Autorin Ulrike Edschmid kommt als Beteiligte in ihren Büchern vor. 11.07.2020  -  In Ulrike Edschmids Werken spielen starke Frauen die Hauptrolle. Was sie erzählt, hat in ihrem eigenen Leben stattgefunden. Doch ihr Schreiben weist weit über die eigene Person hinaus. Der Schriftstellerin zum Achtzigsten.

Ihre Bücher sind schmal. Es sind nicht so viele. Doch sie haben eine ungeheure Wirkung. Einen Teil ihrer Kraft entfalten sie schon beim ersten Lesen, den Rest später in der Erinnerung, die ganz plötzlich über einen kommen kann, bei einer Ausfahrt in Italien in der Nähe von Rom, einem Regenspaziergang durch eine Allee am einstigen Rand von West-Berlin, einem Blick von der Autobahn auf eine Burg in der Rhön oder abends nach oben zu den Fenstern über einem spanischen Lokal in Charlottenburg. Dann sind ihre Bücher, die schon vor langer Zeit gelesen wurden, plötzlich wieder vollkommen lebendig. In ihrer Atmosphäre, der genauen Beschreibung der Umgebung, der Umstände, der Zeit, der Einrichtung, der Kleidung. Dabei ist Ulrike Edschmids Schreibweise eher karg, von allem befreit, das nicht unbedingt notwendig ist. Vor allem aber sind es ihre Figuren, die einen begleiten. Für immer, so ist zu hoffen, und immer wieder.

 
Die Bücher von Ulrike Edschmid beruhen auf Tatsachen. Die meisten (oder alle?) ihrer Figuren, manchmal nur mit ihren Initialen benannt, haben reale Vorbilder. Aber bei keiner stellt sich der Eindruck von Privatheit ein, weil sie bei aller Intimität, die zwischen Autorin und Figur immer besteht, nichts preisgibt im Sinne von: ausliefert. Sie schaut die Menschen, die ihre Romane bevölkern, sehr genau an, aber aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Sie entwickelt keine Theorien über sie. Zart sind ihre Figuren gezeichnet, diskret, so sorgsam konstruiert, als wären sie erfunden.
 
Die Autorin als Beteiligte
 
Die Titel ihrer Romane und Erzählungen sagen in ihrer Knappheit genau an, worum es geht: „Frau mit Waffe. Zwei Geschichten aus terroristischen Zeiten“. „Die Liebhaber meiner Mutter“. „Das Verschwinden des Philip S.“. „Ein Mann, der fällt“. Man könnte das nüchtern nennen, hinge an dem Wort nicht etwas Unbeteiligtes, und das ist die Literatur von Ulrike Edschmid ausdrücklich nicht. Ulrike Edschmid ist Beteiligte. Sie kommt in ihren Büchern vor. Als Kind. Als Studentin. Als Geliebte. Als Verlassene. Als Schneiderin. Als Mutter. Als Frau.
 
Ist das, was sie macht, also autobiographisches oder zumindest autofiktionales Schreiben? Sind es Erinnerungstexte? Ja, denn was sie erzählt, hat in ihrem Leben stattgefunden. Aber ihre Bücher heißen mit vollem Recht Romane. Denn ihr Schreiben geht durch die eigene Person hindurch, um bei den anderen, um die es ihr geht, anzukommen. Bei ihrer Mutter und ihren Liebhabern, bei Werner Sauber, ihrem Lebensgefährten, der sich der „Bewegung 2. Juni“ anschloss und auf einem Parkplatz erschossen wurde. Bei ihrem Mann, der bei der Renovierung ihrer Wohnung, die ihre Heimat wurde, von der Leiter fiel und sich über Jahre hinweg ein Stück Bewegungsfreiheit zurückeroberte. Ihre Bücher heißen nach diesen Menschen, denn es ist nicht sie selbst, um die es ihr beim Schreiben geht. Sie selbst ist dabei nur insofern von Interesse, als diese anderen durch ihre Verbindung Kontur gewinnen. Sie braucht sich selbst als Figur, um die Figuren zu schaffen, die ihr wichtiger sind.
 
Begriffe, so ähnlich hat sie es einmal gesagt, vernichten die Geschichte des Einzelnen. Ulrike Edschmid erzählt anhand der Geschichten von Einzelnen eine nicht offizielle Geschichte Deutschlands. Die Nachkriegszeit. Die Studentenbewegung und die Abspaltung der RAF. 1989. Starke Frauen spielen eine Hauptrolle in dieser Geschichte. Immer geht es um Autonomie. Vermutlich ist es das, was ihre Bücher so beglückend macht – dass Ulrike Edschmid ihren Figuren Autonomie einräumt. Es ist eine Autonomie in allen, auch den falschen, fatalen Entscheidungen, die als eine Art Vorschein jener Freiheit verstanden werden kann, um die letztlich alle kämpfen, für die sich diese erstaunliche Schriftstellerin interessiert. Es gibt noch viele Preise, die ihr zufallen sollten. Am 10. Juli wurde sie achtzig.