Zwerge auf Schultern und Penis von Riesen: Der fünfundfünfzig Meter hohe Gigant von Cerne Abbas in Dorset wird im Schnitt alle zehn Jahre neu gekalkt.< Zwerge auf Schultern und Penis von Riesen: Der fünfundfünfzig Meter hohe Gigant von Cerne Abbas in Dorset wird im Schnitt alle zehn Jahre neu gekalkt.
 
11.07.2020  -  Keltisch, römisch – in jedem Fall als uralt galt der „Riese von Cerne Abbas“ in Dorset bislang. Doch nun sind Zweifel an der Datierung aufgekommen – durch Überreste von Weichtieren.
 
Ausgerechnet Schnecken haben das Alter des in einen Kreidehügel Dorsets gegrabenen sogenannten „Riesen von Cerne Abbas“ als „wahrscheinlich nicht prähistorisch“ erwiesen, wie britische Archäologen nun mitteilten. Mit der mehrfach in England und Wales zu findenden Technik werden die Konturen großformatiger Figuren von Tier oder Mensch durch das Abheben der Grassoden bis auf das Niveau der Kreidefelsen erzeugt. Der in einen Berghang gegrabene Gigant von Cerne Abbas mit einer ebenso gewaltigen Keule in seiner erhobenen Rechten ist mit fünfundfünfzig Meter Höhe bei sechzig Zentimeter breiten Konturen bereits von weitem zu sehen.
 
Allein die Länge seines erigierten Glieds – die Kunstgeschichte bezeichnet derartige aufgerichtete Penisse von grotesk übersteigerter Größe als „ithyphallisch“ – beträgt sieben Meter. Von seinem heute funktionslos ausgestreckten linken Arm hing einst der Umriss eines Tuches oder Fells herab, das ab einem gewissen Zeitpunkt überwuchert war und bei den regelmäßig vorzunehmenden Säuberungskampagnen der Kreidekonturen nicht wieder erneuert wurde. Mittels Thermolumineszenzverfahren konnte das ähnlich berühmte „Weiße Pferd“ von Uffington in Oxfordshire als prähistorisch datiert werden, so dass auch beim Kreidemann von Cerne Abbas bislang die Einordnung als keltisch von vielen Forschern akzeptiert wurde.
Nackte Gewalt: Herkules mit geschulterter Riesenkeule, um die Hüften geschlungenem nemeischen Löwenfell und gebändigtem Höllenhund Zerberus in einer Terrakottafigur des Bildhauers Roman Anton Boos München aus dem Jahr 1779 im Bayerischen Nationalmuseum München. 
Nackte Gewalt: Herkules mit geschulterter Riesenkeule, um die Hüften geschlungenem nemeischen Löwenfell und gebändigtem Höllenhund Zerberus in einer Terrakottafigur des Bildhauers Roman Anton Boos München aus dem Jahr 1779 im Bayerischen Nationalmuseum München.>
  
Für die neuen Erkenntnisse zur Datierung werteten die Archäologen Bodenproben aus, die aus dem Cerne-Abbas-Giganten entnommen wurden, um sein genaues Alter zu bestimmen. Nicht die Schnecken, sondern Corona hatte die Analyse der Proben erheblich verzögert. Deren finale Auswertung wird erst später im Jahr vorgestellt werden. Schon jetzt allerdings deuten die in den Proben gefundenen alten Landschneckengehäuse darauf hin, dass die Figur erst aus dem Mittelalter oder gar der Frühen Neuzeit stammt. Wurden doch an Entnahmestellen an Ellenbogen und Füßen des Riesen Schnecken gefunden, die erst im Mittelalter nach Großbritannien eingeschleppt wurden. Martin Papworth, leitender Archäologe beim National Trust, und der Umweltarchäologe Mike Allen betonen, die Schneckenart Cernuella virgata sei erst im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert auf die Insel gekommen. „Sie kamen zufällig hierher, wahrscheinlich in Stroh und Heu, das als Verpackung für Waren vom Kontinent verwendet wurde“, wie Allen gegenüber der BBC sagte.
 
„Traurigerweise zeigt dies, dass der Riese wahrscheinlich weder prähistorisch noch römisch ist und eher aus dem Mittelalter oder später stammt.“ Mit der neuen Spätdatierung wandelt sich die Bedeutung der Darstellung: Galt die monumentale Figur mit dem ithyphallischen Glied bisher als prähistorischer Fruchtbarkeitszauber, muss jetzt angesichts der Keule eher an den nur mit dem nemäischen Löwenfell bekleideten Herkules gedacht werden, das ihm vor der Überwucherung vom linken Arm herabhing. Zwar kennt auch das Mittelalter Darstellungen des nackten Herkules, wie etwa die großformatigen Marmorreliefs am Dogenpalast von Venedig belegen. Die erste urkundliche Erwähnung des Cerne-Abbas-Riesen jedoch stammt aus dem Jahr 1694. Der Barock des siebzehnten Jahrhunderts ist zweifelsohne der Höhepunkt der Herkules-Ikonographie. So könnte die Kreideintarsie mit dem riesigen Phallus entweder eine Hommage an den englischen König Wilhelm III. von Oranien sein, der als naturwüchsiger Halbgott ähnlich wie in Kassel mit dem riesigen Herkulesbrunnen am Berghang gefeiert worden wäre, oder eine während des englischen Bürgerkriegs entstandene Karikatur auf Oliver Cromwell als puritanischer Möchtegern-Herkules.
Immer schon Ziel von Karikaturisten und Spaßvögeln: Die ebenfalls nicht wenig archaische Zeichentrickfigur „Homer Simpson mit Riesen-Donut“ wurde 2007 mit biologisch abbaubarer Farbe neben den Giganten von Cerne Abbas gemalt, um für den neuen Simpson-Film im Kino zu werben. 
< Immer schon Ziel von Karikaturisten und Spaßvögeln: Die ebenfalls nicht wenig archaische Zeichentrickfigur „Homer Simpson mit Riesen-Donut“ wurde 2007 mit biologisch abbaubarer Farbe neben den Giganten von Cerne Abbas gemalt, um für den neuen Simpson-Film im Kino zu werben.
Immer schon Ziel von Karikaturisten und Spaßvögeln: Die ebenfalls nicht wenig archaische Zeichentrickfigur „Homer Simpson mit Riesen-Donut“ wurde 2007 mit biologisch abbaubarer Farbe neben den Giganten von Cerne Abbas gemalt, um für den neuen Simpson-Film im Kino zu werben.  
 
Die „signifikante Anatomie“ des Riesen, wie die Archäologen dies britisch dezent bezeichnen, könnte aber auch erst das Ergebnis der Verschmelzung eines kleineren Penis mit dem stilisierten Nabel während eines „Nachschnitts“ in viktorianischer Zeit sein, die, gerade weil sie als prüde gilt, in Kunst und Kultur immer wieder mit erstaunlichen Obszönitäten überrascht. Für Herbst stehen Bodenuntersuchungen mit optisch stimulierter Lumineszenz an. Sie könnte ein exakteres Alter des Riesen ergeben, da sie bestimmt, wann Mineralien im Boden zuletzt dem Sonnenlicht ausgesetzt waren. Dann wird sich zeigen, ob der Herkules mittelalterlich, barock oder in dieser Form gar erst viktorianisch ist.