Gerade noch gerettet: Eine Migrantin bringt sich im Flüchtlingslager Moria mit ihrem Kind vor den Flammen in Sicherheit.13.09.2020  -  Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria fragen sich viele: Wie konnten Griechenland und die EU solche Zustände zulassen? Die Antwort ist einfach. Aber sie tut weh.
 
Die Bilder haben viele entsetzt: Auf der griechischen Insel Lesbos ist das Flüchtlingslager Moria durch mehrere Brände völlig zerstört worden. Wie sie entstanden sind, ist noch unklar. Die griechische Regierung ist aber davon überzeugt, dass sie vorsätzlich gelegt wurden – von Flüchtlingen, die so ein Ende des Lagers erzwingen wollten. Eigentlich ist es aber egal, warum es gebrannt hat. Wichtiger ist, dass das Thema Moria durch das Feuer die Aufmerksamkeit erhält, die es schon lange verdient.
 
Das Lager Moria gibt es seit 2014. Eigentlich bietet es nur Platz für höchstens 3.000 Menschen – aber seit Jahren leben dort viel mehr. Im Februar waren es mehr als 20.000, und vor dem Brand lebten dort immer noch mehr als 12.000 Flüchtlinge – darunter mehrere tausend Kinder. Die Menschen hatten nicht genügend Platz und mussten auf engstem Raum hausen; die hygienischen Zustände waren verheerend, es gab nicht für jeden ausreichend Wasser. Die Stimmung war angespannt, oft kam es zu Gewalttaten. Auch Krankheiten brachen immer wieder aus, und diese Gefahr wurde durch das Coronavirus nur noch größer.
 
Warum lässt Europa so etwas zu? Und wieso haben die Griechen so lange viel zu viele Flüchtlinge in Moria untergebracht und dabei offenbar in Kauf genommen, dass die Zustände immer menschenunwürdiger wurden? Die Antwort ist einfach, aber sie tut weh: Weil sie es nicht anders wollten. Und das gilt nicht nur für die Griechen, sondern auch für den Rest Europas, der Griechenland mit den Flüchtlingen ziemlich lange ziemlich alleingelassen hat.
 
Jetzt, nach dem Brand, sind viele europäische Politiker plötzlich entsetzt und wollen den Menschen aus Moria ganz schnell helfen. Die langen Jahre vor dem Brand hat viele Europäer deren Schicksal aber herzlich wenig interessiert. Weil Flüchtlinge in einem Lager im fernen Griechenland viel weniger Probleme machen, als wenn man sie zu sich ins eigene Land holt und sich dort um sie kümmert. Dazu sind viele Regierungen in Europa aber nicht bereit. Auch, weil sie Angst vor Kritik und Auseinandersetzungen mit ihren Wählern haben.
Nach dem Brand: Kinder schlafen auf der Straße nahe der Stadt Mytilene auf Lesbos. 
Überhaupt hat man manchmal den Eindruck, dass die Flüchtlinge von Moria für manche nur Figuren auf einem politischen Schachbrett sind, wo sie nach Belieben hin- und hergeschoben werden. Alle Flüchtlinge aus Moria sind aus dem Nicht-EU-Land Türkei über das Mittelmeer nach Lesbos gekommen. Weil seit 2015 immer mehr Menschen auf diesem Wege versucht haben, nach Europa zu gelangen und weil die große Zahl von Flüchtlingen an den innereuropäischen Grenzen die Politiker aufgeschreckt hat, hat die EU 2016 mit der Türkei ein Abkommen geschlossen. Es sah vor, dass abgelehnte Migranten und Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückgeschickt werden sollen. Für jeden abgelehnten Asylbewerber, den die Türkei wieder aufnimmt, sollte im Gegenzug ein syrischer Flüchtling aus der Türkei nach Europa kommen dürfen.
 
Mit dieser Abmachung sollte eigentlich verhindert werden, dass die Migranten die gefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen. Aber manche sagen, das Abkommen habe vieles noch schlimmer gemacht. Denn zum einen werden viel weniger abgelehnte Asylbewerber von Griechenland aus in die Türkei zurückgebracht als vereinbart. Zum anderen dürfen die Flüchtlinge, die in Lagern wie in Moria auf Lesbos sind, die griechischen Inseln seither nicht mehr verlassen, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Doch das dauert nicht wenige Tage oder Wochen, wie ursprünglich geplant, sondern Monate oder manchmal sogar Jahre.
 
All das hat dazu geführt, dass die Zahl der Flüchtlinge in Moria lange immer weiter gewachsen ist. Manche sagen deshalb, es sei der griechischen Regierung ganz recht, wenn dort so schlimme Zustände herrschen. Denn das halte viele Flüchtlinge in der Türkei vielleicht davon ab, sich auf den Weg nach Lesbos zu machen: das Lager Moria als Abschreckungsmaßnahme.