Kunstmuseum in Stuttgart | Glas | Kultur | Baunetz_Wissen09.07.2020  -  Deutsche Museen sind gerade so gut besucht wie ein verregneter Strand, fehlende Touristen führen zu Millionenverlusten. Aber anders als in den USA gibt es in Deutschland einen Helfer - den Staat.
 
Die Zahlen klingen dramatisch. 1,2 bis 1,5 Millionen Euro Verlust hat Marion Ackermann, die in Dresden 15 Museen der Staatlichen Kunstsammlung in neun Gebäuden vorsteht, für die Monate der coronabedingten Schließungen zu beklagen. Auf zwei Millionen Euro pro Monat beziffert der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, den Verlust pro Monat Lockdown für die 19 Institute des Berliner Verbunds. Aber auch Einzelhäuser wie das Museum Ludwig in Köln oder die Kunsthalle Hamburg rechnen auf das Jahr gerechnet mit einem Minus von über zwei Millionen Euro durch fehlende Eintrittsgelder, aber auch durch ausfallende Vermietungen, Sponsorengelder und andere Drittmittel.
 
"Vielleicht haben wir im Sommer 2021 bei den Schulklassen wieder die gleiche Nachfrage"
Denn mit den rund zwei Monaten Geistermuseum durch Virenalarm ist die Krise von 2020 nicht schlagartig beendet. Anfang Juli sind die meisten Museen des Landes noch immer so gut besucht wie ein verregneter Strand. Zwar geht es langsam wieder aufwärts, aber viele Kunstinstitutionen sind im Moment glücklich, wenn in der Woche so viele Besucher kommen, wie sonst an einem Tag. Wobei das große Häuser mehr trifft als kleine, wie Bernhard Maaz, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen beobachtet: "Die Sammlung Schack, die im Vergleich zu den Pinakotheken eher wenige Besucher hat, steht fast schon wieder bei 100 Prozent." Aber an Orten mit hoher Anziehungskraft fürchten die Menschen noch den Atem anderer Menschen. Maaz rechnet wie alle seine Kollegen nicht damit, dass sich die Frequenz schnell wieder auf das Niveau von 2019 begeben wird, als die bayerischen Staatsmuseen rund 1,5 Million Besucher hatten. "Vielleicht haben wir im Sommer 2021 bei den Schulklassen wieder die gleiche Nachfrage. Bei den Kulturtouristen wird es sicherlich nicht vor 2022 sein wie vor der Corona-Krise."
 
Städtereisende, die auch Ausstellungen sehen, sind ein enormer wirtschaftlicher Faktor. Sie machen etwa auf der Berliner Museumsinsel 75 Prozent der Besucher aus. Aber auch im Elbflorenz, wo laut Eigenwerbung der Besuch von Zwinger, Residenzschloss und Albertinum "zum Pflichtprogramm eines jeden Dresden-Besuches" gehört, fehlt auf absehbare Zeit ein Großteil der 4,7 Millionen Gäste, die 2019 in Sachsens Kunstmetropole übernachteten - sodass es in den staatlichen Museen, wie die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mitteilt, nur noch sehr reduzierte Öffnungszeiten gibt.
 
Es wäre also Zeit für Heulen und Zähneklappern. Doch was geschieht stattdessen? Ein Rundruf bei Direktorinnen und Direktoren von den größten bis zu den kleinsten Institutionen des deutschen Ausstellungsbetriebs, trifft nicht auf schrillen Alarm. Das hat auch damit zu tun, dass in den Museumsleitungen nicht das Gefühl umgeht, man werde vom Staat hängen gelassen. Die meisten habe deutliche Signale erhalten, dass Corona-Defizite kompensiert werden. Gerade im Vergleich mit den USA, wo die Kulturinstitutionen massenweise Mitarbeiter entlassen haben, weil sie nicht durch die Gesellschaft, sondern durch die Reichen finanziert werden, gibt die staatliche Kulturleistung in Deutschland Anlass zur Preisung.
 
"Diese Krise beweist endlich allen die Stärke unseres Systems", sagt Yilmaz Dziewior, der gerade für zwölf weitere Jahre bestätigte Direktor der Sammlung Ludwig in Köln. Dass nahezu nirgends in den Museen Kurzarbeit eingeführt werden musste, sich die Mitarbeiter endlich "Aufsätzen und Ablagen zuwenden konnten", wie Bernhard Maaz es für seine glücklichen Angestellten bestätigt, und selbst in so einer existenziellen Krise kein relevanter Politiker die öffentlichen Kulturaufgaben grundsätzlich infrage stellt, das wird in den Institutionen sehr positiv bewertet.
 
Es braucht eine faire Bezahlung für die Solo-Selbständigen, die für Institutionen arbeiten
 
Man sei "glimpflich" davongekommen. Das unterschreibt jeder, von der Kunstvereins-Chefin in Hannover, Kathleen Rahn, und dem Leiter der Kunsthalle Rostock, Uwe Neumann, der dankbar einige der Bundeshilfen für die Kulturinstitutionen angenommen hat, bis zu den Chefinnen und Chefs der großen Museumsverbünde. Deswegen spricht Matthias Mühling, der im städtischen Museum Lenbachhaus mit 60 Prozent Einnahmeverlusten umzugehen hat, wie viele seiner Kollegen auch von gesellschaftlicher "Solidarität", die es für ihn selbstverständlich mache, sich mit Sparleistungen an der drohenden Finanzkrise der Kommunen zu beteiligen.
 
