Auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen in seiner Wahlheimat Leipzig, die er immer weniger versteht: Journalist Michael Kraske in seinem neuen Buch „Der Riss“04.07.2020  -  Michael Kraske beschreibt kenntnisreich die ostdeutsche Gesellschaft. Dabei wird er jedoch den westdeutschen Blick nicht los und trifft damit den Nerv eines West-Publikums, dem der Osten bis heute fremd geblieben ist.

 
Es ist von Vorteil, dass der im Sauerland geborene Journalist Michael Kraske seit fast dreißig Jahren in Leipzig lebt und den Osten sehr gut kennt. Dachte er zumindest, denn sein neues Buch „Der Riss“ ist eine Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen in seiner Wahlheimat, die er immer weniger versteht. Herausgekommen ist ein, so viel vorweg, lesenswertes, nachdenkliches und auch streitbares Werk, das nur den Nachteil hat, den westdeutschen Blick zum Maßstab zu erheben. Das geht schon mit dem besonders ärgerlichen Untertitel los: „Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört“. Der Satz dürfte dem Marketing geschuldet sein, weckt im Osten jedoch sofort Erinnerungen an Zeiten, in denen die SED verkündete, alles Böse komme „aus der BRD“.
 
Kraske schildert zunächst seine Fassungslosigkeit angesichts der Erfolge von AfD und Pegida, aber auch ob des schon seit Jahren – relativ gesehen – größeren Ausmaßes an Ausländerfeindlichkeit und Rassismus im Osten. Der Autor profitiert dabei von seinem profunden Wissen über Rechtsextremismus vor allem in der Provinz. Er kennt die Klein- und Mittelstädte Sachsens, in denen sich Neonazis unwidersprochen breitmachen, er weiß um die jahrzehntelange Verharmlosung des Problems durch Politiker – insbesondere der sächsischen CDU –, die Kritik lange als „Sachsen-Bashing“ abtaten, das Wegsehen mancher Polizisten und eine bisweilen skandalöse Verzögerungstaktik der Justiz, die etwa in der Neonazi-Schläger-truppe „Sturm 34“ keine kriminelle Vereinigung erkannte, den Prozess hinausschob und schließlich ein mildes Urteil fällte, das der Bundesgerichtshof kassierte.
 
„Der Riss“ geht durch ganz Deutschland
 
Es ist Kraskes Verdienst, dass viele dieser Ereignisse überhaupt erst in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Hartnäckig bleibt er an Geschichten dran, beschreibt empathisch die Menschen, die sich gegen diese Zustände zur Wehr setzen. Trotzdem unterlaufen dem Autor bekannte, aber falsche Pauschalisierungen. „Wer sich im Osten für kulturelle Vielfalt, Pluralismus und Demokratie einsetzt, wird vielerorts zum Außenseiter, nicht selten bedroht und sogar angegriffen“, ist eine Feststellung, die genauso wenig zutrifft wie die vier Seiten später auftauchende Behauptung, es gebe „eine kollektive Gewalterfahrung im Osten“, nämlich „die Geschichte einer Jugend auf der Flucht vor rechten Schlägern“ in den neunziger Jahren.
 
Das ist vielmehr ein besonders im Westen willkommenes Erzählmotiv, wie sich auch an der dort großen Popularität des Twitter-Hashtags „Baseballschlägerjahre“ über die Nachwendezeit ablesen lässt. Solche Erzählungen treffen den Nerv eines West-Publikums, dem der Osten bis heute fremd geblieben ist und das auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung kaum Wissen über die fünf Ost-Länder hat.
 
Kraske schildert das sogar selbst am Beispiel seiner Tochter, die, in Leipzig geboren, „merkwürdige Erfahrungen“ während ihres Studiums im Westen macht: „Es nervt sie, ihre ostdeutsche Herkunft ständig erklären und rechtfertigen zu müssen.“ Sobald sie sage, „dass ihre Eltern aus dem Westen stammen, reagieren einige geradezu erleichtert“. Es gebe im Westen bis heute „ein abfälliges Fremdeln mit Ostdeutschen“, schreibt Kraske und mutmaßt mit Recht, dass „die anhaltende westliche Überheblichkeit auch ein Grund für die Rückbesinnung auf das Eigene im Osten“ sei. Dabei bleibt jedoch immer klar, dass diese Befindlichkeiten keine Rechtfertigung für Ausländerhass, dumpfes Pegida-Geschrei oder dafür, AfD zu wählen, sein dürfen.
 
