Das Brüder Grimm Denkmal am Marktplatz im hessischen Hanau06.09.2020  -  Die Schwestern Hassenpflug trugen zahlreiche Märchen zur Sammlung der Brüder Grimm bei. Die lernten sie von ihrer Mutter, die sich durch eine besondere Lektüre inspirieren ließ.

 

Die vielleicht spannendste Frage der Brüder-Grimm-Forschung führt zu den Beiträgerinnen und Beiträgern ihrer Märchen. Jacob und Wilhelm Grimm waren, als 1812 der erste Band ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ erschien, junge Gelehrte, die mit wichtigen Vertreterinnen und Vertretern der Romantik bekannt oder befreundet waren. Im berühmten „Kränzchen“ kamen bei den Brüdern Grimm in Kassel großenteils junge Frauen zusammen, die sich für moderne Literatur interessierten. Unter ihnen waren drei der vier Schwestern der Hanauer Familie Hassenpflug: Marie, Jeanette und Amalie, genannt Malchen.
 
Vor allem durch die Arbeiten von Heinz Rölleke wissen wir, dass etwa dreißig Märchen der Brüder Grimm von diesen Schwestern stammen. Allein zwanzig von Marie, der 1788 geborenen Ältesten, darunter „Dornröschen“, „Brüderchen und Schwesterchen“ und das kleine Vexiermärchen „Der goldene Schlüssel“, mit dem seit 1815 alle Auflagen der Märchensammlung enden. Marie Madelaine Hassenpflug, die Mutter der Schwestern, stammte aus einer Hugenottenfamilie aus der Dauphiné. Ihr Großvater war als Glaubensflüchtling nach der Aufhebung des Edikts von Nantes auf Umwegen nach Hanau gekommen, wo er in zweiter Ehe die Hugenottin Madeleine Debély heiratete.
 
Marie Madelaine verlor mit viereinhalb Jahren ihre Mutter. Deshalb wuchs sie bei der Großmutter in der Hanauer Neustadt auf, die ab 1597 für wallonische und niederländische Glaubensflüchtlinge erbaut worden war. Als 1778 auch noch Marie Madelaines Vater starb, wurde sie mit elf Jahren Vollwaise. Zehn Jahre später heiratete sie Johannes Hassenpflug, den Vorsteher des Amtes Altenhaßlau bei Gelnhausen. Der reformierte Glaube verband sie zwar, sie lebten aber in zwei unterschiedlichen Kulturen.
 
Eine harsche Patronin als Großmutter
Im Haus der Großmutter von Marie Madelaine Hassenpflug wurde Französisch gesprochen, und zwar aus Prinzip und mit großer Strenge der als harsche Patronin agierenden Großmutter. Die Familie von Johannes Hassenpflug dagegen stammte seit mehreren Generationen aus der Grafschaft Hanau. Nach der Heirat wurde Johannes Hassenpflug 1789 Schultheiß der Hanauer Neustadt. Französisch sprach er nicht. Die Familie wohnte am Marktplatz der Neustadt, gegenüber dem Rathaus, dem Amtssitz des Schultheißen. Außer Marie Hassenpflug lebten dort ihre Schwestern Suzette und Jeanette sowie ihr Bruder Ludwig bis zum Umzug nach Kassel, wo Maries jüngste Schwester Amalie zur Welt kam.
 
Dass viele Märchen der Brüder Grimm, anders als zunächst suggeriert, nicht von „ächt hessischen“ Bauersfrauen, sondern von Beiträgerinnen wie etwa Dorothea Viehmann erzählt wurden, die hugenottische Vorfahren hatten, ist bekannt. Nichts lag näher, als Marie Hassenpflug und ihre Schwestern der Quelle zuzurechnen, die aus einem französischen Reservoir schöpfen konnte: der gestrengen Großmutter ihrer Mutter. Genau das geschah auch. Bei den Arbeiten an einer demnächst erscheinenden Literaturgeschichte der Stadt Hanau kamen allerdings erhebliche Zweifel an der – bezogen auf die Hassenpflug-Schwestern – urgroßmütterlichen Quelle auf. Vielmehr trat mit Marie Madelaine Hassenpflug eine sehr interessante, gebildete Frau ans Licht, die kein Buch mehr liebte als Heinrich Jung-Stillings Lebenserinnerungen.
 