Auch Ulrike Groos, die das Kunstmuseum Stuttgart leitet, hat als Erstes mit ihrem Team untersucht, wie man das Defizit von 275 000 Euro selbst verringern kann - zum Beispiel durch Ausstellen der nächtlichen Beleuchtung. Aber aus der strategischen Diskussion, die sich daraus ergab, entwickelten sich auch kämpferische Impulse. "An manchen Stellen zeigt diese Krise die Verletzlichkeit des Kulturbetriebs auf", sagt Groos. Für alle, die nicht fest angestellt in den Museen gesichert waren, bedeutete der Arbeitsverlust durch den Lockdown eine Katastrophe. "Die prekären Verhältnisse, unter denen so viele Freie im Kulturbetrieb arbeiten, müssen bei der zukünftigen Förderpolitik überdacht werden", sagt Groos.
 
Es brauche faire Bezahlung für die Solo-Selbständigen, die für Institutionen arbeiten, von Grafikern zu Autorinnen und Ausstellungsaufbauern. Sie, die von der Bundesregierung von den Soforthilfen ausgeschlossen waren und Hartz-IV beantragen mussten, sind eine Gruppe von vielen Tausend Beschäftigten, die in den Budgetverhandlungen traditionell mit Niedrigstlöhnen abgespeist werden, obwohl sie Wesentliches für die Inhalte der Kulturvermittlung leisten. Und für Künstlerinnen und Künstler müsse es endlich "verbindliche Ausstellungshonorare" geben.
 
Bernhard Maaz hat für solche Defizite, wie sie durch die Corona-Krise verstärkt zur Sichtbarkeit kommen, einen praktikablen Finanzierungsvorschlag. Wenn man anerkennen würde, wie viel Kunstmuseen für die Bildung und den Fremdenverkehr täten, dann wäre eine Kofinanzierung durch die entsprechenden staatlichen Behören eine gerechte Aufstockung der Etats. Die Krise fördert also nicht nur viele tolle Publikationen zutage, wie Marion Ackermann für die Dresdner Ausstellungsquarantäne stolz erklärt. Es blieb auch Zeit für das Innehalten, um neue Perspektiven des Museumsbetriebs zu reflektieren. Ackermann hat (wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen in anderen Museen auch) für die Dresdner Mitarbeiter in den letzten Monaten einen strategischen Nachdenkprozess angestoßen zur Frage, wie man die geänderten Rahmenbedingungen produktiv beantwortet. Der Abschied von spektakulären Sonderausstellungen, der durch die hygienischen Besucherregeln erzwungen ist, könne zurückführen zu einer stärkeren Wahrnehmung der Schätze vor Ort. Aber auch die Wiederaufnahme des Sammelns, das durch die stark gekürzten öffentlichen Ankaufsetats und die Gier auf dem Kunstmarkt fast zum Stillstand kam, soll - so Direktorin Marion Ackermann - wieder Priorität bekommen. Und selbstverständlich ist im Nachhall der geschlossenen Häuser das Thema neuer digitaler Formate nicht nur in Dresden gerade tonangebend. Dabei geht es nicht nur um die Abbildung von Kunstwerken, sondern verstärkt darum, im Zeitalter einer neuen Reisevernunft sicherzustellen, dass die internationalen Verbindungen der Museen weiter ausgebaut werden.
 
Ackermann hatte vor der Corona-Krise für 2023 ein "Museums-Sabbatical" für die gesamte Institution geplant, um aus dem "Hamsterrad des Schneller, Höher, Weiter" auszubrechen, das alle zunehmend belaste und außerdem nicht ökologisch sei. Der unfreiwillige Stillstand des Betriebs hat auf solch eine Besinnungsphase einen anregenden Vorgeschmack geliefert. "Man muss vorsichtig sein, von dem Schönen zu sprechen, wenn sehr viele Menschen unter der Epidemie so leiden", sagt Ackermann, "aber zum Nachdenken hat die Krise viel positive Kraft freigesetzt."
 
Auch andere sprechen lieber über das Konstruktive, als über das Geld. Matthias Mühling, der mit drastischen Einschnitten von bis zu 30 Prozent der Zuwendungen in den nächsten Jahren für das Lehnbachhaus rechnet, sagt trotzdem: "Gefühlt sind die ideellen Verluste viel höher als die finanziellen." Durch den Shutdown und die wegbleibenden Zuschauer werde einem in dieser Zeit erst recht bewusst, welch "bedeutender sozialer Ort für die Gesellschaft" das Museum sei. Diese Qualität zu fördern, sei viel wichtiger, als mit Blockbustern große Zuschauerzahlen zu erzielen. Diese Massenevents "kleben sowieso an der falschen Kunstgeschichte", sagt Mühling. Er fordert ein Museum, das wieder mehr den Inhalten als den großen Namen verpflichtet sei. Dafür reicht vermutlich auch das Geld in der Krise.