Immer online: Die Datensammler freuen sich.05.09.2020  -  Zensieren, kuratieren, analysieren: Die Tech-Giganten des Silicon Valley weiten ihre Macht unaufhörlich aus. Andreas Barthelmess hat ein lehrreiches Buch über die Fallstricke unseres vernetzten Lebens geschrieben.

 

Der Tyrannosaurus Rex war der König unter den Dinosauriern, ein fleischfressendes Ungetüm, dem man sich besser nicht in den Weg stellte. In Andreas Barthelmess’ Buch „Die große Zerstörung“ spielt der T-Rex eine wichtige Rolle, allerdings in Form eines schnell wachsenden T-Rex-Huhns, das alle anderen Hühner im Umkreis auffrisst. „In der Plattformökonomie geht es immer um das T-Rex-Huhn“, schreibt Barthelmess, selbst Gründer eines Start-ups. Die milliardenschweren Tech-Giganten Amazon, Google, Facebook und Microsoft sind, um bei Barthelmess’ Bild zu bleiben, solche T-Rex-Hühner, die nach dem „The Winner takes it all“-Prinzip funktionieren, sprich Konkurrenten ausschalten oder aufkaufen.

 
Es blicken zwar immer mehr Menschen besorgt auf die Machtakkumulation weniger Silicon-Valley-Konzerne, die Daten abschöpfen, Meinungsäußerungen im Netz zensieren, kuratieren und analysieren, Nachrichten- und Warenströme lenken und die Politik beeinflussen, doch die Bequemlichkeit, mit wenigen Klicks seinen Alltag zu optimieren, wiegt schwerer.
 
Richtige Diagnose, falscher Schluss
 
Barthelmess zeigt, was wir eigentlich längst wissen, zigfach gelesen haben, aber trotzdem nicht wahrhaben wollen: dass wir zu Marionetten der digitalen Revolution geworden sind. Whatsapp, Facebook, Instagram, Uber, Airbnb, Carsharing, GoogleMaps, Amazon, Tripadvisor, Paypal, all die praktischen Dienste und Vernetzungstools sind Selbstverständlichkeiten. Nähme man den Modebegriff „Digital Detox“ tatsächlich ernst, man würde sich selbst ins soziale Aus manövrieren: „Technologie-Unternehmen sind nicht nur ökonomisch, sondern mittlerweile auch geopolitisch mächtige Player. Dazu kommt noch der Einfluss über ihre Soft Power, ihre kulturelle Bedeutung, die Macht ihrer Applikationen, Regeln und Icons, der Silicon-Valley-Einfluss auf Mode und Zeitgeist.“
 
Doch der Autor ist kein Kulturpessimist, der sich zurück ins heimelige „Nutella-Deutschland“ träumt. Weder #MeToo noch Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung wären ohne die weltumspannende Vernetzung in ihrer Durchschlagskraft denkbar gewesen. Dass das Foto des toten Jungen Alan Kurdi am Strand von Bodrum der Welt die Tragödie, die sich täglich auf dem Mittelmeer abspielt, vor Augen geführt hat, stimmt ebenfalls – nur zieht Barthelmess daraus den falschen Schluss, wenn er pauschal behauptet: „Social Media steigert unsere Empathie für diejenigen Schwachen und Unterdrückten, deren Leid uns früher ganz einfach verborgen geblieben wäre.“
 
Aufmerksamkeit für Missstände 
 
In großem Maßstab trifft das in der Regel nur auf ausgeleuchtete Einzelschicksale zu. Unsere Empathie ist ein umworbenes Gut; auch im Netz investieren wir sie am liebsten dort, wo wir ihren Nutzen beobachten können. Deshalb generieren Crowdfunding-Aktionen für Schicksalsgebeutelte immer wieder absurde Spendensummen. Andererseits hat Barthelmess natürlich recht, was die durch soziale Medien gesteigerte Aufmerksamkeit für Missstände betrifft.
 
Sein Buch ist immer dann besonders erhellend, sobald er die Mechanismen der Plattformökonomie und des Überwachungskapitalismus freilegt, wenn er also über Netzwerk- und Skaleneffekte schreibt, über die Steuertricks der Silicon-Valley-Elite, über Wettbewerbspolitik und Wagniskapital. Und über die Verlierer weltweit, deren Zahl durch die digitale Disruption, Big Data, Automatisierung und Künstliche Intelligenz zunehmen wird. Hierzulande profitiert von dieser Entwicklung die AfD, die nicht in erster Linie aus ökonomischen, sondern aus soziokulturellen und sozialpsychologischen Gründen gewählt wird.
Andreas Barthelmess: „Die große Zerstörung“. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht.  
Barthelmess hatte das Pech, dass sein Buch während des Lockdowns erschienen und der Aufmerksamkeitsökonomie zum Opfer gefallen ist. Andererseits ist gerade jetzt, da die Karten zumindest ein bisschen neu gemischt werden, ein guter Zeitpunkt für die Lektüre – und wenn auch nur, um sich daran zu erinnern, dass Amazon zu Beginn der Corona-Pandemie Bücher als irrelevant einstufte, eine Zeitlang aus dem Sortiment verbannte und der Buchbranche einen weiteren Schlag versetzte. Die Frage, die bei Barthelmess stets mitschwingt, lautet: In welche Abhängigkeiten wollen wir uns eigentlich zukünftig noch begeben?
 
Andreas Barthelmess: „Die große Zerstörung“. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht. Dudenverlag, Berlin 2020. 256., geb., 18,– €. >