Denkmal für ein Opfer der Polizeigewalt: Amy Sheralds Porträt von Breonna Taylor auf der „Vanity Fair“.27.08.2020  -  Schwarze waren in den Hochglanzmagazinen lange unterrepräsentiert. Umso prominenter zeigen diese nun, dass „Black Lives Matter“ auch bei ihnen gilt. Ist das nur schöner Schein?

 
So schnell kann ein Blatt sich wenden: Noch Anfang des Monats hatte die Designerin Tina Knowles-Lawson, deren Tochter Beyoncé mit ihrem Musikfilm „Black Is King“ gerade prachtvoll die Selbstermächtigung aller Schwarzen inszeniert, die amerikanische „Vogue“ auf Twitter dafür gerügt, dass sie zu wenig für Diversität im Blatt tue, und das Modemagazin aufgefordert, endlich mehr Schwarze für die Gestaltung seiner Titelblätter zu engagieren.
Als leuchtendes Gegenbeispiel stellte Knowles-Lawson das Schwesterblatt in Großbritannien heraus: Dessen Chefredakteur Edward Enninful, seit 2017 im Amt und dort selbst erster Mann und erster Schwarzer, hatte das Coverbild der renommierten September-Ausgabe von Misan Harriman aufnehmen lassen – und ihn so zum ersten schwarzen Fotografen in der Geschichte der britischen „Vogue“ gemacht, dem dieses Privileg zuteilwurde. Betitelt mit „Activism Now“, zeigt das Schwarzweißfoto Harrimans den Fußballspieler Marcus Rashford, der sich für bedürftige Kinder einsetzt, neben dem Model Adwoa Aboah, einer Aktivistin für mentale Gesundheit.
 
Damit setzt Enninful eine Linie fort, die sein Wirken leitet und ihn im Vorjahr auch zur Zusammenarbeit mit der damals noch fest im britischen Königshaus installierten Herzogin Meghan als Gastherausgeberin geführt hatte. Im September 2019 titelte das Heft mit einer Cover-Collage vieler überwiegend berühmter Frauen verschiedener Herkunft als „Forces for Change“, darunter die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Das war vor „Black Lives Matter“ und vor der Pandemie, aber die Botschaft in der Welt der Fashion-Magazine ist seitdem keine andere geworden, sondern wird nur noch deutlicher artikuliert: Gut auszusehen reicht nicht mehr, die Haltung muss stimmen, Vielfalt ist ein Muss – in Italien hat die „Vogue“ ein Model mit Down-Syndrom auf einem Titelblatt präsentiert – und Aktivismus hebt mehr als jedes Accessoire.
 
Hoffnungsbild: Kerry James Marshall malte ein Cover für die „Vogue“.Hoffnungsbild: Kerry James Marshall malte ein Cover für die „Vogue“ >
 
Man kann darin naserümpfend die kapitalistische Indienstnahme emanzipatorischer Impulse sehen – das Mode- und Beauty-Business ist immer eine Mega-Industrie, die Milliarden rund um den Globus verschiebt, indem sie vor allem als Konsumenten interessierenden Menschen normative Vorgaben macht. Man kann darin aber auch die Anerkennung dessen erkennen, das ein „Weiter so“ nach alten Modellen niemandem mehr zu verkaufen ist, nicht einmal denen, die überkommene Normen selbst verkörpern. Daran, dass es Enninful in London um mehr als nur Posen geht, bürgt er mit seinen persönlichen Erfahrungen: Jüngst twitterte der Brite mit ghanaischen Wurzeln, dass er auf dem Weg zu seinem Büro in der Redaktion von einem Mann des Sicherheitspersonals aufgehalten und Richtung Lieferanteneingang gewiesen worden sei – mutmaßlich seiner Hautfarbe wegen.
 
Das Modische ist jedenfalls (wieder einmal) hochpolitisch. Das hat man auch in Amerika verstanden, wo der weißen Chefredaktions-Veteranin Anna Wintour wenig Sympathie dafür entgegenschlug, dass sie nach dem Tod George Floyds durch Polizeigewalt zugab, ihre „Vogue“ habe schwarze Redakteure, Autoren, Fotografen und Designer nicht angemessen gefördert. Tyler Mitchell als einziger schwarzer Cover-Fotograf in dreißig Jahren steht dafür.
 
Aber unter dem für die September-Ausgaben international ausgegebenen „Vogue“-Motto „Hope“ holt die amerikanische Ausgabe auf. Nicht einen, gleich zwei afroamerikanische Künstler hat das Magazin für die Titelgestaltung verpflichtet: Der Maler Kerry James Marshall und die Malerin Jordan Casteel treten damit die Nachfolge unter anderem von Salvador Dalí und Giorgio de Chirico an. Marshall zeigt in seinem am Stil der Neuen Sachlichkeit orientierten Bild eine schwarze Frau in einem Interieur; sie trägt ein geometrisches weißgraues Hemdblusenkleid von Virgil Abloh. Casteel porträtiert die Designerin Aurora James, die nachhaltige Accessoires vertreibt, sich für schwarze Unternehmer einsetzt und politisch engagiert, auf einer Dachterrasse in einem lichtblauen Kleid von Pyer Moss.
 
Jordan Casteels Coverbild für die „Vogue“.< Jordan Casteels Coverbild für die „Vogue“.
 
Ein Vorbild für diese gemalten Titelbilder kann man bei der amerikanischen „Vanity Fair“ sehen. Sie setzt im September, nachdem schon im Juni „O, The Oprah Magazine“ ihr Bild auf den Titel gesetzt hatte, Breonna Taylor ein Denkmal. Die afroamerikanische Rettungssanitäterin war im März in Louisville von Polizisten in ihrer eigenen Wohnung erschossen worden. Ordnungskräfte waren auf der Suche nach Drogen in ihr Apartment eingedrungen. Taylors Partner hielt sie nach eigener Aussage für Einbrecher und eröffnete den Schusswechsel. Der Tod der jungen Frau ist einer der Fälle fataler Polizeigewalt, welche die „Black Lives Matter“-Proteste befeuern.
 
Auf dem Cover von „Vanity Fair“, die von dem „white supremacy“ anprangernden Autor Ta-Nehisi Coates als Gastherausgeber betreut wurde, steht Breonna Taylor statuarisch in Himmelblau vor einem himmelblauen Hintergrund, eine zugleich physisch präsente und ephemer wirkende Erscheinung, eine Schönheit. Um den Hals trägt sie eine zarte Kette mit Kreuzanhänger, an der linken Hand den Verlobungsring, den ihr Partner ihr schenken wollte. So verewigt wurde Taylor von der Malerin Amy Sherald – der Frau aus Baltimore, die vor zwei Jahren das schon ikonische Porträt der ehemaligen First Lady Michelle Obama malte.
 
Doch ihr jüngstes Werk erregt auch Widerspruch. Eine Kuratorin des Studio Museum in Harlem, Legacy Russell, wehrt sich gegen die Inszenierung des Gewaltopfers. „Die Ästhetisierung von Breonna Taylor ist inakzeptabel“, schreibt sie auf Twitter. „Es ist nicht radikal, ihr Bild dekorativ zu machen.“ Damit legt sie den Finger in die Wunde.