Opernfestspiele Arena di Verona – Wikipedia01.09.2020  -  Neben der Neuproduktion von „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ stehen die Opernfestspiele 2021 ganz im Zeichen des 150. Jahrestags der Uraufführung von Verdis „Aida“. Selbst eine Pandemie kann die Oper nicht zum Schweigen bringen.

 

Weltweit machen die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 einen normalen Festspielsommer unmöglich. Auch die mittlerweile 98. Ausgabe der Opernfestspiele in der Arena von Verona mit einer geplanten Neuproduktion von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“ in einer Inszenierung des italienischen Filmregisseurs Gabriele Muccino – in den Hauptrollen Roberto Alagna und Aleksandra Kurzak – musste pandemiebedingt auf 2021 verschoben werden.
 
Festspielintendantin Cecilia Gasdia, die seit 2018 als erste Frau das weltweit größte Freilicht-Operntheater leitet, wollte jedoch nicht einen klanglosen Sommer in Verona akzeptieren. Wie die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, kämpfte sie mit Umsicht, Kreativität und einem von Fachleuten ausgearbeiteten Hygienekonzept gegen bürokratische Hürden und für ein Alternativprogramm unter dem Motto „Nel cuore della Musica“ („Im Herzen der Musik“).
 
Mit Erfolg: Zunächst von den Behörden abgelehnt, erwirkte sie zusammen mit dem Bürgermeister und Präsidenten der Fondazione Arena di Verona, Federico Sboarina, nach langem Hin und Her eine vom Consiglio Regionale del Veneto abgesegnete Sondergenehmigung. Statt der von der Zentralregierung in Rom festgelegten Obergrenze von tausend Personen dürfen 3100 der 13500 theoretisch zu Verfügung stehenden Sitzplätze des römischen Amphitheaters verkauft werden, nicht zuletzt um auch den enormen finanziellen Verlust zu minimieren.
 
Die Parkettsitze wurden ersatzlos gestrichen
 
Um alle Abstandsregeln einzuhalten, ist das Orchester anders als sonst in der Mitte der Arena auf einem roten Podest aufgestellt. Die Parkettsitze wurden ersatzlos gestrichen; stattdessen finden wie in antiken Zeiten die Zuschauer auf den Steinstufen Platz, wobei immer eine Reihe sowie mehrere Plätze zwischen den einzelnen Zuschauern frei bleiben. Statt pompösen Operninszenierungen stehen elf Konzerte auf dem Spielplan. Gleich die Eröffnung der Festspiele Ende Juli, die allen Angestellten im Gesundheitssektor gewidmet war, geriet mit 23 international renommierten Sängerinnen und Sängern sowie vier Dirigenten – alle aus Italien – zu einer imposanten wie emotionalen Machtdemonstration.
 
Neben mehreren Galaabenden mit Ausschnitten aus berühmten und weniger bekannten Werken der alles dominierenden italienischen Komponisten Gioachino Rossini, Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini sowie einem Konzert mit Werken Richard Wagners steht erstmals auch das Requiem von Wolfgang Amadé Mozart auf dem Programm, im Gedenken an die zahlreichen Todesopfer, welche die Pandemie insbesondere in Norditalien forderte.
 Erbschleicherfarce: „Gianni Schicchi“ in Verona.
Erbschleicherfarce: „Gianni Schicchi“ in Verona >
 
Im krassen Kontrast dazu steht der ebenfalls erstmals in der Arena von Verona aufgeführte Operneinakter „Gianni Schicchi“ aus Puccinis „Il trittico“ von 1918. Es ist eine Entscheidung, die angesichts der enormen Opferzahlen überrascht, hat doch Puccini zusammen mit dem Librettisten Giovacchino Forzano auf Basis einer Episode aus Dante Alighieris „Divina Commedia“ eine bitterböse und in der Opernliteratur geradezu singuläre Erbschleichersatire geschaffen.
 
Der achtundsiebzigjährige Bariton Leo Nucci, der nicht nur die Hauptperson verkörperte, sondern auch für die halbszenische Einrichtung verantwortlich zeichnet, versetzt allein durch den konsequenten Miteinbezug von Mund-Nasen-Schutzmasken die Handlung aus dem mittelalterlichen Florenz in die pandemiegeschüttelte Gegenwart. Wenn sich also in scheinheiliger Anteilnahme die zuvor enterbten Hinterbliebenen am Totenbett des wohlhabenden Patriziers Buoso Donati versammeln, sich über das aufgefundene Testament echauffieren und schlussendlich von Gianni Schicchi übers Ohr gehauen werden, der als falscher Donati vor dem Notar das Vermögen unter den gierigen Verwandten verteilt, sich jedoch die besten Immobilien kurzerhand selbst vermacht, so kommt man nicht umhin, die Handlung als Parabel auf streitsüchtige Erbgemeinschaften im Jahr 2020 zu deuten.
 
Selbst eine Pandemie kann die Oper nicht zum Schweigen bringen
 
In der nahezu ausverkauften Arena ist indes die Stimmung beinahe ausgelassen. Man freut sich hörbar über die Wiederholung der wohl bekanntesten Arie aus der Oper, „O mio babbino caro“, sanft strömend und mit warm temperiertem Timbre gesungen von der jungen italienischen Sopranistin Lavinia Bini. Leo Nucci hingegen musste für seine Zugabe in Ermangelung einer richtigen Arie auf das „Largo al factotum“ aus Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ zurückgreifen.
 
Neben der Neuproduktion von „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ stehen die Opernfestspiele 2021 ganz im Zeichen des 150. Jahrestags der Uraufführung von Verdis „Aida“, die unangefochten die Liste der meistaufgeführten Werke in der Arena anführt. Riccardo Muti wird anlässlich dieses Jubiläums mit einer konzertanten Aufführung der Oper nach Verona zurückkehren. Es ist zu hoffen, dass die kommenden Sommerfestspiele wieder unter normalen Bedingungen stattfinden werden, jedoch ist nach den diesjährigen Bemühungen in Verona klar: Selbst eine weltweite Pandemie kann die Oper in Italien nicht zum Schweigen bringen.