Der Kalif Abd al-Rahman III. empfängt den Mönch Johannes von Gorze an seinem Hof: Gemälde des katalanischen Künstlers Dionis Baixeras Verdaguer, 188509.07.2020  -  Achthundert Jahre aus der Vogelperspektive: Brian A. Catlos erzählt die Geschichte von Al-Andalus im Stil einer Streaming-Serie und dekonstruiert die Mythen der Reconquista und ihrer Feinde.
 
Al-Andalus, das islamische Spanien, ist ein Kampfplatz der Geschichtswissenschaft. Während es die einen als Hort religiöser Toleranz und kultureller Hochblüte preisen, betonen die anderen seine Rolle als Motor des afrikanisch-muslimischen Sklavenhandels und seine ideologische Verhärtung unter der Herrschaft von Almoraviden und Almohaden. Der Ton der Debatte hat sich zusätzlich verschärft, seit die ideologischen Vordenker von Al Qaida und IS die Rückeroberung von Al-Andalus auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die Frage, ob das Kalifat von Córdoba eine höhere Zivilisationsstufe erreicht hatte als seine christlichen Widersacher, ist für manche Historiker zur Glaubensfrage geworden. Das west-östliche Duell der Kulturen, zurückgespiegelt ins Mittelalter, findet zwischen Buchdeckeln statt.
 
Der amerikanische Religionswissenschaftler Brian A. Catlos will dagegen zeigen, dass der andalusische Kulturkampf „auch eine Geschichte von Allianzen und Freundschaften“ war: zwischen Königen, Kalifen, Grafen und Emiren wie zwischen Gelehrten, Künstlern und einfachen Leuten. Um das zu beweisen, fährt er die gesamte knapp achthundertjährige Biographie von Al-Andalus mit dem historischen Kameraauge ab, oft aus der Vogel-, seltener aus der Straßenperspektive. Sie haben alle ihren Auftritt, der Eroberer Tarik ebenso wie Boabdil, der letzte Emir von Granada, die Geistesgrößen Ibn Ruschd, Ibn Wafid und Abulcasis, der Feldherr Almansor und der unvermeidliche Cid.
 
Der Vorteil dieser linearen, mit Karten und Illustrationen unterlegten Erzählweise liegt darin, dass sich die einzelnen Lebensphasen von Al-Andalus wie Episoden einer Streaming-Serie nacheinander abspulen: die frühe Expansion, die ersten Omajjaden, das Kalifat, die Taifa-Reiche, die almoravidische Restauration, das Emirat von Granada, sein Ende und die Vertreibung des Islams aus Spanien. Andererseits erfährt man zu wenig über die historischen Prozesse und Strukturen, die diese Epochen miteinander verklammern.
 
Die Clans kämpften für ihre Privatinteressen
 
Offenbar war der westgotische Adel, der die iberische Halbinsel bis 711 beherrschte, rasch zur Kollaboration mit den Invasoren bereit; warum leistete er, anders als die hispanische Kirche, nicht mehr Widerstand? Und warum fiel es den Muslimen umgekehrt so leicht, Christen und Juden in ihr Herrschaftssystem einzubinden? Abd ar-Rahman III., der erste Kalif von Córdoba, war Enkel einer baskischen Prinzessin und Sohn einer christlichen Konkubine. Um mit seiner hellen Haut und den blauen Augen arabischer zu wirken, färbte er seinen Bart schwarz. Toleranz war für seinesgleichen nicht nur Staatsräson, sondern Familiensache.
 
Ein Grund für diese Familiarität zwischen Alteingesessenen und Eroberern könnte in der Strukturähnlichkeit ihrer Sozialbeziehungen liegen. Goten, Araber und Berber waren in Clanverbänden organisiert. Einer dieser Clans, die Banu Qasi, stammte von einem zum Islam konvertierten römisch-gotischen Adligen namens Cassius ab. Bis zum späten zehnten Jahrhundert bildete das Territorium der Banu Qasi einen Puffer zwischen den christlichen Königen von Pamplona und den Emiren von Saragossa; eine der Niederlagen, welche die Heere der Franken regelmäßig bei Roncesvalles kassierten, geht auf ihr Konto. Ein anderer, arabischstämmiger Clan, die Banu Sarradsch, rivalisierte im fünfzehnten Jahrhundert mit den herrschenden Nasriden um die Macht im Emirat von Granada. Keiner der beiden Sippen wäre es eingefallen, für übergeordnete Ziele Krieg zu führen: Sie kämpften für ihre Privatinteressen im Rahmen der politischen Großwetterlage.
 