Amalie Hassenpflug, die später eine enge Freundin von Annette von Droste- Hülshoff wurde, liefert in ihren Kindheitserinnerungen ein ebenso verständnisvolles wie kluges Porträt ihrer Mutter. Diese wird als liebenswürdige Person geschildert mit einem Hang zum Wunderbaren und einer durch Lektüre geschärften Weltwahrnehmung, deren Großmutter hingegen als unzugänglich, barsch und kalt. Sie habe sich in der Hanauer Neustadt in einem Zirkel wohlhabender Fabrikanten verschanzt und verkehre ausschließlich in ihrer engen, französisch sprechenden Welt. Die Mutter sei dagegen stets auf der Suche nach Bildung und anregenden Gesprächen gewesen. Die früh verwaiste Marie Madelaine suchte und fand in Hanau Mentoren, Vorbilder, mit deren Hilfe sie den Beschränkungen ihrer Großmutter entkommen konnte.
 
Schaut man sich an, in welch kunterbunten Kreis von inspirierenden Männern und Frauen die Mutter der Märchenschwestern geriet, dann wundert es nicht, dass aus ihren Töchtern versierte Erzählerinnen wurden. Zu nennen sind unter anderen Karl Christian Wolfart, der auch ein literarischer Mentor der ganz in der Nähe der Schwestern Hassenpflug wohnenden Günderrode-Schwestern war. Er propagierte die medizinische Nutzung des tierischen Magnetismus und wechselte nach Berlin, wo er unter anderem Hausarzt von Bettina von Arnims Familie und Friedrich Carl von Savigny war.
 
Merkwürdig, wie sich verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen kreuzten: Dr. Wolfart war ein Cousin der Hassenpflug-Schwestern. Er schrieb muntere Verse für Karoline von Günderrode und ihre Schwestern und erhielt von Suzette Hassenpflug poetische Gegengaben. Die eigentliche Entdeckung aber ist Johann Karl Wolfart, Karl Christians Vater. Er war mit der Schwester von Johannes Hassenpflug verheiratet – und er war ein Pietist. „Sie (ihre Mutter) liebte und ehrte ihn über alles“, schrieb Amalie Hassenpflug in ihren Kindheitserinnerungen. Beide, Marie Madelaine Hassenpflug und „Onkel Wolfart“, beschreibt Malchen als in sich gekehrte, manchmal recht traurige und einsame Menschen. Dann aber scheinen sie sich gegenseitig „erweckt“ zu haben. Eine innige Beziehung zwischen den beiden „lockerte die Kieselsteine der schweizerischen Orthodoxie auf dem Grunde ihres Herzens“, schrieb ihre Tochter. Und auch der „liebe Onkel“ lebte merklich auf.
 
Solche Schilderungen erinnern an pietistische Erweckungserlebnisse. Ein Medium, wenn nicht das Medium dieser gegenseitigen Erweckung war nach dem Zeugnis von Malchen Hassenpflug die dreibändige Autobiographie des Pietisten Heinrich Jung-Stilling. Jacob und Wilhelm Grimm übernahmen viel später auch drei Märchen aus Jung-Stillings Lebensgeschichte in ihre eigene Sammlung: „Jorinde und Joringel“, „Der alte Großvater und sein Enkel“ und „Die alte Bettelfrau“. Die Mutter der Märchenschwestern ist durch den pietistischen Mann ihrer Schwägerin, Johann Karl Wolfart und Jung-Stillings Lebenserinnerungen mit den drei Märchen offenbar aus einem bitteren Dornröschenschlaf geweckt worden. Gelockert wurden dabei nicht nur die Kieselsteine auf dem Herzensgrund, sondern auch die Zunge. Ihren Töchtern erzählte sie nun Märchen, die zu den schönsten der Weltliteratur gehören – zum Beispiel „Dornröschen“.