Mary Beard, Althistorikerin und Frauenrechtlerin aus Großbritannien, erklärt die Bilder "Diana und Kallisto" und "Venus und Adonis" des italienischen Künstlers Tizian.< Mary Beard, Althistorikerin und Frauenrechtlerin aus Großbritannien, erklärt die Bilder "Diana und Kallisto" und "Venus und Adonis" des italienischen Künstlers Tizian.
 
11.07.2020  -  Waren sie je zuvor in einem Raum versammelt? Die National Gallery führt Tizians „Poesie“-Zyklus vollständig zusammen – und ist nun endlich für Besucher offen, nachdem sie nur drei Tage nach der Enthüllung für 111 Tage schließen musste.

 

Berge sind versetzt worden, um die Zusammenführung der sechs für den spanischen König Philipp II. bestimmten „Poesie“-Bilder Tizians in der National Gallery möglich zu machen. Die malerischen Dichtungen, deren Einfluss auf die Malerei von Rubens und Velázquez über Constable und Picasso bis in die Gegenwart nachwirkt, sind seit dem späten sechzehnten Jahrhundert nicht mehr vereint gewesen, wenn sie denn überhaupt je in einem Raum zu sehen waren. Tizian hatte sie seinem spanischen Mäzen zwischen 1553 und 1562 nach und nach geliefert. Die Zerstreuung der Serie begann bereits wenige Jahre später, als der König seinen Staatssekretär mit „Perseus und Andromeda“ beschenkte. Inzwischen sind die Bilder über fünf Museen verteilt.

 
Bis zuletzt hing die Vereinigung des Ensembles in der Schwebe. Erst im vergangenen Herbst kam die Bestätigung, dass die Londoner Wallace Collection die Szene mit der Rettung Andromedas beisteuern werde. Dazu war eine neue Auslegung der testamentarischen Verfügungen der Sammlungsstifterin erforderlich, die seit 1897 so gedeutet worden waren, dass nichts ausgeliehen werden durfte. Erstmals auch, seit Isabella Stewart Gardner den „Raub der Europa“ 1896 erwarb und sich nach deren Ankunft einem zweitägigen Rausch der Begeisterung hingab, hat dieses Bild das Gardner Museum in Boston verlassen, frisch restauriert und technologisch gründlich erforscht. Überhaupt ruht die von Matthias Wivel kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Liebe, Verlangen, Tod“ auf wissenschaftlich außerordentlich eindrucksvollem Fundament, wie der vorzügliche Katalog belegt, der auch den Briefwechsel zwischen Philipp II. und Tizian enthält.
 
Ein prachtvoller Rahmen zur Wiedereröffnung
 
Um die Einheit der Serie zu unterstreichen, hat die National Gallery die sechs Gemälde mit neuen von Hand geschnitzten, mit patiniertem Blattgold überzogenen Rahmen im Stil des sechzehnten Jahrhunderts versehen. An tiefroten Wänden werden die als drei Paare konzipierten mythologischen Szenen frei nach Ovids „Metamorphosen“ neben einem siebten Werk präsentiert, dem „Tod des Aktäon“ aus der Sammlung der National Gallery selbst, das wohl auch zu der Serie gehören sollte, den König aber nie erreichte. Der Aufwand und die kunsthistorische Einzigartigkeit dieses Vorhabens machte die Coronabedingte Schließung der Ausstellung drei Tage nach ihrer triumphalen Eröffnung umso bitterer. Nun ist sie nach 111 Tagen Zwangsschließung zusammen mit dem ganzen Haus wieder zugänglich.
Tizian wusste, was die Kundschaft wollte: Erotik und Dramatik. Seine Andromeda lieferte Erstere, für Perseus klaute er beim „Sklavenwunder“ des Kollegen Tintoretto. 
Tizian wusste, was die Kundschaft wollte: Erotik und Dramatik. Seine Andromeda lieferte Erstere, für Perseus klaute er beim „Sklavenwunder“ des Kollegen Tintoretto.>
 
Die National Gallery ist damit das erste der großen britischen Museen, das seine Türen wieder öffnet. Die Royal Academy folgt am 16.Juli, Tate Modern und Tate Britain sind vom 27. Juli an wieder zugänglich. Das Britische Museum, das noch einige Anpassungen vornehmen muss, und die Museen in South Kensington haben noch keine festen Termine bekanntgegeben. Mittels Voranmeldung, Einhaltung von zwei Meter Abstand und Maskenpflicht können Besucher der National Gallery die Räume auf drei Einbahn-Parcours durchschreiten und Neuigkeiten entdecken, die auf eine insbesondere in diesen Zeiten beschränkter Möglichkeiten vorbildliche Weise zeigen, wie ein Museum vom eigenen Bestand zehren kann.
 