Heiratsallianzen waren kein taugliches Mittel der Politik
 
Anders lagen die Dinge in den städtischen Zentren am Guadalquivir und besonders in der Hauptstadt Córdoba. Hier regierte seit 756 der letzte überlebende Zweig der alten Kalifensippe der Omajjaden über ein zunehmend stabiles und durch den Import von orientalischer Gelehrsamkeit und Alltagskultur auch zivilisatorisch hochentwickeltes Machtgefüge. Im Jahr 929 nahm Abd ar-Rahman III. angesichts der schwindenden Macht der Kalifen in Bagdad selbst deren Titel an. Aber schon unter seinem Enkel Hischam zerfiel das Kalifat in ein Dutzend Kleinstaaten, die Taifa-Reiche.
 
Ein Grund dafür lag darin, dass es Hischams erfolgreichem Feldherrn und Kämmerer al-Mansur nicht gelungen war, den schwachen Kalifen vom Thron zu stoßen und eine neue Dynastie zu begründen. In Konstantinopel hatte kurz zuvor der Flottenadmiral Romanos Lakapenos durch Verheiratung seiner Tochter mit dem minderjährigen Kaiser die Macht an sich gerissen und das byzantinische Reich vor dem Ansturm der Bulgaren bewahrt. In Córdoba waren Heiratsallianzen dagegen kein taugliches Mittel der Politik, weil der Harem des Herrschers zwar unbegrenzt aufnahmefähig, aber zur Herstellung von Legitimität kaum imstande war. Das Kalifat implodierte, weil es sich nicht weiterentwickeln konnte. Dazu kam, dass seine Eliten den Heeresdienst an Sklaven- und Söldnerverbände abgetreten hatten. Al-Mansur ersetzte sie durch nordafrikanische Berber. Nach seinem Tod plünderte eine Berberarmee die wehrlose Hauptstadt.
 
Catlos’ Überblicksdarstellung legt solche strukturellen Betrachtungen nahe, ohne sie selbst anzustellen. Stattdessen richtet der Autor sein Augenmerk darauf, die Mythen zu dekonstruieren, mit denen das historische Geschehen im Nachhinein eingefärbt wurde. Die Reconquista, die „Rückeroberung“ Spaniens durch die Christen, wurde erst zum Begriff, als deren Kleinkönigreiche vom elften Jahrhundert an militärisch die Oberhand gewannen.
 
Brian A. Catlos: „al-Andalus: Geschichte des Islamischen Spanien.“ C.H. Beck Verlag, München 2019. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema der religiösen Toleranz im spanischen Islam, über deren Ausmaß sich Edward Said und Bernard Lewis zerstritten haben. Auch hier gilt, dass das politische Interesse der weltanschaulichen Rechtfertigung vorausging. Im neunten Jahrhundert etwa konnten es sich die Emire von Córdoba leisten, die christliche Märtyrerbewegung in ihrem Reich durch relativ milde Zwangsmaßnahmen zu ersticken. In der Taifa-Zeit hingegen verminderte sich mit den Handlungsspielräumen der Machthaber auch deren Duldungsbereitschaft. Dennoch war das Massaker von 1066 an den Juden von Granada kein ethnisches Pogrom, sondern der Höhepunkt eines Machtkampfs zwischen den Anhängern des jüdischen Wesirs Joseph ibn Naghrela und der Berberdynastie der Ziriden. Zu Massenmorden an Juden wie in Mitteleuropa vor dem Ersten Kreuzzug oder beim Ausbruch der Pestepidemie von 1349 ist es in Al-Andalus nie gekommen: Dieser Vernichtungswille war eine Spezialität des Christentums.
 
Der Phantomschmerz über den Untergang der andalusischen Sonne, den manche muslimische Intellektuelle pflegen, erhält durch diesen Band wenig Nahrung: dafür ist der Ton, den es anschlägt, bei allem Überschwang im Detail zu nüchtern, seine Perspektive auf die Ereignisse zu illusionslos. In der Reconquista, zeigt Catlos, siegte nicht die bessere, sondern die besser organisierte, militärisch überlegene und ideologisch gefestigte Seite über eine durch Clan-Fehden und religiöse Streitigkeiten geschwächte islamische Gesellschaft. Den Kulturkampf um Al-Andalus wird Brian Catlos mit seinem Buch vermutlich nicht befrieden können. Aber vielleicht macht die Lektüre es ein wenig leichter, sich auf gemeinsame Spielregeln zu einigen.
 
Brian A. Catlos: „al-Andalus: Geschichte des Islamischen Spanien.“ C.H. Beck Verlag, München 2019. 491 Seiten, 30 Euro.