer Hybris und die Warnung vor extremistischen Ideologien gerade in der heutigen Zeit eine unbequeme Vertrautheit weckt.   
   
Deutsche Ausgaben
  • Erstausgabe: Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Roman, übersetzt von Hermann Buchner, Marion von Schröder Verlag, Düsseldorf 1971
  • Taschenbuchausgabe: Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Utopischer Roman, übersetzt von Hermann Buchner, Wilhelm Heyne Verlag, München 1972 (textidentisch)
  • DDR-Ausgabe: Ein Gott zu sein ist schwer. Phantastischer Roman, übersetzt von Arno Specht, Verlag Volk und Welt, Berlin (Ost) 1975 (Ausgabe als Romanzeitung Nr. 464, 1988)
  • Erste vollständige (unzensierte und anhand der Manuskripte rekonstruierte) deutsche Ausgabe in: Werkausgabe, Vierter Band, Wilhelm Heyne Verlag 2012, S. 149–370. ISBN 978-3-453-52686-0