Wovon träumt ein Kanarienvogel? Das Bilderbuch „189“ kennt die Antwort.05.09.2020  -  Die Welt, vom Käfig aus gesehen: Dieter Böge und Elsa Klever erzählen in ihrem Bilderbuch „189“ von Singvögeln, vom Harz und vom Blick nach Amerika.

 
Der Vogel weiß nicht, wie ihm geschieht. Er kennt das Ende seiner Geschichte ebenso wenig wie der Leser, und so ist es, als würden sich die beiden Seite für Seite auf eine Reise begeben, deren Ziel sie nicht erahnen. Ihre Perspektiven ähneln einander. Stilistisch und immer wieder bildlich ist das neue Buch von Dieter Böge und Elsa Klever deswegen aus der Sicht eines Vogels erzählt.
 
Es ist nicht irgendein Vogel, sondern einer jener „Harzer Roller“ genannten Kanarienvögel, die im neunzehnten Jahrhundert aus Sankt Andreasberg im Harz zu Tausenden in die Welt exportiert wurden. In seinem „Kanariengeschichtlichen Nachwort“, einer Melange aus Zeichnungen und lexikalischen Erläuterungen, denen Dieter Böge mit feiner Ironie die Schwere nimmt, erläutert er die wahren Hintergründe seiner Geschichte: Die Kanarienvögel waren den Bergleuten im Harz nützlich. Sie nahmen sie in kleinen Käfigen mit zu ihrer Arbeit unter Tage. Wenn die Vögel dort unten aufhörten zu singen, wussten die Bergleute, dass ihnen die Luft knapp geworden war, und verließen ihrerseits die Stollen. Außerdem lernten die Vögel im Harz, mit geschlossenen Schnäbeln zu pfeifen, und wegen der rollenden Töne, die dabei entstanden, wurden sie so berühmt, dass ihnen heute in Sankt Andreasberg ein eigenes kleines Museum gewidmet ist.
 
Dieter Böge, der den Text schrieb, und die Illustratorin Elsa Klever erzählen die Geschichte vom Erfolg dieser Vögel als eine Reise ins Ungewisse. Was das Tier von der Welt weiß, beschränkt sich auf die Aussicht, die ihm sein Käfig bietet und die sich nur schrittweise erweitert. „Er kann den Himmel sehen und fast die Hälfte einer großen Fichte und in der Ferne den Wald auf einem Hügel.“ Alle drei Elemente – Himmel, Wald und Fichten – werden gleich zu Beginn des Buches eingeführt und avancieren rasch zu Leitmotiven, die von der Verwurzelung des Vogels in seiner Heimat künden und von dem, was diese Heimat ausmacht: Fachwerkhäuser, Zwiebeltürme, knochenharte Arbeit in den Stollen der Bergwerke und immer wieder die Fichten, die bezeichnenderweise weniger auffallen, wenn Klever sie in kräftigen Farben und verwunschenen Formen verfremdet, sondern mehr, wenn sie sie in tiefem, wie mit Tintenfeder gezeichnetem Schwarz schimmern und leuchten lässt, als wären sie nasses Holz.
 
Diese Bildmotive illustrieren das Lied des Vogels. Wenn er singt, fliegen sie über die Seiten des Buches und verleihen ihm den Charakter eines Wimmelbuches. Was ihm allerdings fehlt, ist die Atmosphäre von heiler Welt, die dem Genre gewöhnlich eigen ist. Klevers winzige Figuren, die Dieter Böge, Elsa Klever: „189“. Aladin Verlag, Stuttgart 2020. 48 S., geb., 17,– €. Ab 5 J.Bauern und Bergleute, erinnern wegen des einfachen, ländlichen Lebens, das sie führen, vielmehr an die Gemälde von Pieter Brueghel. Sie verhehlen nicht, dass das Leben und die Vogelzucht im Harz mit etlichen Härten verbunden war. Nicht zuletzt für den Vogelhändler, der sich zu Fuß und mit einem Spezialgestell auf dem Rücken vom Harz nach Bremerhaven und über Southampton bis nach New York aufmachte, wo er die „Harzer Roller“ offenbar immer noch gewinnbringend verkaufte.
 
Was auf diese Weise in dem Buch zusammenkommt, sind oft zwei Seiten derselben Medaillen. Die Furcht vor dem Aufbruch ins Ungewisse und die Freude des Wiedererkennens von Vertrautem in der neuen Welt. Die zerbrechliche Schönheit eines kleinen Kanarienvogels und das schöne Geschäft, das sich mit seiner Stimme machen ließ. Dieter Böge und Elsa Klever bringen Gefühlslagen in Einklang, die sich vermeintlich im Wege stehen. Und sie bereisen mit ihnen die ganze Welt.
 
Dieter Böge, Elsa Klever: „189“. Aladin Verlag, Stuttgart 2020. 48 S., geb., 17,– €. Ab 5 J. >