Ralph Fiennes im Londoner Bridge Theater06.09.2020  -  Am Londoner Bridge Theater trägt Ralph Fiennes eine Schimpfkanonade von David Hare vor. Es ist eine Abrechnung mit der britischen Covid-19-Strategie.

 

Ist es privatwirtschaftlicher Dynamik oder der Behäbigkeit subventionierter Betriebe zuzuschreiben, dass eine unabhängige, kommerzielle Bühne, wie das seit knapp drei Jahren bestehende Londoner Bridge Theater schneller als alle anderen die Initiative ergreift, um einen Weg aus dem Lockdown zu finden? Wahrscheinlich liegt es auch am Führungspersonal. Jedenfalls ist es Nicholas Hytner und Nick Starr, denen einst das National Theatre unterstand, gelungen, an ihrem Bridge Theatre, eine Saison mit zwölf hochkarätig besetzten Monologen zusammenzustellen und somit in Britannien unter den Ersten in der gesamten Branche zu sein, die nach monatelangem Stillstand den Betrieb – wie eingeschränkt auch immer – wieder aufgenommen haben.
 
Es hilft freilich auch, dass das Theater in einem modernen Block nahe der Tower Bridge untergebracht ist, über ein weiträumiges Foyer verfügt und variabel bestuhlt werden kann, so dass 250 durchweg unter Maskenpflicht stehende Zuschauer in einem Saal mit neunhundert Plätzen schachbrettartig verteilt sitzen, ohne dass der Raum gähnend leer wirkte.
 
Beim Auftakt der Saison lauschte das Publikum fünfzig Minuten lang gebannt der von Ralph Fiennes vorgetragenen Schimpfkanonade des Dramatikers David Hare, die denselben Titel, „Beat the Devil“ („Schach dem Teufel“), trägt wie John Hustons Filmsatire aus den fünfziger Jahren. Hares Monolog paart eine bis ins kleinste physische Detail gehende Chronik seiner eigener Erkrankung an Covid-19 im März mit einer bitterbösen Betrachtung der Handhabung der Pandemie durch die Regierung von Boris Johnson. Mitunter meint der Autor Parallelen zwischen seinem Fieberwahn und dem Irrwitz der Regierenden zu sehen. „Nichts macht Sinn“, bemerkt er mit jener süffisant kopfschüttelnden Attitüde, die dem politischen Dramatiker zur zweiten Natur geworden ist. Dass im Zusammenhang mit dem Kabinett immer wieder das Wort mittelmäßig fiele, erregt sein besonderes Missfallen. Man tue dem Begriff „mediocre“ Gewalt an, indem man Inkompetenz mit Mittelmaß gleichsetze, schnaubt Hare. Nach seiner Genesung gesteht er, nicht vom Überlebens-Schuld-Syndrom befallen zu sein, sondern von der Wut des Überlebenden.
 
Ralph Fiennes, der in dem neuen, auf den Herbst verschobenen Bond-Film demnächst wieder als M zu sehen sein wird, kommt, wie von Krankheit gezeichnet, leicht geduckt daher. Er legt die Jacke über die Lehne des Stuhls, nimmt eine große Kladde aus der Brieftasche, setzt sich vor einer wie mit Japanpapier bespannten weißen Bildfläche an den Schreibtisch und hebt zu einer Tirade an, deren Unerbittlichkeit nur durch spitzzüngige Pointen und die virtuose Darbietung gelindert wird. Unter der subtilen Regie von Nicholas Hytner schreitet Fiennes um den Tisch herum, während er die Wirkungen des wie eine „schmutzige Bombe“ detonierten Virus auf seinen Körper schildert. Wie die zur Untermalung vom blassesten Blau zum zartesten Rosa changierenden Farben auf dem Paravent, wechselt sein Tonfall von frustriertem Sarkasmus zu funkelndem Zorn. Wenn es um Politik geht, geschieht genau das, was Hares Laune beim Fernsehen verschlechtert, weil „ein dichter Schneesturm von Klischees den Bildschirm“ beschlägt. Trotzdem stehender Applaus. Und große Dankbarkeit für ein gemeinsam erlebtes Theater jenseits der eigenen vier Wände.