< In „Boy’s Life“ lebt die schwarze Bevölkerung in einem separierten Stadtteil und wird vom Ku-Klux-Klan terrorisiert.
11.07.2020  -  Zwischen Westernhelden und untoten Hunden: Robert McCammon hat mit „Boy’s Life“ einen Coming-of-Age-Krimi geschrieben, der erzählerisch völlig aus dem Ruder läuft – und dabei bestens unterhält.
 
Cory Mackenson ist zwölf Jahre alt, lebt in Alabama und erzählt gerne Geschichten. Dramaturgie, Details, Dialoge: all dies beherrscht er so formvollendet, dass seine Freunde ganz versessen auf die Anekdoten sind, die er aus dem Ärmel schüttelt. Nun pflegen manche Erzähler ein außerordentlich entspanntes Verhältnis zu unerhörten Begebenheiten, die zwar komplett ihrer Phantasie entspringen, dem Effekt der Story aber auf die Sprünge helfen. Das gilt auch für fiktive Figuren. Cory steht unter dringendem Verdacht, ständig auf das Arsenal seiner Imagination zurückzugreifen, einwandfrei überführen lässt er sich allerdings nicht.
 
Der Junge beschreibt den Alltag des erdachten Örtchens Zephyr im Jahr 1964, und plötzlich kreuzen Geister seinen Weg, entwickelt sein Fahrrad ein Eigenleben, hilft etwas Voodoo bei der Lösung eines Mordfalls. Ob das allein in seinem Kopf passiert oder tatsächlich Teil der erzählten Welt ist, bleibt erfreulicherweise ungewiss. Wäre Corys sechshundert Seiten starke Chronik namens „Boy’s Life“ ein Film, man käme um das Label „Popcorn-Kino“ nicht herum.
 
Dieses Was-kostet-die-Welt-Gefühl
 
Robert McCammon, der den Roman in den Vereinigten Staaten 1991 veröffentlicht hat, gehörte von den späten siebziger bis in die frühen neunziger Jahre zu den wichtigsten Autoren von Horrorliteratur. In „Boy’s Life“ zeigt er nicht nur, dass er mit wenigen Sätzen anschauliche Schockerszenen heraufbeschwören kann – etwa wenn sich ein totgefahrener Hund langsam in einen Zombie verwandelt –, sondern auch, dass ihm alle Gattungen und Register liegen. Coming-of-Age, Komik, Mystery und Realismus: Nicht viele Autoren können ein derartiges Potpourri zu künstlerischer Feinkost conchieren. Dennoch wird sich kaum jemand an das hierzulande 2004 erstmals unter dem Titel „Unschuld und Unheil“ erschienene Buch erinnern.
 
Über weite Strecken verzichtet McCammon darauf, an der Genre-Schraube zu drehen; vielmehr reiht er Episoden aneinander, die erzählökonomisch keinen Sinn ergeben, dafür gleichwohl ein tragfähiges Stimmungsgerüst bilden. Im Zentrum etlicher Passagen funkelt jenes magische Was-kostet-die-Welt-Gefühl, welches Cory und seine Freunde genauso genießen wie die Teenager in den Romanen von Stephen King.
 
Archetypische Verfallsfiguren
 
Als finsteres Gegengewicht schildert McCammon, wie die schwarze Bevölkerung in einem separierten Stadtteil auf sich gestellt ist und vom Ku-Klux-Klan terrorisiert wird. Nicht zu vergessen der Mord: Cory und sein Vater Tom fahren Milch aus und beobachten, wie ein Wagen mit Vollgas in einen See brettert. Tom hält an und springt hinterher. Am Steuer sitzt ein Mann, das Gesicht zu Brei geschlagen, die Kehle von einem Kupferdraht aufgeschlitzt. Mit diesem Erlebnis haben Vater und Sohn fortan zu kämpfen. Tom wird von Albträumen heimgesucht, Cory versucht, die Tat aufzuklären.
 Robert McCammon: „Boy’s Life – Die Suche nach einem Mörder“.
Dabei trifft er auf Westernhelden, schrullige Dorfgewächse, Nazis, mobbende Mitschüler und einen Pfarrer, der seine Gottesdienste dazu nutzt, satanische Botschaften im Beach-Boys-Song „I Get Around“ aufzuspüren. Diese archetypischen Verfallsfiguren passen zur Zeit des Wandels, die dem Buch einen melancholischen Grundton verleiht: „In den Nachrichten war immer wieder von einem Land die Rede, das Vietnam hieß. In den Städten brachen Unruhen aus wie Scharmützel in einem inoffiziellen Krieg. Eine vage, böse Vorahnung breitete sich im Land aus, während wir uns dem Plastikzeitalter des Wegwerfkonsums näherten.“
 
Einmal erzählt Vernon, der stets nackt umherwandelnde Sohn des Stadtmagnaten, die Geschichte eines Schriftstellers, dessen Debüt zwar über keinen roten Faden verfügt, dafür aber aus zahllosen kleinen Ereignissen besteht. Es handle, so sagt er, „vom Leben“. Der Verlag habe das Manuskript unter der Bedingung angenommen, dass der Autor einen Krimiplot einbaut, man müsse an den Absatz denken. Damit sei das Buch gleichwohl ruiniert, denn jetzt spreche es ausschließlich Leser an, „denen nach Widerwärtigem gelüstete“. Will uns Robert McCammon also sagen, er zweifle an der Triftigkeit des Mordfalls in seinem Roman, oder übt er sich in Koketterie? Beides hat er kaum nötig, denn „Boy’s Life“ ist nicht nur ein fabelhafter Krimi, sondern große Literatur.
 
Robert McCammon: „Boy’s Life – Die Suche nach einem Mörder“. Roman. Aus dem Englischen von Nicole Lischewski. Luzifer Verlag, München 2020. 582 S., br., 16,95 .>