Zusammen und doch durch Welten getrennt: Eduard (Jürgen Prochnow, von links), Adele (Petra Schmidt-Schaller) und Lew (Tambet Tuisk) auf ihrer Odyssee.28.08.2020  -  Frag doch mal Opa: In „Leanders letzte Reise“ glänzt Jürgen Prochnow in der Rolle eines 92-jährigen Wehrmachtsveteranen, der in der Ost-Ukraine nach seiner einstigen Jugendliebe sucht.

 
Eine Geburtstagsfeier in Kiew, die Gläser klirren, die Stimmung ist gut – doch dann kippt es vom Fröhlichen ins Sentimentale, vom Sentimentalen in Streit und von dort in die Stille. Es ist das Frühjahr 2014. Geburtstagskind Nikolai (Yevgeni Sitokhin) ist ein Mann um die sechzig, der mit der Roten Armee einmal in Potsdam stationiert war. Zwischen den Gästen sitzt sein Sohn Lew (Tambet Tuisk), der zur Feier aus Berlin anreiste. Ebenfalls am Tisch sitzen zwei Deutsche, die Lew unterwegs traf und spontan einlud: die Barkeeperin Adele (Petra Schmidt-Schaller) und ihr Großvater Eduard Leander (Jürgen Prochnow). Mit dem Streit haben Adele und Leander zunächst nichts zu tun. Lews Mutter Mascha (Natalia Bobyleva) erinnert an die Abwesenheit von Lews Bruder, der sich den russischen Separatisten im Osten der Ukraine anschloss. Vater Nikolai findet für den Bruder lobende Worte. Die Faschisten hätten im Weltkrieg 27 Millionen Sowjets getötet, „und nun sitzen sie hier in der Regierung“. Lew brodelt und schüttelt über die Diskreditierung der Majdan-Bewegung den Kopf.
 
Schon die Erwähnung der Toten aber ist den Deutschen eher unangenehm. Und es wird noch schwieriger, als sich Lews Onkel direkt an Adele richtet: „So waren die Ukrainer schon immer“, sagt er, „frag deinen Opa!“ Wobei er im anschwellenden Streit noch einiges mehr sagt, was ihr von Lew zwar nicht übersetzt wird, aber mit einem feixenden Fingerzeig auf Eduard verbunden ist. Adele schaut entgeistert drein. Sie hat sich beim Stichwort Faschismus offenbar noch nie persönlich angesprochen gefühlt, obwohl Opa Eduard mit der Wehrmacht in der Ukraine gekämpft hat. Das ändert sich jetzt. Denn auch Eduard will etwas sagen. Er knüpft leise an die Eingangs-Bemerkung von Nikolai und den Fingerzeig an („und nun sitzen sie hier“), erhebt sich, während Adele noch nicht richtig versteht – „die Faschisten?“. Schließlich sagt er in die Stille hinein: „Man kann mich als Faschist beschimpfen, ich hab’s verdient. Aber meine Enkeltochter nicht.“ Thema vom Tisch.
 
Eine Region, die ihn als Liebender und Kämpfender prägte
 
Die emotionale Szene, die Geschichte und Gegenwart clever verknüpft, ist eine von vier Schlüsselszenen, mit denen „Leanders letzte Reise“, ein Spielfilm von Nick Baker-Monteys (Buch und Regie) und Alexandra Umminger (Buch), an den langen Schatten des Weltkrieges zu erinnern versucht. Der Film handelt von einem 92-jährigen Deutschen, der noch einmal in eine Region zurückreisen will, die ihn in doppelter Hinsicht, nämlich als Liebender und Kämpfender, geprägt hat: die Ost-Ukraine. Enkelin Adele ist dabei gegen ihren Willen mit von der Partie: Sie scheiterte am Bahnhof in Berlin daran, ihren Opa von der Tour in die unruhige, alle Nachrichtensender beherrschende Ukraine abzuhalten. Stattdessen muss sie ihn begleiten und schon im Zug nach Kiew erdulden, dass der Großvater von einem Pärchen, Typ Stiftungsmitarbeiter, auf Verbrechen der Wehrmacht wie in Babyn Jar angesprochen wird, bei dem deutsche Soldaten mehr als 33.000 Juden umbrachten. Eduard knorrig: „Da war ich nicht.“ Das ist die zweite Szene, die lange nachwirkt, und auch hier blickt Petra Schmidt-Schaller als Adele so hübsch überfordert in die Runde. Die dritte ist der Moment, in dem sich Eduard – begleitet von Adele und Lew – durch ein Dorf bei Lugansk schleppt, in dem er als Angehöriger einer „Kosakenkavallerie-Schwadron“ stationiert war. Zum ersten Mal auf der Reise ist er nun unruhig: „Da stand die Kirche ... da war das Haus, da war die Scheune ... da war auf einmal der Himmel voller Staub, die Panzer der Roten Armee.“ Zum ersten Mal lässt er die Begleiter wirklich in sein Inneres schauen.
 
Jürgen Prochnow, berühmt geworden als Kommandant in „Das Boot“ 1981, spielt das grandios. „Leanders letzte Reise“ ist für ihn zweifelsohne ein wichtiger Film. „Ich bin 1941 geboren“, sagte er „epd Film“, als die Produktion 2017 ins Kino kam: „Meine ersten Erinnerungen sind mit diesem Krieg verbunden, ich besitze durch meinen Vater und meinen Großvater Erinnerungen und Erzählungen, die ich vor Augen hatte – einiges habe ich in diese Erzählung eingebaut.“
 
Das Bewusstsein, einen wichtigen Film zu produzieren, der uns parallel zum Wegsterben der Generation Eduard noch einmal an den Weltkrieg gemahnt und die Frage in den Raum stellt, was die Generation Adele mit ihm verbindet, ist aber auch die Schwäche dieses Roadmovies: Die Dialoge neigen zum Aus- und Übererklären, manche Ideen sind des Guten zu viel – die Frau im Zug etwa, die Babyn Jar erwähnt, hat einen Großvater, der dort umgebracht wurde. Und nah am Kitsch ist sowohl die Geschichte um Svetlana, jenes Kosaken-Mädchen, das Eduard bei Kriegsende zum letzten Mal sah, wie jene um Adele und Lew, die sich schon im Zug ineinander verlieben.