Julianna Awdejewa im Pavillon des Hotels „Albrechtshof“ in Gohrisch09.07.2020  -  In einem transkontinentalen Livestream haben Julianna Awdejewa, Daniil Trifonow und Dmitri Maslejew mehrere Klavierstücke von Dmitri Schostakowitsch postum zu Uraufführung gebracht. Einmal mehr hörte man, wie stilistisch zerrissen dessen Lebenswerk ist.

 
So ein Livestream-Ersatz anstelle eines Echtweltkonzerts hat auch Vorteile: Endlich bekommt man mal einen Überblick über die Lage, und die Lage ist traumhaft! Im Landeanflug fängt die Kamera an der Drohne die ganze Umgebung des heutigen Hotels „Albrechtshof“ in Gohrisch ein: die saftigen Mischwälder, zwischen denen die Elbe gerade unsichtbar bleibt, aber am Horizont sieht man den Lilienstein, den schönsten Tafelberg Deutschlands.
 
Das Hotel „Albrechtshof“ hieß nicht immer so. Gebaut wurde es als Gästehaus der Regierung der DDR; und Gohrisch ist bis heute Luftkurort in der Sächsischen Schweiz. Weil der Komponist Dmitri Schostakowitsch sich zweimal, in den Jahren 1960 und 1972, hier erholte und beim ersten Mal auch ein wichtiges Werk, sein achtes Streichquartett, komponierte, gibt es hier seit 2010 die Schostakowitsch-Tage. Sie haben sich unter der künstlerischen Leitung von Tobias Niederschlag zum wichtigsten Ort der öffentlichen publikumszugewandten Schostakowitsch-Pflege weltweit entwickelt. Exzellente Musiker, auch Komponisten und Wissenschaftler, kommen hier Jahr für Jahr zusammen, um sich mit dem Werk Schostakowitschs und mit dem seiner Weggefährten zu befassen.
 
Ende März war Niederschlag noch optimistisch, das Festival trotz der Corona-Pandemie stattfinden lassen zu können; Anfang Mai musste er es dann absagen. Aber ein wichtiger Programmpunkt konnte nun digital umgesetzt werden: mehrere Uraufführungen von Klavierwerken aus dem Nachlass des Komponisten, die dem Festival exklusiv durch die russische Musikwissenschaftlerin Olga Digonskaja zugänglich gemacht wurden. Gohrisch setzt damit seine Reihe von Uraufführungen fort, die 2017 schon drei unveröffentlichte Orchesterfragmente zur frühen Oper „Die Nase“ aufbot, die damals Thomas Sanderling aus der Taufe gehoben hatte.
 
Der diesjährige Livestream wurde am Sonntag auf der Website des MDR und bei Arte Concert sowie auf dem Youtubekanal der Deutschen Grammophon erstausgestrahlt und ist noch neunzig Tage lang verfügbar. Er wartete nicht nur mit neuen Werken auf, sondern erschloss zumindest den Blicken erstmals wieder das Haus, in dem Schostakowitsch bei seinen Aufenthalten in Gohrisch wohnte. Denn die Konzerte finden normalerweise in einer Scheune statt. Diesmal sah man stattdessen die Halle des heutigen Hotels, in der Schostakowitsch früher allmorgendlich Klavier spielte. Und dort saß jetzt Julianna Awdejewa, die Gewinnerin des Chopin-Wettbewerbs von 2010, und spielte für die Kamera. Zwei ihrer Kollegen, mit denen sie sich die „Schostakowitsch-Entdeckungen“ teilte, folgten: Daniil Trifonow aus seiner Wohnung in Conneticut und Dmitri Maslejew aus dem Tschaikowsky-Konzertsaal in Moskau.
 
