15.7.2020 | US-Gitarrist Ian MacKaye gründete Hardcore-Bands wie Minor Threat oder Fugazi. Jetzt hat er mit seiner Frau und einem ehemaligen Bandkollegen etwas Neues ins Leben gerufen: Coriky, die ein gleichnamiges, sehr politisches Album veröffentlicht haben.
 
Eigentlich ist Punk ja furchtbar konservativ. Drei Akkorde und das war es dann. Keine Soli, keine Erweiterung, kein Verschmelzen mit anderen musikalischen Einflüssen, immer nur Gitarrenkrach im immer gleichen Tempo. Dass sich dieses Genre auch anders denken lässt, dass man die engen Grenzen erweitern kann, ohne das radikale Gedankengut der ursprünglichen Do-It-Yourself-Bewegung aus dem Blick zu verlieren. Für diesen Ansatz steht US-Gitarrist Ian MacKaye. Der 58-Jährige aus Washington, D.C. hat zu Beginn der Achtzigerjahre mit Bands wie Minor Threat und Fugazi für frischen Wind gesorgt in Punk und Hardcore. Als Mitglied von Coriky, seinem neuen Trio, zeigt er, dass dieser Ansatz nach wie vor zählt.
 
MacKaye ist, man kann es nicht anders sagen, ein Purist. Er spielt Elektro-Gitarre, verwendet aber keine der sonst üblichen Effektgeräte. Mit Amy Farina, seiner Frau am Schlagzeug und am Gesangsmikro, sowie Joe Lally, einem ehemaligen Fugazi-Bassisten, hat er ein Trio namens Coriky gegründet. Die Songs des Debuts sind alles andere als langweilig. Kurz und knapp, auf den Punkt, voller rasanter Riffs, aber auch mit ruhigen, lyrischen Teilen. Auf leise folgt laut, Stop and Go-Teile wechseln ab mit groovigen Passagen. Mal singt MacKaye, dann wieder seine Frau oder beide. Höchst – Achtung, es folgt ein altmodischer Begriff – originell!
 
Die Songtexte kreisen um politische Inhalte. In "Clean Kill" etwa geißelt MacKaye den Umstand, dass sogenannte Tötungen per Drohne alles andere als moralisch unbedenklich sind: "It’s a clean kill, but it’s not clean", moniert er. Und weiter: "Never enough soap and water."
 
MacKaye stammt aus einer Journalistenfamilie. Sein Vater arbeitete für die Washington Post als Reporter im Weißen Haus. Die Eltern waren liberal, ihren Kinder ließen sie so viel Freiheiten wie möglich. MacKaye wurde, als er in Bands spielte, zum Straight Edge-Punk. Das bedeutet: keine Drogen, kein Tabak oder Alkohol, kein wahlloser Sex, überhaupt kein stumpfer, hohler Konsum. Zudem ist MacKaye Vegetarier.
 
Konzert-Tickets dürfen für ihn nicht mehr als 30 Dollar kosten. Zeitschriften wie dem Rolling Stone gibt er keine Interviews, weil sie Werbeanzeigen der Tabakindustrie schalten. Mittlerweile, scherzt MacKaye, sei er jedoch milde geworden. Er trinke jetzt sogar ab und zu mit Zucker gesüßten Eistee. Sprecher der Straight Edge-Bewegung, der auch sein alter Schulfreund, Hardcore-Ikone Henry Rollins angehört, will er jedoch nicht sein. Darauf pfeife er, sagt MacKaye. Er habe darüber vor langer Zeit einen Song geschrieben, das sei alles, mehr müsse dazu nicht gesagt werden.
 

Coriky jedenfalls ist mehr als ein erfreuliches Lebenszeichen der Independent-Szene aus Washington, D.C.. Man muss mit ihnen rechnen, mit solchen basisdemokratischen Radikalen und Punk-Künstler*Innen, auch im Trump-Amerika. Das Album umfasst zwar nur eine gute halbe Stunde Musik, aber die hat es in sich – Nachrichten aus einem politisch hellwachen Amerika, musikalisch nicht unter Niveau aufbereitet.