Pietari Inkinen03.09.2020  -  Pietari Inkinen ist als Dirigent eine Hochbegabung: In kurzer Zeit hat der die Deutsche Radiophilharmonie zu einem homogenen und reaktionsschnellen Ganzen geformt. Neue Einspielungen mit Symphonien von Antonín Dvořák und Sergej Prokofjew belegen es.

 

In diesem Sommer hätte Pietari Inkinen den neuen „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth dirigieren sollen, woraus nach Absage der Festspiele wegen der Corona-Pandemie bekanntlich nichts wurde. 2022 soll die Produktion nachgeholt werden, vernachlässigbar wenig ist zu hören von Dirigenten, die im Lauf der Jahre schlechter geworden wären. Und Inkinen, aus Finnland stammend, wird dann immer noch erst 42 Jahre alt sein und damit weiterhin zu den jüngsten Orchesterleitern gehören, denen auf dem Grünen Hügel Richard Wagners Tetralogie anvertraut wurde. Dass Katharina Wagner, die Festspielleiterin, mit ihm eine vielversprechende Wahl getroffen hat, untermauern derweil zwei neue Aufnahmen mit der Deutschen Radio Philharmonie. Seit 2017 leitet Inkinen das Orchester in Saarbrücken und Kaiserslautern, neben Verpflichtungen als Chefdirigent bei den Prager Symphonikern und beim Japan Philharmonic Orchestra. Die Chemie scheint zu stimmen, im Mai wurde Inkinens Vertrag bis 2025 verlängert.
 
Tatsächlich belegen beide Einspielungen – Antonín Dvořáks sechste Symphonie und von Sergej Prokofjew die dritte und sechste Symphonie –, dass Inkinen in Saarbrücken in kurzer Zeit ein Ganzes schuf, das recht in seinem Sinn harmoniert. Vielleicht braucht es für Orchestermusiker keine große Überwindung, ihm zu folgen, denn Inkinen, der auch Geige studierte beim großen Zuchtmeister Zakhar Bron, liebt die Melodie. Ihr zuvörderst gelten seine geschmeidigen Bewegungen, die schon beim bloßen Zusehen im Konzert für ihn einnehmen.
 
Der Melodie folgt Inkinen im Auf und Ab ihrer Energiezustände, im Beschleunigen und Bremsen ihrer inneren Bewegung. Dvořáks Sechste mit ihrem pastoralen Charakter (Johannes Brahms mit seiner zweiten Symphonie stand hörbar Pate) ist dann auch ein Stück, wo solches Melodiebewusstsein besonders am Platz ist. Schon der Beginn des Stückes mit der aufsteigenden Quart in den Holzbläsern nimmt sich aus wie ein zweimaliges genussvolles Atemholen (nach der Ankunft im Wald?), bevor im dritten Anlauf eine Melodie von smetana’scher Glücksschwermut entströmt.
 
Inkinen macht seine Liebe zur Melodie aber nicht blind. Was über und unter ihr passiert, verliert er nicht aus dem Blick. Er lässt sich auch nicht knechtisch mitreißen. Das „Allegro non tanto“ dieses Satzes nimmt er sehr genau, er versteht es als eine Aufforderung zum Verweilen, aus dem heraus der Blick erst möglich wird auf das musikalische Panorama, das Dvořák hier entstehen lässt. Zum Rundblick gehören auch Passagen, in denen das Melodiöse in den Hintergrund tritt und Rhythmik und Artikulation in den Vordergrund. Hier kommt dann Inkinens Präzision zum Tragen, die dem Werk auch dann gerecht wird, wenn sich Dvořáks Aufmerksamkeit dem Unterholz zuwendet und es nickelig und fitzelig wird. Kein Dirigent ohne Orchester: Die Deutsche Radio Philharmonie folgt mit Mut zur Trennschärfe und, wenn es ans Singen geht, mit weitem Atem. Nicht nur nebenbei ist zu hören, über welch ausdruckstarke und klangschön spielende Bläser das Ensemble verfügt.
 
Keine Eile auch bei den beiden Symphonien von Prokofjew, nicht einmal im aufgeregt motorischen „Allegro agitato“ der dritten Symphonie oder im Vivace-Schlusssatz der Sechsten, der bei Inkinen in heiterer Präzision zu hören ist. Der Dirigent behält auch hier die Kontrolle, lässt sich nicht fortreißen und ermöglicht hörbar doch ein Maximum an Spielfreude. Auch fällt es Inkinen nicht schwer, die Stacheln zu akzeptieren, die Prokofjews Musik gelegentlich aufstellt, gegen Hörer wie Ausführende. Schroffheiten lässt er geschehen, ohne sie abzumildern oder auch demonstrativ hervorzuheben. Prokofjews eigenartige Stellung zwischen gefühlsintensiver Romantik und kühler, technischer Moderne, unvereint zusammengebracht, wenn in seiner Musik weit ausgreifende Melodik mit chronographenhaft tickender Begleitung untermalt wird: Inkinen kann die Offenheit dieses Zustandes akzeptieren und muss nicht „interpretierend“ nachhelfen. Wenn das mal keine guten Voraussetzungen für Wagner sind.
 
Antonín Dvořák: Symphonie Nr. 6. Deutsche Radio Philharmonie, Pietari Inkinen. SWR-Music (Naxos) 747313909384< Antonín Dvořák: Symphonie Nr. 6. Deutsche Radio Philharmonie, Pietari Inkinen. SWR-Music (Naxos) 747313909384
Sergej Prokofjew: Symphonien Nr. 3, Nr. 6. Deutsche Radio Philharmonie, Pietari Inkinen. SWR-Music (Naxos) 747313908684 

Sergej Prokofjew: Symphonien Nr. 3, Nr. 6. Deutsche Radio Philharmonie,

Pietari Inkinen. SWR-Music (Naxos) 747313908684 >