Außer der bereits aufgeführten, allerdings selten zu hörenden ersten, stahlharten, berstend aggressiven Klaviersonate spielte Awdejewa ein Präludium in cis-Moll, das Schostakowitsch ursprünglich für einen Zyklus von 24 Präludien und Fugen op.87 vorgesehen hatte, aber durch ein anderes Stück ersetzte. Es war bislang unvollendet, doch Irina Schostakowitsch, die Witwe des Komponisten, hatte den polnischen Komponisten, Freund und Biographen Schostakowitschs, Krzysztof Meyer, gebeten, das Stück zu vollenden. Er schrieb noch eine Fuge dazu, die ein rührendes Zeugnis völliger künstlerischer Anverwandlung von Tonfall und Technik Schostakowitschs ans eigene Komponieren darstellt. Das nachgelassene Präludium mit ruhig federnden punktierten Rhythmen ist völlig anders im Charakter als das heute an seiner Stelle stehende Stück im Zyklus op.87, das eine schnelle Paraphrase auf Johann Sebastian Bachs Es-Dur-Präludium aus dem ersten Teil des „Wohltemperierten Claviers“ liefert. Schostakowitsch hat sich wohl aus Gründen des Charakterkontrastes in der Architektur seines Zyklus umentschieden.
 
Daniil Trifonow spielte in seiner Wohnung mit Maske auf dem Gesicht, was in den Vereinigten Staaten ja seit einigen Wochen als politische Stellungnahme gegen den Präsidenten gilt. Die drei nachgelassenen Fugen aus dem Jahr 1934 – meditativ vergrübelt die erste, wach wirbelnd und verspielt die zweite, lyrisch-pastoral die dritte – weisen schon auf den knapp zwanzig Jahre später entstandenen Zyklus op.87 voraus.
 
Genialer Wurf mit fünfzehn
 
Ein genialer Wurf früher Hochbegabung ist das Scherzo op.1a, die Klavierurfassung von Schostakowitschs erstem Orchesterstück. Gerade fünfzehn Jahre war der Komponist alt, als er es schrieb, und sein Lehrer Alexander Glasunow gratulierte ihm besonders warmherzig dazu, weil es symphonisches Denken verriet. Trifonow konnte an diesem Stück die orchestralen Farben ebenso zeigen wie die kristalline Polyphonie. Da klang der Diskant nach hohen Holzbläsersätzen, da dröhnten Posaunen und Tuba in der Coda das Thema noch einmal heraus, da sangen die Streicher im Mittelteil ein Wiegenlied. Satztechnisch begleitet sich in diesem Stück das Thema häufig durch seine eigene Imitation – beste akademische Kunst, worin es Glasunow zur Virtuosität gebracht hatte. In seiner Tonsprache ist dieses Scherzo noch nah an Glasunow, Alexander Borodin und Nikolaj Rimski-Korsakow. Es setzt deren farbenprächtigen Folklorismus fort, der aus der Synthese vieler Volkslieder und -tänze einen eigenen Kunststil formte. Ob es sich hier um eine echte Uraufführung handelte, mag dahingestellt bleiben. Schostakowitsch selbst hatte sein Scherzo zweimal im Juni 1923 öffentlich gespielt.
 
Dmitri Maslejew trug mehrere Klavierstücke des elf- bis vierzehnjährigen Schostakowitsch vor, die eindrucksvoll dessen Selbstaussage belegen, dass bei ihm das Erlernen des Klavierspiels und das Komponieren Hand in Hand gegangen waren. Sein „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“ zitiert den Trauermarsch aus Beethovens Klaviersonate op.26; das „Stück in C-Dur“ ist ein Lied ohne Worte mit lisztschen Verblüffungseffekten; das Intermezzo eine Humoreske im Ton Tschaikowskys. Das Stück „Im Wald“ erinnert überdeutlich an „Le ruisseau dans la forêt“ op. 36 Nr. 15 von Anton Arensky.
 
Diese Uraufführungen zeigen einmal mehr, wie vielfach zerrissen Schostakowitschs Werk ist: verspielter Witz und romantische Lyrik in der Kindheit, maschinenhafte Motorik und metallische Härte in der ersten Klaviersonate, dann der spätere Klassizismus, der weniger kühn scheinen mag als die futuristischen Werke, der allerdings auch etwas hat, was diese oft vermissen lassen: Nachdenklichkeit und Empathie.