Geradezu atemraubend ist der dank einer Schenkung des Tetrapak-Erben Hans Rausing und seiner Frau glanzvoll restaurierte Saal des Erweiterungsbaus, den der Architekt Edward Barry entwarf. Dessen opulenter viktorianischer Palazzo-Stil war im Laufe der Zeit verschiedenen Moden musealer Präsentation zum Opfer gefallen. Jetzt bietet der weitgehend in die ursprüngliche Ausstattung zurückversetzte Raum mit seinen roten stoffbezogenen Wänden den italienischen Barockgemälden des Museums, darunter zwei sich gegenüberstehende Neuerwerbungen von Orazio und Artemisia Gentileschi, einen prachtvollen Rahmen. Die wiederhergestellten Lünetten mit den Namen alter Meister verraten die hohe viktorianische Wertschätzung für Tizian, dessen Name prominent über einem Eingang prangt.
 
Mehr als nur Freude an Frauen, Jagd und Macht
 
Diese Bewunderung galt damals wohl weniger dem Tizian der „Poesie“, deren lockere, sensorische Ausführung eher den modernen Zeitgeschmack anspricht. In dem Raum, der diese mit Erotik und Dramatik glänzenden Schicksalsbilder jetzt vereint, lässt sich die Entfaltung des skizzenhaft-spontan wirkenden Spätstils beobachten, der im „Tod des Aktäon“ und der nicht zur Serie gehörenden „Schindung des Marsyas“ gipfelt.
Hochformat oder Querformat? Eine Ausstellungsbesucherin fotografiert Tizians „Raub der Europa“.
 
< Hochformat oder Querformat? Eine Ausstellungsbesucherin fotografiert Tizians „Raub der Europa“.
 
Links neben dem Eingang macht die vom Herzog von Wellington 1813 bei der Schlacht von Vitoria aus dem Gepäck des fliehenden Joseph Bonaparte erbeutete „Danae“ den Anfang. Jüngsten Forschungen zufolge handelt es sich bei dieser Fassung – statt, wie bislang vermutet, jener im Prado – um das erste Bild der Serie, das Tizian seinem Auftraggeber zuschickte, nachdem sich die beiden bei einer Begegnung in Augsburg anlässlich des dortigen Reichstags von 1550/51 auf das Projekt geeinigt hatten. Philipp, damals Anfang zwanzig und noch Thronfolger, scheint Ovid als Vorlage angeregt zu haben, ließ Tizian jedoch freie Hand bei der Wahl der Motive.
 
Diese Freiheit schöpfte er vollends aus, um die Sinne eines jungen Mannes, dessen Freude an Frauen, Jagd und Macht zu befriedigen und seine eigenen Erkundungen der malerischen Umsetzung menschlicher Empfindungen und Sinnesreize zu verfeinern. In einem Brief, den er Philipp nach London schickte, wo sich der Kronprinz wegen seiner Heirat mit Mary Tudor aufhielt, kündigte Tizian die Ankunft des zweiten Bildes mit dem verhängnisvollen Abschied von Venus und Adonis an mit dem Vermerk, dass er die Rückenansicht der Liebesgöttin als Kontrast zu der von vorne dargestellten Danae gemalt habe.
 
Ein ums andere Mal führt Tizian vor, wie er mit der Vielfalt der weiblichen Akte Leon Battista Albertis Forderung nach varietà entsprach – nicht nur in den Posen sondern auch im ständig changierenden, die luftigsten Hauche einfangenden Pinselduktus sowie im Gefühlsausdruck. Während Danae in hingebungsvoller Sinnlichkeit den Goldregen Jupiters empfängt, klammert sich Europa in einem Zustand zwischen Angst und Erregung an die Hörner des dem Betrachter mit gespielter Unschuld gleichsam zuzwinkernden Stieres. In „Venus und Adonis“ schließlich beschwört Tizian zugleich die vergangene Liebesnacht und hält den gegenwärtigen Moment des Abschieds fest. Immer sind es Augenblicke im Fluss der Zeit, die Tizian hier erfasst. Obwohl sie sich schon fast verflüchtigt haben.
 
Titian: Love, Desire, Death. In der National Gallery, London; bis zum 17. Januar 2021. Danach in Madrid und Boston. Der Katalog kostet 25 Pfund.