21.7.2020 | Sorge um eine deutsche Auswanderin in Bagdad: Hella Mewis soll aus einem Wagen heraus von Unbekannten aufgegriffen worden sein. Die gebürtige Ostberlinerin lebt schon seit vielen Jahren im Irak.
 
In Bagdad ist offenbar eine deutsche Staatsbürgerin entführt worden. Sie sei am Montag nach Verlassen ihres Büros im Zentrum der irakischen Hauptstadt von Unbekannten verschleppt worden, verlautete aus Sicherheitskreisen. Sie war demnach auf ihrem Fahrrad unterwegs, als sich ihr zwei Fahrzeuge näherten. Danach hätten Zeugen beobachtet, wie sie aus den Wagen heraus aufgegriffen worden sei. Polizisten hätten den Vorfall verfolgt, aber nicht eingegriffen. 
 
Den Berichten zufolge soll es sich bei der Frau um die gebürtige Ostberlinerin Hella Mewis handeln. Sie lebt  laut einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" seit 2013 in der irakischen Hauptstadt und leitet dort ein Kunstprogramm, das die Arbeit junger irakischer Künstler fördern will. Zeitweise arbeitete sie auch für das Goethe-Institut.
 
Bewaffnete Männer hätten Mewis in ihre Gewalt gebracht, schrieb Ali al-Bajati, Mitglied der vom Parlament gewählten Menschenrechtskommission, am Montag bei Twitter. Die Männer hätten sie am Montagabend gegen 20 Uhr (Ortszeit) in Nähe des Kulturzentrums im zentral gelegenen Stadtteil Abu Nuwas entführt, so Al-Bajati. Das Viertel liegt unweit des Flusses Tigris. Sicherheitskräfte hätten die Suche nach ihr aufgenommen, sagte ein Aktivist, der namentlich nicht genannt werden wollte, in der Nacht zum Dienstag. Mewis war demnach am Montag nicht mehr auf ihrem Handy erreichbar.
 
Ihre Kultureinrichtung "Bait Tarkib" – zu übersetzen etwa als "Haus der Installation" – wurde 2015 zur Förderung zeitgenössischer Kunst gegründet. Die Organisation bemüht sich laut ihrer Website darum, "aufstrebende irakische Künstler und junge Menschen zu fördern, die ihr künstlerisches Talent entwickeln oder eine künstlerische Laufbahn anstreben". Moderne Kunst hat im Irak teils einen schweren Stand. Viele irakische Künstler leben im Ausland.
 
Der in Deutschland lebende irakische Schriftsteller Najem Wali beschrieb Mewis im Jahr 2017 als Frau, die entgegen irakischer Konventionen in Cafés geht, ihr Haar offen trägt und nur selten zum Kopftuch greift. An der Uferstraße am Tigris habe sie 2016 eine Frauenfahrrad-Demonstration organisiert. Mewis habe Kontakte in die Politik und sei gut vernetzt.
 
Eine Korrespondentin berichtete auf Twitter, unter Berufung einer Freundin, dass sich Mewis nach der Ermordung des international anerkannten politischen Analysten Hisham al-Hashimi Sorgen gemacht habe. "Ich habe letzte Woche mit ihr gesprochen und sie war an den Demonstrationen beteiligt und sehr nervös nach dem Attentat", wird die Quelle zitiert.
 
Vor zwei Wochen hatten Unbekannte al-Haschimi in der Nähe seiner Wohnung in Bagdad erschossen. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. In den irakischen Medien richtete sich der Verdacht vor allem gegen die Iran-treue schiitische Miliz Kataib Hisbollah und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Al-Haschimi galt als einer der besten Kenner extremistischer Gruppen im Irak. Er äußerte sich häufig kritisch zu proianischen Milizen im Land und war als Regierungsberater tätig.
 

Die deutsche Botschaft wollte sich auf Anfrage zunächst nicht zu dem Fall äußern. Die Fälle von Entführungen ausländischer Staatsbürger im Irak haben in diesem Jahr deutlich zugenommen.