pbs.twimg.com/profile_images/118454748685109657...28.08.2020  -  Was die Art eines Verbrechens alles verrät: James Lee Burke lässt seinen Ermittler Dave Robicheaux in einem unergründlichen Fall versumpfen.

 

Wenn ein Krimiautor künstlerisch alles richtig macht, hält sich die Auflage seiner Bücher meist im überschaubaren Bereich. Umgekehrt bedeutet das: Schriftstellerische Mängel und Stromlinienplots werden normalerweise mit gigantischen Absätzen belohnt. Ausnahmen wie Lee Child, Erfinder des Genre-Helden Jack Reacher, bestätigen diese Regel genauso wie etwa Don Winslow, der sein Talent früh unter Beweis stellte, dann aber zugunsten des Kontostands ästhetisch abgerüstet hat.

 
Anders liegt der Fall bei James Lee Burke. Wenn er wollte, könnte er sich dem großen Publikum öffnen und die Verkaufszahlen seiner Titel in die Höhe treiben. Stattdessen hat er im vergangenen Jahr den zweiundzwanzigsten Teil der Reihe um Ermittler Dave Robicheaux vorgelegt und darin die Kunst der Verunklärung auf ein neues Niveau gehoben. Dank der Beharrlichkeit des Bielefelder Pendragon Verlags, der die Serie hierzulande betreut, liegt „Blues in New Iberia“ nun auf Deutsch vor.
 
Atmosphärisches Ornament
 
Selbst hartgesottene Krimi-Adepten werden das Buch als Herausforderung empfinden: unübersichtlich die Handlung, verworren die Beziehungen, schleppend die Ermittlung. Genau genommen, kümmert sich Robicheaux kaum um ein systematisches Vorgehen. Vielmehr hängt er Tagträumen nach und lässt seine Gedanken frei mäandern. „Ich glaube nicht, dass Zeit linear fortlaufend ist“, sinniert er, „ich glaube, die Welt gehört den Toten wie den Ungeborenen.“ Das erinnert an ein berühmtes Zitat aus der ersten Staffel von „True Detective“ (2014), die ebenfalls in Louisiana spielt. Darin sagt der von Matthew McConaughey verkörperte Polizist Rust Cohle: „Die Zeit ist ein flacher Kreis.“
Blues in New Iberia: Ein Dave-Robicheaux-Krimi, Band 22 (Ein Dave  Robicheaux-Krimi) eBook: Burke, James Lee, Bürger, Jürgen: Amazon.de:  Kindle-Shop  
In Burkes Thriller lösen sich Erfahrungsraum und Erwartungshorizont in einem atmosphärischen Ornament auf, welches sich vor allem den morastigen Bayous und Sümpfen verdankt: „Es herrschte einiger Wellengang in der Bucht, das Moos in den Bäumen war straff gespannt und die Boote auf ihren Hellingen schaukelten wie Bierdosen auf einer Welle.“ Schon nach wenigen Kapiteln scheint es egal zu sein, was sich ereignet hat oder passieren wird, weil die Hoffnungslosigkeit in surreal anmutenden Erinnerungen an den Vietnam-Krieg ebenso gegenwärtig ist wie im Alltag des Protagonisten. Davon zeugen eine schwarze Frau, die gekreuzigt im Meer driftet, ein Deputy Sheriff, der sich als Zuhälter versucht und mit einem Pfahl in Kehlkopf und Lunge endet, und ein Psychopath, der zwei Mafiosi mit einem Flammenwerfer röstet.
 
James Lee Burke: „Blues in New Iberia“. Ein Dave-Robicheaux- Krimi. Pendragon Verlag, Band 22, 592 Seiten, Klappenbroschur, PB, Euro 22,00
ISBN: 978-3-86532-684-3 >