No future, das war gestern: Die Ärzte (Farin Urlaub, Rodrigo González, Bela B) treffen seit 1982 künstlerische Entscheidungen nach der Maxime „Anything goes“.27.08.2020  -  Kings of Punkkommerz: Bevor Die Ärzte im Oktober ein neues Album veröffentlichen, erscheint mit „Morgens Pauken“ nun die erste Single. Sie liefert die Antwort auf eine Frage, die sich die Band schon lange stellt.

 
Die neue Single der Ärzte heißt „Morgens Pauken“, sie hat ein muskulöses Riff und folgenden im Vocoder-Sound vorgetragenen Refrain: „Alles ist Punk, einfach alles ist Punk, wirklich alles ist Punk“. Applaus von den einen, große Aufregung bei den anderen. „Das ‚Punk‘-Thema hat man nun schon ziemlich häufig“, schreibt eine Hörerin ins Gästebuch der Band. Stimmt schon, aber es wird von Bela B, Farin Urlaub und Rodrigo González immer wieder gedreht und gewendet, aus großer Distanz betrachtet und unters Brennglas gelegt. In „Punk ist …“ (1998) kombinieren sie süffigen Jazz mit Hau-drauf-Plattitüden, in „Ist das noch Punkrock?“ (2012) fragen sie, wie sich Widerstandstrotz und Romantik miteinander vertragen. Heute, nach einigem Zoff und langsamer Wiederannäherung, schlagen Die Ärzte vor, „Punk“ als Distinktionsmarker das letzte Geleit zu geben.
 
Das passt gut zur sorgsam gepflegten Anything-goes-Haltung einer Band, die schon in den Achtzigern Popstar-Attitüden an den Tag legte, und es lässt sich als Vorschlag verstehen, auf den nostalgischen Blick Richtung 1977 zu pfeifen. Denn wenn jeder ein Punk ist, der ein „krasses Handicap“ oder ein „Schließfach bei der Bank“ hat, der bei „Blinde Kuh“ schummelt oder einen Pelzmantel besitzt, dann löst sich das einst klar definierte Label unter seinen unendlich vielen Repräsentationen auf. „No future, das war gestern“, sangen Die Kassierer 2010 – Die Ärzte zitierten es zwei Jahre später.
 
Ironisch gebrochene Egozentrik
 
In „Morgens Pauken“ geht es mit den Anspielungen schnell getaktet weiter, selbst vor Dieter Hallervorden macht die selbsternannte beste Band der Welt nicht Halt in dieser, Achtung: Liner Notes, „philosophischen Hymne, wie man sie hymnischer (im philosophischen Sinne) kaum gestalten konnte würde hatte gehabt“. Wer will, kann das als Ausweis ästhetischer Ambitionen lesen – Intertextualität und so –, tatsächlich aber wäre das heureka-versessen-feuilletonistisch gedacht, schließlich heben Die Ärzte immer wieder hervor, dass sie vor allem Spaß daran haben, ihre Fans ins Referenzgewitter zu schicken.
 
Video: bademeisterTV
 
Das kann detektivischen Spürsinn befördern und Ehrgeiz wecken. Auf Youtube kommentiert ein Nutzer den großartigen, von Norbert Heitker gedrehten Clip zur Single wie folgt: „Das Video ist voller Anspielungen auf alte Videos, Songs, Begebenheiten, plattencovern etc... aus 30 Jahren ärzte history.“ Danach beginnt eine Aufzählung, die hier und da den etwas übersteigerten Willen zur absoluten Exegese verrät, im Ganzen gleichwohl von einer soliden Kenntnis der Band zeugt. Alles ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: der Zaun selbst, die Perücken, die Outfits und die Cancan tanzenden Schulmädchen in Uniform.
 
Eine Armee von Untoten
 
Dass die Innuendos durchweg selbstreferentiell sind, sollte nicht verwundern: Mit bewusst eingesetzter und ironisch gebrochener Egozentrik unterwandern Die Ärzte gerne die eigene Glorie. In dem Song „Bravopunks“ heißt es: „Ärzte – Kings of Punkkommerz! / Ärzte – Punk-Rock ohne Herz! / Punkverräter!“ Das war vor fast zwanzig Jahren. Heute, da alles Punk ist, wiegt der Verrat nicht mehr so schwer.
 
Die Single zu „Morgens Pauken“ wird den Anmerkungen auf der Ärzte-Homepage zufolge „dein neuer bester Freund. Bzw. deine neue beste Freundin. Oder auch dein neues bestes Freundperson“. Auf dem Cover ist der Vater des Berliner Autors und Regisseurs Jörg Buttgereit zu sehen. Dasselbe Bild verwendeten Bela B und Farin Urlaub bereits 1982 für die „Fleisch EP“ ihrer damaligen Band Soilent Grün. Wiederholungen – lange Zeit ein Sakrileg für Die Ärzte – sind die ungelenken Stiefgeschwister der Neuheit, weswegen ihre schöne Funktion, etwas Vertrautes wieder zu holen, zu wenig gewürdigt wird. Wenn alles Dernier Cri ist, ist nichts mehr Dernier Cri (siehe oben).
 
In The Ä Tonight
 
Auch das Cover des am 23. Oktober erscheinenden Albums „Hell“ ist eine Rekapitulation im Kleinen, zeigt es doch Die Ärzte in Zombiegestalt – mit weißen Augen und, im Fall von Farin Urlaub, diabolischem Panoramagrinsen. Wir erinnern uns: Bedeutende Teile des bisherigen Œuvres liegen im „Schatten“ (1985) oder gar „Schattenreich“ (1996 ff.) der Ärzte, im Video zu „Junge“ (2007) splattert sich eine Armee von Untoten durch eine Vorstadtsiedlung, das Album „Geräusch“ (2003) hat den Doppelschlag „Pro-Zombie“ und „Anti-Zombie“ in petto, und die immer noch aktuelle Live-Platte von 2013 trägt den Titel „Die Nacht der Dämonen“.
 
Nachdem Die Ärzte im vergangenen Jahr in verschiedenen Städten Europas gespielt hatten, sollten von November 2020 an die nächsten Konzerte in Deutschland stattfinden. Derzeit befürchtet die Band allerdings, dass die binnen Sekunden ausverkaufte „In The Ä Tonight“-Tour um ein Jahr verschoben werden muss. Das jedoch stehe erst mit letzter Sicherheit fest, wenn die entsprechenden Erlasse von offizieller Stelle aktualisiert werden. Aus rechtlichen Gründen auf die Behörden angewiesen zu sein – auch das ist Punk.