Die verschwindend geringe Präsenz Ostdeutscher im gesamtdeutschen Diskurs, das Gefühl, auch deshalb Bürger zweiter Klasse zu sein, nicht viel zu sagen zu haben, all das beschreibt Kraske facetten- und kenntnisreich aus seinem Ost-West-Blick. Besonders eindrucksvoll sind jene Kapitel, in denen er sich auf Experimente einlässt – etwa auf einen langen Austausch mit einer ostdeutschen Jurastudentin, die sich von einem seiner Texte „in die rechte Ecke“ gestellt sah.
 
„Mit Menschen, die jeglichen Sinn für Anstand verloren haben, hat sie nichts am Hut. Das ist ihr wichtig, zu betonen“, schreibt er. „Aber sie hat das Gefühl, immer wieder mit diesen auf eine Stufe gestellt zu werden.“ So sei ihre Solidarität mit dem vermeintlich angegriffenen ostdeutschen Kollektiv offenbar größer als mit den Opfern von Rassismus und rechter Gewalt – was wiederum sie nachdenklich zurückgelassen habe.
 
Ähnliches erzählt ihm am Ende des Buchs der im Osten aufgewachsene Regisseur Andreas Dresen, von dem sich Kraske vergeblich Konsens erhofft. Zwar erschrecke auch Dresen angesichts mancher Entwicklung. „Aber ich sehe auch furchtbar viele Klischees über Ostdeutschland“, sagt er. „Alle Ostdeutschen werden generalisiert in Haft genommen für ein paar Bekloppte, und das vergrößert diese Mauern, die es sowieso schon gibt.“ Und es treibe manche erst recht in die Hände der AfD.
 
Kraske schreibt, es habe ihm „zu denken gegeben, wie anders dieser sensible Beobachter mit seiner ostdeutschen Biografie auf die Gefahr von rechts schaut“. Das Gespräch zeigt, wie einseitig bis heute geurteilt wird: Weder steht nach dem Mord an Walter Lübcke oder den Morden in Hanau ganz Hessen am Pranger, noch ist von „den Westdeutschen“ die Rede, wenn, wie jüngst, ein aus Nigeria stammender Priester nach Morddrohungen aus Speyer weggeht.
 
Die Diskrepanz zeigt sich selbst im Kleinen: Während eine in der Tat dümmliche, aber harmlose Stickerei auf Sitzbezügen eines sächsischen Polizeiwagens tagelang bundesweit Anlass für hämische Kommentare über Sachsen ist, wird über ein ähnliches Motiv in baden-württembergischen Polizeiwagen kein kompromittierendes Wort verloren. Kraske kommt in seinem Buch anhand von Zahlen zu dem Schluss: „Vom braunen Osten zu reden, ist empirisch unhaltbar“, Rassismus sei kein exklusives Ost-Problem. Zudem könne er sich nach seinen Recherchen die Reflexe, mit denen auf Kritik im Osten reagiert wird, nun besser erklären. Dennoch sieht er vor allem den Osten in Gefahr, politisch abzurutschen. Dabei werden die Grundlagen der Demokratie doch im ganzen Land angegriffen, beginnt das Gift der AfD, siehe Hanau, überall zu wirken.
Michael Kraskes „Der Riss“ 
„Der Riss“ geht eben nicht nur durch Ost-, sondern durch ganz Deutschland. Es braucht deshalb keinen „New Deal Ost“ und auch kein neues Leitbild für die ostdeutsche Gesellschaft, wie es Kraske letztlich fordert. So etwas wäre sogar kontraproduktiv, es würde die Sonderrolle des Ostens nur noch mehr festigen und seine Bewohner ein weiteres Mal zu Mündeln erklären. Und es würde den Westen weiter in der falschen Gewissheit wiegen, auf einer von diesen Problemen unbehelligten, guten Seite zu stehen. Vielmehr ist ein Verständnis für die Probleme des ganzen Landes nötig, als dessen fester Bestandteil und nicht nur komisches Anhängsel der Osten gesehen werden sollte. Denn die Demokratie und ihre Institutionen sind überall unter Druck, sie bedürfen in ganz Deutschland der Verteidigung.
 
Michael Kraske: „Der Riss“. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. Ullstein Verlag, Berlin 2020. 352 S., geb., 19,99 >