Hergeschaut: Donyale Luna mit Goldohrringen von Charlotte March, 1966<  Hergeschaut: Donyale Luna mit Goldohrringen von Charlotte March, 1966
 
06.09.2020  -  Mit seiner Sammlung „Fotografie in Deutschland nach 1945“ erzählt Michael Schupmann die Geschichte des Mediums, der Bundesrepublik – und seines Lebens.

 

Es ist eine Binsenweisheit, dass sich jeder Sammler sein eigenes Universum bastelt, und doch konnte dem Kunstmarkt nichts Besseres passieren, als Susan Sontags Aperçu, wonach Fotografien zu sammeln heiße, die Welt zu sammeln. So hat sie es gleich auf der ersten Seite ihres 1978 erschienenen Essay-Bands „On Photography“ formuliert. Die Fotogalerien, die damals allerorten eröffneten, griffen das dankbar auf und machten den werbeträchtigen Satz zu so etwas wie ihrer gemeinsamen Losung. Im Umkehrschluss freilich kann man der Verführung nicht widerstehen, aus einer Sammlung Rückschlüsse auf den Sammler, den Schöpfer dieser Welt zu ziehen – nicht nur auf dessen Vorlieben für bestimmte Künstler, Genres oder Formen der Ästhetik, sondern gleich auf den gesamten Charakter.
 
Doch Michael Schupmann macht es einem schwer. „Fotografie in Deutschland nach 1945“ hat er seine Sammlung von etwa siebenhundert Arbeiten mit bestenfalls buchhalterischem Impetus überschrieben, und wer jetzt den breiten Querschnitt daraus in der Ausstellung im Würzburger Museum im Kulturspeicher sieht, glaubt zunächst, der vollendeten Leidenschaftslosigkeit gegenüberzustehen. Mit lauter prominenten Namen und vielen prominenten Aufnahmen deckt die Schau das Spektrum westdeutscher Schwarzweißfotografie zwischen dem Ende des Kriegs und dem Mauerfall mit geradezu enzyklopädischem Eifer ab. Reportage und Porträts, Sachfotografie und Mode, Stillleben und Selbstinszenierungen, Dokumentation und Konzeptkunst – alles vorhanden. Wobei sich die Präsentation alle Mühe gibt, innerhalb der auseinanderdividierten Bildgattungen auch noch den Bildautoren selbst jeweils ihren eigenen Platz zu geben, was den lexikalischen Eindruck Neuigkeit: Nescafé von Robert Häusser, 1956verfestigt.
 
Neuigkeit: Nescafé von Robert Häusser, 1956 > 
 
Zurück zur Stunde Null
 
 
Dabei beginnt die Präsentation mit den ältesten Fotografien der Sammlung, Aufnahmen des Bildjournalisten Hilmar Pabel, der 1947 einen glücklichen, aber erschöpften Kriegsheimkehrer vom Bahnhof bis in sein Elternhaus begleitet hat, um die Stunde Null zu dokumentieren. Alles, was in der Ausstellung zu sehen ist, hat hier seine Wurzeln. Die Hoffnung auf einen Neubeginn ebenso wie das Gefühl von Zweifel und Scham oder der Versuch der Verdrängung und später der unbedingte Wille, abzurechnen mit der Elterngeneration.
 
Bringt man deshalb Michael Schupmanns Sammlung für ein Gedankenspiel in chronologische Reihenfolge, schimmert dahinter gleichsam als Wasserzeichen eine Biographie auf. Es ist, als habe der ehemalige Arzt aus der nordhessischen Provinz die Bilder dafür benutzt, sich seiner Lebensgeschichte zu vergewissern, womit er zugleich vom Zeitpunkt seiner ersten Käufe, 1989, zurückschaut auf die Geschichte der Bundesrepublik. Dabei ergänzen sich die Felder Gesellschaft und Politik, Wirtschaft und Kunst nicht nur, sie sind regelrecht ineinander verflochten.
  
Elegant auf der Straße
 
In Willi Moegles sachlich modern fotografiertem Kaffeeservice der Marke Arzberg aus den fünfziger Jahren mag ebenso ein Stück Erinnerung stecken wie in Hubs Flöters Aufnahmen von Mannequins der Haute Couture jener Tage. Die Aufnahmen der Serie „Die Deutschen“ von Stefan Moses zeigen ein Jahrzehnt später vielleicht zum letzten Mal die fröhliche Runde zufriedener Figuren des Wirtschaftswunders, während nur einen Wimpernschlag später in Will McBrides Bild-Essays die Jugend neue Lebensformen ausprobiert und auf Barbara Klemms Ein-Bild-Reportagen dann vollends auf die Barrikaden geht. Wilhelm Schürmann entlockt den Bausünden deutscher Städte den Reiz konstruktivistischer Kompositionen, während Detlef Orlopp seine Kamera mit einmaliger Ausdauer und Konsequenz immer wieder auf Wasseroberflächen richtet, um den Wellen und Reflexen stets neue, magische Momente zu entlocken.
 
Wie sehr Fotokünstler den Geist der Zeit auch jenseits einer dokumentierenden Darstellung zu bannen vermögen, belegten bereits die Arbeiten der Gruppe fotoform, die mit abstrakten Motiven verzaubernder Schönheit ihre traumatischen Erlebnisse an der Front zu kompensieren versuchte, während Andreas Müller-Pohle ein halbes Menschenleben später die digitalisierte Welt in die Zahlenkolonne ihrer Daten überträgt.
 
Vortex: Op Art Design auf einem Badeanzug von F. C. Gundlach, 1966Op Art am Strand
 
Mit überragenden Beispielen der Konkreten Fotografie schafft die Sammlung Schupmann sogar eine Klammer zur großartigen Dauerpräsentation des Würzburger Museums, der Konkreten Kunst mit Beispielen aus aller Welt.
 
< Zugleich schlägt sie damit jedoch äußerst spielerisch den Bogen zu den Modefotos, in denen sich die Muster der Op-Art bei F. C. Gundlach auf einem Badeanzug und bei Charlotte March auf einem Mini-Kleid wiederfinden.
 
 
Für den deutschen Kunst- und Auktionsmarkt, der sich nur allzu gern einem internationalen Kanon beugt und sicher nicht zuletzt der hohen Preise wegen nach Amerika und Japan schielt, könnten sie einen Anschub bedeuten. Fehlt nur noch ein Slogan.
 
Schupmann Collection – Fotografie in Westdeutschland. Museum im Kulturspeicher, Würzburg; bis zum 25. Oktober. Der reich bebilderte Katalog kostet 29 Euro.