Auch Boy George von Culture Club hat schon bei den „Listening Parties“ mitgemacht - und über „Karma Chameleon“ erzählt, dass er Songs mit lustigen Titeln liebt.13.08.2020  -  Der Musiker Tim Burgess feiert auf Twitter alte Platten und lädt die Popstars dazu ein, die ihre Geheimnisse verraten. Den klassischen Popjournalismus lässt das alt aussehen.

 

Vorigen Montag hat Tim Burgess endlich mal wieder einen freien Abend gehabt. Die Abende davor hatte er seit Mitte März allesamt auf Twitter verbracht: Mit den sogenannten „Listening Parties“, einem Format, das Burgess aufgelegt hatte, als der Corona-Lockdown losging – und Künstlerinnen und Künstler nach einem Kanal suchten, um ihr Publikum direkt zu erreichen; die Bühnen blieben ihnen dafür ja bis auf weiteres versperrt.

 
Es war der Moment des großen, innigen, weltumspannenden Miteinanders, der Stream-Lesungen und Wohnzimmerkonzerte, einer geteilten Kunsterfahrung in konfuser Situation. Und er brachte jede Menge Formate hervor, die jenen Moment aber nicht lange überlebt haben. Burgess und seine „Listening Parties“ dagegen sind immer noch da, und kein Ende ist in Sicht. Vermutlich könnte er weitermachen, solange es Platten gibt und er W-Lan hat. Das ist eine gute Nachricht für alle, die sich für Popmusik interessieren oder gern unterhaltsam und schlau über Kunst austauschen, und eine nicht so gute für traditionellen Popjournalismus, aber dazu später mehr.
 
Damals, im schwierigen März, hatte Burgess ein paar befreundete Leute aus dem Pop gefragt, ob sie nicht Lust hätten, zu einer verabredeten Zeit unter dem Hashtag #TimsTwitterListeningParty ihre alten Platten zu kommentieren, während man sie Song für Song hört, also: Fans wie Stars gleichzeitig.
 
Seitdem hat es dreihundertfünfzig solcher Partys gegeben, einmal sogar zehn an einem einzigen Tag, mit Musikern von Boy George bis Rufus Wainwright. Chris Frantz von den Talking Heads war dabei, Simon Le Bon von Duran Duran, fast alle von New Order, obwohl die mal gegeneinander vor Gericht gezogen waren – und Zehntausende normale Menschen auch, die zuhörten, Fragen stellten, Bilder posteten und ihre Geschichten erzählten, davon, was diese Platten ihnen bedeuten.
 
Die Partys sind ein solcher Erfolg geworden, dass Tim Burgess als teilnehmender Moderator bis letzten Montag keinen Abend mehr frei gehabt hat (und am Donnerstag wollte er sich ein Konzert anschauen, da war auch Pause). „Ich wusste, dass es den Leuten gefallen würde, aber dass so eine heiße Liebe daraus entsteht, habe ich nicht geahnt“, sagt er, am Telefon aus Norfolk. „Dass anfangs so viele Künstler dabei waren, die entscheidend an phantastischen Platten mitgewirkt haben, hat geholfen. Nach der ersten Woche wusste ich, dass es funktioniert.“
 
Inzwischen sind auch Bands dabei, die Burgess nicht unbedingt persönlich kennt. Es sind zwar vor allem die Heldinnen und Helden britischer Popmusik der achtziger und neunziger Jahre beteiligt (Martin Fry von ABC, Kevin Rowland von Dexys, Wendy Smith von Prefab Sprout), und die Musik ist eher weiß als schwarz: Aber die Bandbreite wächst. Das Ganze wirkt jedenfalls wie ein Sonntagabend im deutschen Twitter, wenn dort die Leute live den laufenden „Tatort“ kommentieren – nur dass hier die Kommissare und Mordopfer aus dem Fernsehen auch mitmachen und sich selbst bei der Arbeit zusehen.
 
