Nur nicht in Panik geraten: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron12.09.2020  -  Wo hat die neue Ansteckungswelle in Frankreich ihre Ursprünge? Die Regierung laviert um die Frage herum. Ein Arzt aus Marseille geht einen anderen Weg – und muss sich Rassismusvorwürfe gefallen lassen.
 
Nach einem neuen Rekordwert von annähernd 10.000 neuen Covid-19-Fällen setzt Frankreich auf lokal begrenzte Maßnahmen, um das Virus einzudämmen. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte am Freitag, er wolle „nicht in Panik verfallen“, aber „anspruchsvolle, realistische Einschränkungen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens“. Macron traf sich am Freitag mit den wichtigsten Ministern für Gesundheit, Inneres, Auswärtiges und Verteidigung zu einem „Covid-19-Verteidigungsrat“ im Elysée-Palast. Premierminister Jean Castex konnte nur per Bildschirm zugeschaltet werden, weil er sich nach einem Kontakt mit dem infizierten Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, in Quarantäne begeben hat.
 
Nach den Gesprächen sagte Castex, es werde vorerst keine „allgemeinen Ausgangsbeschränkungen“ geben. Stattdessen rief er die Behörden in besonders betroffenen Städten wie Marseille und Bordeaux sowie im Überseegebiet Gouadeloupe auf, bis Montag örtlich begrenzte Maßnahmen vorzuschlagen. Zugleich mahnte er, Abstandsregeln einzuhalten. „Das Virus zirkuliert mehr und mehr in Frankreich. Das Morgen hängt von Ihnen ab, von uns.“
 
Zuletzt hatte Frankreich einen Höchststand von Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Während das französische Gesundheitsministerium von fast 10.000 neuen Fällen am Donnerstag sprach, zählte die Johns Hopkins University fast 9.000 Fälle. Der Premierminister sprach am Freitag von einer „deutlichen Verschlechterung“ der Situation.
 
Um der Lage Herr zu werden, sollen Corona-Tests für Menschen mit Symptomen oder Beschäftigte im Gesundheitswesen beschleunigt werden. Die Quarantänezeit wird zugleich von 14 auf sieben Tage verkürzt, um so eine bessere Akzeptanz der Maßnahme zu erreichen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums halten viele Franzosen die Selbstisolation nicht ein.
 
Am Freitag wurden zudem weitere Départements als Risikogebiete eingestuft. Insgesamt gelten nun 42 als sogenannte rote Zonen, zuvor waren es knapp 30. Dort haben die lokalen Behörden die Möglichkeit, Maßnahmen zu ergreifen, die das öffentliche Leben einschränken. Zu den roten Zonen zählen etwa der Großraum Paris sowie weite Teile der Mittelmeerküste.
 
„Wir sind alle Teil dieses Kampfes“
 
Die höchsten Infektionszahlen kommen aus den dicht besiedelten Großstädten, in denen die sozialen Abstandsregeln oftmals aus Platzmangel nicht eingehalten werden. Macron appellierte vor den Gesprächen mit Castex und den Ministern an das Verantwortungsbewusstsein der Franzosen, „denn wir sind alle Teil dieses Kampfes gegen das Virus“.
 
Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Jean-Francois Delfraissy, hatte Alarm geschlagen. Das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen sei zutiefst beunruhigend, sagte Delfraissy und forderte „eine gewisse Zahl schwieriger Entscheidungen“. Aber anders als im März zeigte Macron wenig Bereitschaft, den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu folgen. Als demokratisch gewählter Präsident habe er auch andere Aspekte im Blick zu behalten wie „die Bildung unserer Kinder“ und „die Behandlung anderer Krankheiten“.
 
Seit Anfang September hat der Präsenzunterricht an allen Schulen wieder begonnen. Im sozialen Brennpunkt Seine Saint-Denis haben sich jedoch 3900 Schüler nicht aus den Ferien zurückgemeldet und sind nicht in die Klassenzimmer zurückgekehrt. Das Bildungsministerium hat Aufklärung versprochen.
 