In der ersten Woche: Blur, Oasis und Franz Ferdinand
Burgess, 53, hatte Anfang der Neunziger die Charlatans gegründet: Die gehörten kurz vor der Explosion des „Britpop“ zu einer Generation von Bands, die Gitarrenmusik für den Club machten. Burgess hat seitdem eine Autobiographie und ein Buch über Popmusik geschrieben. Er gehört zu den seltenen Doppelbegabungen, die nicht nur Popmusik machen, sondern sie auch schreibend erforschen. In der Vergangenheit hatte Burgess sich hin und wieder hingesetzt und Platten der Charlatans und auch seine Soloalben mit den Fans auf Twitter kommentiert. Und daran erinnerte er sich also im März, als Corona ein Land nach dem anderen in den Lockdown zwang.
 
Also schaute Burgess in sein Notizbuch, telefonierte herum und brachte gleich in der ersten Woche den Sänger von Franz Ferdinand, den Schlagzeuger von Blur und einen Gitarristen von Oasis dazu, über ihre alten Platten zu reden, die zu den stilbildenden in den letzten fünfundzwanzig Jahren gehören. Und als es später erneut um Musik von Oasis gehen sollte, war dann auch schon deren ehemaliger Sänger Liam Gallagher dabei.
 
Auf dieser Party zeigte sich besonders deutlich, was dieses Format so außergewöhnlich macht. Erfahrungsgemäß geben Popstars ungern in Interviews preis, was sie weswegen und wozu inspiriert hat; schon allein das Wort „Inspiration“ löst oft Widerwille aus. Bei den „Listening Parties“ teilen sie nun Anekdoten und Einflüsse freiwillig, zeigen private Fotos, erklären intimste künstlerische Entscheidungen – und das in einem Ausmaß, wie man es selten erlebt. Liam Gallagher beispielsweise hat den Ruf, nicht besonders gut mit der Presse klarzukommen (auch weil Journalisten oft genug nur darauf gelauert haben, dass er über die Stränge schlägt.)
Tim Burgess Tim Burgess > 
Auf Twitter aber war er entspannt, witzig und bei der Sache, vielleicht sogar etwas überfordert: Jedenfalls rief er zwischendurch den Oasis-Gitarristen Bonehead an, der auch bei dieser Party wieder mitkommentierte. „Alter, du kannst mich doch hier jetzt nicht anrufen“, twitterte Bonehead dann sofort. So ist die Stimmung auf den Partys: Man ist überhaupt nicht unter sich, aber unter sich. (Und wer pöbelt, wird von Burgess ermahnt oder geblockt.)
 
Ein Ende der Partys ist also nicht in Sicht. Vielleicht liegt es daran, dass es nicht Liturgien des Kunstgenusses sind, wozu die Wohnzimmerkonzerte und Lesungen im Lockdown anfangs neigten – sondern lebendige Kommunikation: Wer Sender, wer Empfänger ist, wird zweitrangig. „Es geht um Nostalgie“, sagt Burgess, „es geht um Details der Platten, die in Magazinen vielleicht übersehen wurden. Und weil alle die gleichen Songs hören, fühlt es sich an, als wären alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Es erinnert mich daran, wie ich mit dreizehn mit meinen Freunden zusammengesessen habe, Platten gehört und darüber geredet habe – aber auch an meine eigenen Konzerte, weil die Leute auf die Musik reagieren können.“
 
Aber wie erklärt sich Burgess die Offenheit und Mitteilungsbereitschaft seiner Kolleginnen und Kollegen? „Viele der Platten, über die wir reden, liegen in der Vergangenheit“, antwortet er. „Sie sind weiter in die Ferne gerückt, die Leute sind auch älter geworden – und die Dinge nicht mehr so empfindlich. Distanz spielt also eine Rolle. Aber viele reden auch über neue Platten, deswegen frage ich mich wirklich, woran es liegt.“
 
Burgess spricht von einem „safe space“, den seine Partys geschaffen hätten. Es kommen noch einige andere Faktoren zusammen: Eine Zielgruppe zwischen dreißig und sechzig, die Twitter (und nicht Instagram) kennt und nutzt und die wie Burgess mit der Erfahrung aufgewachsen ist, Platten am Stück zu hören, dabei aufs Cover zu starren und mit anderen über Texte zu rätseln. Dann ist da die Nostalgie, mit der im Laufe der Jahre auch aus schlechten Platten gute Platten werden, so wie aus schlechten Tagen gute.