32 der insgesamt 60.000 Schulen im ganzen Land sind seither wegen einer Häufung von Infektionsfällen geschlossen worden. Zudem findet wegen vereinzelter Ansteckungsfälle in 524 Schulklassen kein Unterricht statt. Eltern, die keine Möglichkeit zur Kinderbetreuung haben und keinen Heimarbeitsplatz nutzen können, können im Fall von Schulschließungen die großzügige Kurzarbeitsregelung in Anspruch nehmen.
 
Traditionelle Feste als Infektionsbeschleuniger?
 
Der Regierung fällt es dabei schwer, die soziale Dimension der neuen Ansteckungswelle zu benennen. Einem Arzt in Marseille wurde Rassismus vorgeworfen, weil er sich direkt an die „komorische Gemeinschaft“ gewandt und sie zu stärkerer Wachsamkeit aufgerufen hatte. Seit der Dekolonisation der Komoren ist Marseille zentrales Migrationsziel für Menschen aus dem Inselstaat im Indischen Ozean. Der französisch-komorische Anteil an der Bevölkerung in der Mittelmeermetropole wird auf etwa zehn Prozent geschätzt.
 
„Ich will nicht noch mehr Patienten verlieren“, sagte der Arzt Slim Hadiji in seinem Videoappell an die komorische Community, die überproportional viele Ansteckungs- und Todesfälle zu beklagen hat. „Von 55 Tests, die ich bei meinen Patienten durchgeführt habe, waren 34 positiv. Mein komorischer Kollege wie auch meine Arztkollegen im Norden von Marseille kommen zu dem gleichen Ergebnis. Fast 70 Prozent der Intensivbetten sind von Menschen mit komorischen Wurzeln belegt“, sagte Hadiji.
 
Als möglichen Grund für die Infektionswelle nannte er die traditionellen Feste der hauptsächlich muslimischen Franko-Komoren, die im Sommer ihren Höhepunkt erreichten. Die „Madjilisse“ genannten Feste seien eine Mischung aus Inselbrauchtum und religiöser Tradition. Abstandsregeln würden dabei nicht berücksichtigt, oftmals kämen bis zu 300 Menschen zusammen.
 
Den Vorwurf der Stigmatisierung von Bürgern mit Einwanderungshintergrund wies der Arzt zurück. Sein Ziel sei es, Menschenleben zu retten. „Ich hätte genauso geredet, wenn es sich um Italiener oder Spanier gehandelt hätte“, sagte er. Der Abgeordnete der Präsidentenpartei La République en marche, Said Ahamada, hat dem Arzt vorgeworfen, die Komorer zu „stigmatisieren“. Unter den Komorern würden die Regeln genauso respektiert wie bei anderen Franzosen.
 
Die Hinweise verdichten sich, dass Reiserückkehrer aus Nordafrika für viele Ansteckungsfälle in den dicht besiedelten Sozialbausiedlungen vor den Toren der französischen Großstädte verantwortlich sein könnten. Die Regierung bemäntelt die Lage derzeit mit Schweigen, um der Rechtspopulistin Marine Le Pen nicht weitere Argumente für ihre fremdenfeindliche Propaganda zu geben. Algerien hat seine Grenzen für den Fremdenverkehr geschlossen, aber die Rückreise von Bürgern mit doppelter Staatsbürgerschaft und Franzosen nach Frankreich bleibt erlaubt.
 
Unter den neuen Infektionsfällen waren viele dieser Reiserückkehrer. Ärzte befürchten, dass die Intensivstationen im Herbst – wie bereits im März – überlastet sein könnten. Das bisherige Maximum war Anfang September mit etwa 9000 erfassten Fällen binnen eines Tages vermeldet worden. Die Zahlen lagen seitdem regelmäßig auf ähnlich hohem Niveau. Im Frühjahr lag das Maximum bei etwa 7500 erfassten Fällen. Allerdings testet Frankreich auch wesentlich mehr als zu Beginn der Epidemie.
 
Es stecken sich derzeit verstärkt junge Erwachsene mit Sars-CoV-2 an. Die renommierte Hochschule für Politikwissenschaften, Sciences Po, musste ihren Lehrbetrieb auf dem Campus in Reims einstellen, weil sich dort 34 Studenten angesteckt haben.